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Der Alleinerbe

Autorenbild: Sophia A. Marten
Sophia A. Marten
14. Aug.
12 Min. Lesezeit

Mein Vater ist seit etwas mehr als einem Monat tot und seitdem tauchen immer wieder Dinge aus dieser ganzen Familiengeschichte auf, über die ich nachdenke, die ich neu einordne oder die ich schlicht festhalten möchte, weil sie dazugehören.


Vor ein paar Tagen lag ein Brief vom Amtsgericht in meinem Briefkasten.


Darin war das Testament meines Vaters.


Nicht meine Familie hat es mir gegeben, nicht mein Bruder hat mir gesagt, dass es existiert und niemand hat es geschafft, mir dieses Dokument einfach selbst zukommen zu lassen. Selbst das musste am Ende ganz offiziell über das Amtsgericht laufen.


Überrascht hat mich das nicht und ehrlich gesagt juckt mich auch nicht besonders, dass mir niemand aus meiner Familie dieses Testament persönlich gegeben hat, denn dafür ist in den vergangenen Jahren zu viel passiert und meine Erwartungen an diese Menschen sind längst niedrig genug, als dass mich so etwas noch ernsthaft enttäuschen könnte.


Ich erwähne es trotzdem, weil es zur Geschichte gehört und weil ich es auf eine ziemlich nüchterne Art bezeichnend finde.


Am Ende war es eine Behörde, die dafür gesorgt hat, dass ich das Testament meines eigenen Vaters bekomme.


Eine handgeschriebene Seite aus dem Jahr 2020, auf der mein Vater festgelegt hat, dass mein Bruder sein Alleinerbe sein soll.


Mich hat er enterbt.


Rein finanziell ist das heute vollkommen egal, denn am Ende gab es sowieso nichts mehr zu erben außer Schulden, die wir alle ausgeschlagen haben. Den Anteil am Haus, den er damals noch besaß und in diesem Testament meinem Bruder zugedacht hatte, hatte er Jahre später ohnehin auf ihn übertragen, mir ist durch dieses Testament also kein Geld entgangen und ich ärgere mich auch nicht darüber, dass mein Bruder irgendetwas bekommen hätte, was eigentlich mir zugestanden hätte.


Darum geht es nicht.


Es geht um die Tatsache, dass mein Vater irgendwann ein Blatt Papier genommen und bei vollem Bewusstsein entschieden hat, dass sein Sohn einmal sein Alleinerbe sein soll und seine Tochter nicht, und dass er darunter sinngemäß an meine Mutter und mich geschrieben hat: „Jetzt habt ihr beiden endlich eure Ruhe vor mir.“


Was die Sache für mich noch schwerer nachvollziehbar macht, ist der Zeitpunkt, zu dem er dieses Testament geschrieben hat.


Es entstand an meinem Geburtstag im Jahr 2020, und wir hatten uns an diesem Tag sogar noch gesehen. Er hatte mir gratuliert, mich umarmt und es gab für mich keinerlei Anzeichen dafür, dass dieser Mann offenbar am selben Tag die Entscheidung getroffen hatte, mich zu enterben und meinen Bruder zu seinem Alleinerben zu machen.


Und nein, zu diesem Zeitpunkt war zwischen uns noch nicht all das passiert, was später passieren sollte. Es gab noch keinen langen Brief von mir, auf den er nicht antwortete, keine Hochzeit, zu der er nicht eingeladen war, keine Nachricht aus dem Jahr 2023 und keine endgültige Eskalation zwischen uns, mit der ich mir seine Entscheidung heute im Nachhinein irgendwie bequem erklären könnte.


Was es damals gab, war vor allem meine zunehmende Distanz.


Ich hatte meinem Vater zuvor mehrfach gesagt, dass ich mir mehr Interesse an meinem Leben wünsche, dass ich gerne Eltern hätte, die tatsächlich anwesend sind und sich dafür interessieren, wie es mir geht und was bei mir passiert. Ich hatte versucht, etwas einzufordern, das für mich eigentlich ziemlich banal klingt: Ich wollte nicht ständig diejenige sein, die einer Beziehung hinterherläuft, sondern wollte merken, dass auf der anderen Seite ebenfalls ein Interesse daran besteht, Teil meines Lebens zu sein.


Damit bin ich ziemlich konsequent auf taube Ohren gestoßen und habe mich irgendwann zurückgezogen, nicht nach irgendeinem riesigen Streit, nicht nachdem ich meinen Vater beschimpft oder ihm etwas Unverzeihliches angetan hatte, sondern weil ich müde davon war, um Interesse und Anwesenheit zu bitten und trotzdem das Gefühl zu haben, dass sich nichts verändert.


