Das Tribunal
- Sophia A. Marten

- 26. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Letzte Nacht stand ich auf einer Bühne.
Alles daran rief Erinnerungen an längst vergangene Zeiten wach, zu denen man mittags nach der Schule zu Uhrzeiten wie zwei Uhr nachmittags bereits vor dem Fernseher saß und wie gebannt den Ablauf von „Zwei bei Kallwass“ verfolgte. So ähnlich war es auch bei mir. Mein Traum war aufgebaut wie eine Show mit Publikum, einem hitzigen Schlagabtausch mit klaren Fronten. Zwei, um genau zu sein: die eine Front waren meine Mutter, mein Vater und mein Bruder. Wie ich es gewohnt bin als geschlossene Einheit, als Front gegen mich. Und ich stand alleine auf der anderen Seite. Meine Frau stand hinter mir, hat mir den Rücken gestärkt aber sie war still, lediglich körperlich anwesend. Sie griff nicht ein, sondern hat mich mal machen lassen. Etwas, was in der Realität selten vor kam. Meist ergriff sie ebenfalls das Wort und stand mir zur Seite. Gestern Nacht nicht. Kämpfen musste ich diesmal selbst.
Ich kann mich genau daran erinnern, wie es sich angefühlt hat, meiner Familie gegenüberzustehen. Die abwertenden, abschätzigen Blicke zu spüren. Die Feindseligkeit, das völlige Unverständnis. Sie griffen mich verbal an - welche Worte genau fielen, kann ich gar nicht mehr mit Sicherheit sagen aber es fühlte sich an wie ein einziger großer Klotz an Vorwürfen. Ich stand da, schluckte jedes mir entgegengeschleuderte Wort hinunter. Wie ich das gelernt hatte. Und versuchte, die Fassade zu wahren, ruhig zu bleiben, kontrolliert und rational darauf zu reagieren, so wie ich es mir antrainiert habe. Aber es gelang mir nicht.
Und irgendwann schrie ich. Ich ließ alles raus. Es war nicht diese kontrollierte Wut, die man im Alltag halbwegs im Griff hat, sondern rohes Schreien.
„Ihr interessiert euch nicht die Bohne für mich!“
„Ihr habt keine Ahnung, wer ich eigentlich bin!“
„Ich bin krank, verdammt nochmal! Krank!“
Ich schrie und Tränen liefen mir über das, mittlerweile hochrote, Gesicht. Ich schrie so laut, dass mein Hals anfing, weh zu tun. Meine Stimme überschlug sich, aber ich schrie weiter. Etwas, das ich noch nie getan habe. Meine Mutter versuchte überrascht und leicht verzweifelt, etwas zu sagen, aber ich ließ sie nicht zu Wort kommen. Es war der Inbegriff eines Ausnahmezustands. Und das für mich merkwürdigste ist: ich habe keine Ahnung mehr, was meine Familie gesagt hat und ob sie überhaupt etwas gesagt haben. Ich kann mich nur noch an den überraschten Blick meiner Mutter erinnern. Und daran, wie es sich angefühlt hat. Wie ein Leben lang nicht gesehen zu werden. Sie haben mich zu etwas Schwierigem gemacht, zu etwas Anstrengendem, zu etwas Bösem.
Es fühlte sich an wie ein Tribunal.
Vielleicht war das ganze auch kein Traum über meine Familie sondern vielmehr ein Traum über Anerkennung. Ich bin kein Mensch, der sich jemals Mitleid gewünscht hätte. Ich wollte auch nicht, dass mich jemand rettet. Das einzige, was ich mir überhaupt jemals gewünscht hätte, war Interesse. Echtes Interesse an mir, an meinem Leben, an meinen Gedanken. Interesse an mir als Person.