Und offenbar war irgendwann in genau dieser Phase seine Antwort darauf, mich zu enterben.


Das ist zumindest das, was ich heute anhand dieses Testaments weiß. Was ich nicht weiß, ist, was in seinem Kopf dabei passiert ist, und ich möchte ihm nach seinem Tod auch keine Motive andichten, die ich nicht belegen kann. Vielleicht hat er meinen Rückzug als Zurückweisung empfunden, vielleicht war er verletzt, vielleicht wütend oder gekränkt und vielleicht gab es für ihn eine vollkommen andere Erklärung.


Aber die zeitliche Reihenfolge ist mir wichtig, gerade weil sich unsere Beziehung später noch so massiv verschlechtert hat.


Ich möchte nicht im Nachhinein meine Nachricht von 2023 anschauen und denken: Na ja, kein Wunder, dass er mich enterbt hat.


Die gab es noch gar nicht.


Auch meinen Brief von 2021 gab es noch nicht.


Was es gab, war eine Tochter, die ihrem Vater mehrfach gesagt hatte, dass sie sich mehr Interesse und Anwesenheit von ihren Eltern wünscht, irgendwann aufgehört hatte, darum zu bitten, und sich zurückgezogen hatte, und einen Vater, der sie an diesem Tag noch völlig normal gesehen und umarmt hat, ohne dass sie auch nur den geringsten Schimmer davon hatte, dass auf einem Stück Papier gleichzeitig etwas ganz anderes über ihre Beziehung stand.


Vielleicht ist genau das der Teil an diesem Testament, der mich tatsächlich trifft.


Nicht das Geld und nicht die Vorstellung, dass mein Bruder irgendetwas bekommen sollte, sondern dass zwischen dem, was ich damals von unserer Beziehung wahrgenommen habe, und dem, was offenbar in meinem Vater vorging, eine solche verdammte Lücke gewesen sein muss.


Und dass ich erst sechs Jahre später davon erfahren habe.


---


Vielleicht beschäftigt mich dieses Stück Papier gerade auch deshalb, weil es ziemlich gut zu einer Familiengeschichte passt, über die ich in den letzten Wochen ohnehin viel nachgedacht habe: Ich habe verdammt viel Energie damit verbracht, Menschen zu verteidigen, deren Konflikte eigentlich nie meine Aufgabe waren.


Ich habe mich jahrelang vor meine Mutter und meinen Bruder gestellt, nicht immer, weil mein Vater etwas gegen mich gemacht hatte, sondern sehr oft, weil ich gesehen oder erzählt bekommen habe, was zwischen ihnen passiert ist und weil ich das Gefühl hatte, dass jemand endlich den Mund aufmachen muss.


Also habe ich den Mund aufgemacht.


Allerdings wäre es falsch, meine Wut auf meinen Vater rückblickend nur damit zu erklären, dass ich meine Mutter und meinen Bruder verteidigen wollte, denn zwischen meinem Vater und mir war zu diesem Zeitpunkt längst genug eigener Scheiß passiert.


Einige Jahre zuvor hatte mein Vater einmal geäußert, dass er im Falle meines Todes lieber selbst mein irgendwann vielleicht einmal vorhandenes Kind großziehen würde, als es meiner Frau zu überlassen. Dieses Kind existierte damals noch nicht einmal, trotzdem ist mir dieser Satz bis heute im Gedächtnis geblieben, weil darin für mich ziemlich deutlich steckte, wie wenig ernst er meine Beziehung, meine zukünftige Familie und vor allem die Rolle meiner Frau darin nahm.


Ein Jahr später haben meine Frau und ich geheiratet.


Mein Vater war nicht eingeladen.


Im Herbst 2021 schrieb ich ihm außerdem einen langen Brief, in den ich sehr viel Zeit und Energie gesteckt hatte, weil ich versucht hatte, ihm zu erklären, was zwischen uns eigentlich passiert war, was sein Verhalten mit mir gemacht hatte und warum ich mich von ihm zurückgezogen hatte.


Auf diesen Brief bekam ich nie eine Antwort.


Keine Erklärung, keinen Widerspruch, kein „Das sehe ich anders“, kein „Lass uns reden“, sondern einfach nichts, und stattdessen ignorierte er mich danach fortan.


Als ich meinem Vater im Mai 2023 schließlich eine lange und ziemlich heftige Nachricht schrieb, war zwischen uns also nicht plötzlich aus dem Nichts ein Konflikt entstanden, sondern da lagen Jahre voller eigener Verletzungen, Rückzug, Wut und Dinge, über die wir nie wirklich miteinander gesprochen hatten.


Und ich war schwanger.


Natürlich ist eine Schwangerschaft kein Freifahrtschein dafür, anderen Menschen jeden Gedanken ungefiltert an den Kopf zu werfen, und ich war auch schwanger verantwortlich für das, was ich geschrieben habe. Gleichzeitig wäre es aber ziemlich albern, so zu tun, als hätte dieser Umstand überhaupt keine Rolle gespielt, denn plötzlich war dieses Kind, über das mein Vater Jahre zuvor so selbstverständlich gesprochen hatte, tatsächlich da, und Fragen danach, wer zu meiner Familie gehört, wer meinem Kind nah sein soll und welche Menschen ich in unserem Leben haben möchte, waren nicht mehr theoretisch.


Und dann bekam ich gleichzeitig wieder mit, was zwischen meinem Vater, meiner Mutter und meinem Bruder passierte.


Meine Mutter und mein Bruder arbeiteten damals beide noch für ihn und versuchten, irgendwie den Laden am Laufen zu halten, obwohl wirtschaftlich schon ziemlich viel den Bach runtergegangen war, während ich meinen Vater als undankbar und abwertend gegenüber genau den Menschen erlebte, die ihm noch halfen.


Irgendwann ist mir der Kragen geplatzt.


Die Situation mit den beiden war vielleicht der Auslöser, aber die Wut war längst meine eigene.


---


Also schrieb ich ihm.


Wenn ich diese Nachricht heute lese, muss ich nicht so tun, als wäre das eine besonders reife oder besonnene Grenzsetzung gewesen, denn das war es nicht. Die Nachricht war hart, teilweise richtig böse und an manchen Stellen ganz bewusst verletzend, weil ich in diesem Moment auch verletzen wollte.


Ich habe ihm gesagt, dass er selbst schuld an seiner Situation ist, dass er aufhören soll, das Opfer zu spielen, dass meine Mutter und mein Bruder ihm den Arsch retten und er sie trotzdem wie Dreck behandelt. Ich habe ihm vorgeworfen, sein Unternehmen selbst gegen die Wand gefahren zu haben, und ihm gesagt, dass die Menschen um ihn herum bessere Menschen seien als er.


Und dann habe ich ihm gesagt, dass er nicht der Opa meines Kindes sein wird, weil ich selbst schon seit Jahren keinen Vater mehr habe.


Das war hart und heute, nachdem er gestorben ist, liest sich dieser Satz natürlich noch einmal anders, trotzdem werde ich mir nicht einreden, dass ich ihn eigentlich gar nicht so gemeint hätte, denn natürlich habe ich ihn so gemeint.


Ich war unfassbar wütend auf diesen Mann, auf das, was zwischen uns passiert war, auf die Dinge, die nie geklärt worden waren, auf das Schweigen nach meinem Brief und gleichzeitig auf das, was ich wieder über seinen Umgang mit meiner Mutter und meinem Bruder mitbekam.


Was mir heute beim Lesen dieser Nachricht allerdings auffällt, ist, wie viel davon überhaupt nicht von mir handelt, sondern von meiner Mutter und meinem Bruder, davon, dass sie ihm helfen, dass sie für ihn arbeiten, dass sie seine Behandlung nicht verdient haben und dass er gefälligst dankbar sein soll, dass diese Menschen überhaupt noch da sind.


Ich habe mich vor sie gestellt.


Und rückblickend frage ich mich manchmal: Warum eigentlich?


---


Denn weder meine Mutter noch mein Bruder waren meinem Vater gegenüber besonders zimperlich, ganz im Gegenteil.


Mein Bruder hat ihn als „Fickfehler“ bezeichnet, meine Mutter hat mehrfach gesagt, sie würde ihm gerne ein Messer in den Bauch rammen, und ich habe über Jahre Dinge über meinen Vater gehört, die teilweise wesentlich schlimmer waren als das, was ich selbst über ihn gesagt habe.


Nur gab es einen Unterschied: Sie haben sich irgendwann wieder mit ihm arrangiert.


Es wurde gestritten, geschimpft, gehasst und hinter seinem Rücken wurden die übelsten Dinge gesagt, aber irgendwann wurden die Wogen wieder geglättet und es ging weiter, während ich das irgendwann einfach nicht mehr konnte.


Vielleicht war ich wirklich die Extreme in dieser Familie, nur eben nicht unbedingt deshalb, weil meine Worte extremer waren als die der anderen, sondern weil ich irgendwann angefangen habe, das alles ernst zu nehmen und Konsequenzen daraus zu ziehen.


Wenn meine Mutter mir erzählt, wie schlimm mein Vater sie behandelt, glaube ich ihr, und wenn mein Bruder mir erzählt, was passiert ist, glaube ich ihm. Wenn ich mitbekomme, dass zwei Menschen, die ich liebe, unter einem anderen Menschen leiden, werde ich wütend und stelle mich vor sie, und wenn ich irgendwann zu dem Punkt komme, an dem ich sage, dass ich mit einem Menschen nichts mehr zu tun haben möchte, dann komme ich nicht kurze Zeit später wieder zurück und tue so, als wäre nichts gewesen.


Ich habe Konsequenzen gezogen, vielleicht manchmal zu schnell, vielleicht manchmal zu hart und vielleicht auch an Stellen, an denen ich besser überhaupt nicht Partei ergriffen hätte, aber ich habe sie gezogen.


Und irgendwann stand ich damit alleine da.


---


Das schreibe ich nicht, weil ich heute fassungslos darüber wäre, denn eigentlich wundert mich rückblickend ziemlich wenig davon.


Ich kenne meine Familie, ich kenne die Dynamiken und ich weiß inzwischen auch, dass andere Menschen Widersprüche aushalten können, die für mich irgendwann nicht mehr auszuhalten waren. Meine Mutter und mein Bruder durften ihre Beziehung zu meinem Vater führen, wie sie wollten, sie durften ihn beschimpfen und sich anschließend wieder mit ihm vertragen, und ich hätte daraus nicht jedes Mal meinen eigenen Kampf machen müssen.


Das ist wahrscheinlich der Punkt, den ich heute anders sehe.


Nicht: Ich hätte meinen Vater niemals verlassen dürfen.


Nicht: Meine Mutter und mein Bruder sind schuld daran, dass unsere Beziehung kaputtgegangen ist.


Sondern schlicht: Ich hätte deren Scheiß nicht zu meinem machen müssen.


Die waren alle erwachsen.


Wenn meine Mutter meinen Vater scheiße fand und sich anschließend trotzdem wieder mit ihm vertragen wollte, war das ihre Sache, genauso wie es die Sache meines Bruders war, unseren Vater zu beschimpfen und anschließend trotzdem wieder mit ihm zu reden.


Ich hätte danebenstehen und sagen können: Macht euren Scheiß untereinander aus.


Aber so war ich nicht.


Wenn ich jemanden geliebt habe und das Gefühl hatte, dass ihm Unrecht getan wird, bin ich losmarschiert, selbst wenn mich niemand darum gebeten hatte. Damals hat sich das nach Loyalität angefühlt, während ich heute sehe, dass ich damit teilweise Konsequenzen für Situationen mitgetragen habe, die überhaupt nicht meine waren.


Das finde ich im Rückblick nicht dramatisch, aber verdammt unnötig.


---


An meiner eigenen Rolle ändert das trotzdem nichts, denn ich war nicht einfach nur das arme Opfer dieser Familie, das vollkommen unschuldig irgendwann hinausgedrängt wurde.


Ich konnte richtig böse werden, konnte Menschen mit Worten ziemlich genau dort treffen, wo es weh tut, und wenn ich irgendwann überzeugt davon war, dass jemand ein Arschloch ist, hatte ich wenig Interesse daran, seine Perspektive noch großartig zu verstehen.


Die Nachricht an meinen Vater aus dem Jahr 2023 ist dafür wahrscheinlich das beste Beispiel.


Ich weiß nicht, ob ich sie heute noch einmal so schreiben würde, wahrscheinlich nicht. Vielleicht hätte ich ihm einfach sagen sollen, dass ich nicht mehr Teil seines Lebens sein möchte und es dabei belassen, und vielleicht hätte ich mir manche Sätze sparen sollen, weil ich ihm nicht sagen musste, dass mein Kind einen anderen Opa haben würde, um meine Grenze deutlich zu machen.


Gleichzeitig möchte ich diese Nachricht heute auch nicht aus ihrem Zusammenhang reißen und so tun, als wäre sie das Produkt einer Tochter gewesen, die aus einer Laune heraus völlig eskaliert ist.


Ich hatte vorher versucht, ihm auf eine andere Art zu sagen, was in mir vorging, hatte diesen verdammten Brief geschrieben, mir Zeit genommen, Worte gesucht, erklärt und gehofft, dass irgendetwas zurückkommt.


Es kam nichts.


Und irgendwann war ich nicht mehr die Version von mir, die noch einmal einen langen, sorgfältig formulierten Brief schreiben wollte, sondern einfach nur noch sauer.


Das macht nicht jeden Satz richtig, aber es gehört zur Wahrheit dieser Nachricht dazu.


---


Was mich heute noch beschäftigt, ist die Frage, wie meine Beziehung zu meinem Vater eigentlich verlaufen wäre, wenn sie wirklich nur unsere Beziehung gewesen wäre, ohne ständig zu wissen, was meine Mutter über ihn denkt, was mein Bruder über ihn denkt, was er über meine Mutter denkt und was zwischen ihnen schon wieder passiert ist, ohne ständig Partei zu ergreifen und mich verantwortlich dafür zu fühlen, andere Menschen vor ihm zu verteidigen.


Vielleicht wäre überhaupt nichts anders gewesen.


Denn auch ohne meine Mutter und meinen Bruder gab es zwischen meinem Vater und mir genug.


Da war seine Haltung zu meiner Beziehung und zu meiner zukünftigen Familie, da war meine Entscheidung, ihn nicht zu meiner Hochzeit einzuladen, da war mein Brief und anschließend sein Schweigen, da waren mein Rückzug und offensichtlich auch seine Kränkung darüber.


Und da war bereits Jahre vor meiner Nachricht dieses Testament.


Vielleicht wären wir also genauso hier gelandet, vielleicht hätte er mich trotzdem enttäuscht, ich hätte trotzdem irgendwann endgültig den Kontakt beendet und er hätte mich trotzdem enterbt.


Aber vielleicht auch nicht.


Das werde ich nicht mehr erfahren.


---


Denn trotz allem war er mein Vater.


Nicht nur der Mann, auf den ich wütend war, nicht nur der Mann, der mich enterbt hat und nicht nur der Mann, dem ich irgendwann gesagt habe, dass er für mich kein Vater mehr sei.


Es gab auch den anderen, den mit dem ansteckenden Lachen und der beruhigenden Stimme, den Mann, mit dem ich Erinnerungen habe und über den ich heute manchmal Geschichten erzählen kann, bei denen ich lachen muss, obwohl er tot ist.


Und am Ende, als klar war, dass er sterben wird, bin ich zu ihm gegangen, habe ihm mein Kind vorgestellt, seine Hand gehalten, ihn auf die Stirn geküsst und mich verabschiedet.


Vielleicht wäre das alles wesentlich einfacher, wenn ich ihn einfach nur gehasst hätte, denn dann könnte ich dieses Testament anschauen, mit den Schultern zucken und sagen: Passt zu ihm.


Aber so funktioniert es nicht.


Ich kann gleichzeitig wissen, warum ich damals gegangen bin, und heute manches daran anders betrachten. Ich kann wissen, dass er mich verletzt hat und trotzdem bedauern, dass ich ihn ebenfalls verletzt habe, und ich kann die Nachricht von 2023 heute für zu hart halten und gleichzeitig wissen, dass meine Wut damals nicht aus dem Nichts kam.


Vor allem kann ich wütend oder traurig über eine einzelne Entscheidung meines Vaters sein, ohne deshalb meine gesamte Familiengeschichte neu schreiben zu müssen.


Vielleicht ist das Testament genau so etwas.


Es hat mich nicht aus der Bahn geworfen, es überrascht mich nicht, dass niemand aus meiner Familie es mir gegeben hat, und ich werde auch nicht wochenlang darüber grübeln, warum mein Vater meinen Bruder zum Alleinerben gemacht hat.


Trotzdem hat mein Vater mich enterbt.


Das ist ein Teil unserer Geschichte und deshalb will ich ihn aufschreiben.


Genauso wie ich aufschreiben will, dass ich jahrelang für Menschen gekämpft habe, deren Kämpfe eigentlich nie meine waren, dass ich dabei selbst Fehler gemacht und Dinge gesagt habe, die ich heute anders sagen würde, und dass ich irgendwann tatsächlich aufgehört habe, bei diesem ganzen Hin und Her mitzumachen.


Vielleicht war ich damit die Extreme, vielleicht war ich manchmal einfach nur zu kompromisslos und vielleicht war ich an manchen Stellen sogar völlig daneben.


Wahrscheinlich stimmt von allem etwas.


Ich brauche daraus inzwischen aber keine große Erkenntnis und auch keine hübsche Moral mehr zu machen.


Es ist einfach passiert.


Mein Vater ist tot, unsere Geschichte ist abgeschlossen und ein paar Dinge daran waren schön, andere waren richtig scheiße und manches werde ich wahrscheinlich nie vollständig verstehen.


Und selbst jetzt, nachdem er gestorben ist, kam sein Testament über das Amtsgericht zu mir.


Nicht dramatisch.


Nicht überraschend.


Aber irgendwie verdammt passend.

 
 
 

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