Nicht das beiläufige „Du meldest dich ja sowieso, wenn was ist.“ oder „...wenn es Sophia schlecht geht, meldet sie sich wieder.“, das ich von meinem Vater mehr als nur einmal zu Hören bekommen habe. Als wäre Schweigen ein Beweis für Stabilität, als müsste man nicht bemerken, wenn es dem eigenen Kind schlecht geht. Als wäre Interesse optional. Seine Worte klingen vielleicht erst mal harmlos. Sind sie aber nicht. Denn sie bedeuten nichts anderes als:
Wir müssen nichts bemerken.
Wir müssen nicht nachfragen.
Wir müssen nichts hinterfragen.
Wenn ich nichts sage, ist schon alles gut. Tja, nein ist es nicht. Ich hätte meine Familie gebraucht. Mehr als einmal. Und trotzdem habe ich mich nicht gemeldet. Nicht etwa, weil es mir gut ging. Sondern weil ich schon früh in meinem Leben gelernt habe, dass es nichts ändert. Dass niemand kommt, um mich zu retten. Dass ich mich selbst retten muss.
Im Traum wurde meine Mutter dann während ich sie so anschrie irgendwann weich, ihr Gesichtsausdruck veränderte sich, sie machte sogar einen Schritt auf mich zu. Etwas, was ich mir früher häufig gewünscht hätte. Aber im Tribunal habe ich sie nicht an mich herangelassen. Das ist ehrlich gesagt sogar der Teil, der am meisten weh tut. Ich weiß, dass sich ihre Umarmung schön angefühlt hätte. Und doch gleichzeitig wie Selbstverrat.
Wie wenn man wieder mit dem oder der Ex zusammenkommt, nachdem man allen erzählt hat, was für ein Arschgesicht die Person war und was sie alles angerichtet hat. Wie sehr man gelitten hat. Dann steht man da und fühlt sich völlig inkonsequent, vielleicht sogar stückweit beschämt. Nicht etwa, weil Nähe grundsätzlich etwas verwerfliches oder gar falsch ist. Sondern weil man Angst hat, die eigene Geschichte zu verwässern.
Ich habe über die Jahre so unheimlich viel Zeit investiert. Zeit in mich. In Aufarbeitung. In Therapie. In Verstehen.
Ein stiller Teil von mir hat wohl hoffnungsvoll geglaubt dass, wenn ich nur hart genug an mir arbeite, an Verbindung und Beziehungspflege arbeite, irgendwann vielleicht etwas zurück kommt. Sei es Einsicht, oder Neugier, Verantwortung. Oder Interesse... irgendetwas.
Ein „Hey, vielleicht haben wir dich falsch verstanden“ - ich hatte Hoffnung dass, während ich mich weiterentwickle, sie sich auch entwickeln. Aber sie haben es nicht getan.
Ich habe ADHS, ich habe depressive Phasen, PTBS, dissoziative Verhaltensspektren. Alles Dinge, von denen meine Familie keine Ahnung hat. Sie wissen nicht, dass ich psychische Probleme habe. Und ein Teil von mir will, dass sie es wissen. Nicht für Drama, sondern für Kontext. Für das Verständnis, dass ich ein Nervensystem habe, das über Jahre gelernt hat, zu kämpfen, zu funktionieren oder schlicht, gänzlich zu verschwinden.
Aber heute will ich diesen Zugang zu mir nicht mehr geben. Nicht aus Trotz, sondern aus Schutz. Too Little, too late. Und ehrlich gesagt ist es nicht mal nur „too little“, sondern „nothing at all“. Ich bin doch kein Sadist und öffne Wunden für Menschen, die nie gelernt haben, ein Pflaster aufzukleben.
Vielleicht trifft das ganze Thema mein Ego, meinen Gerechtigkeitssinn. Ich habe so viel investiert, so viel reflektiert, ich habe Verantwortung an Stellen übernommen, wo es nicht meine Aufgabe gewesen wäre, Verantwortung zu übernehmen. Und am Ende blieb das System einfach genau dort starr stehen, wo es immer stand. Und das ist die eigentliche Kränkung. Nicht, dass meine Familie mich als „die Böse“ sieht. Sondern dass ich gehofft habe, sie wären irgendwie anders.
Und vielleicht ist genau das der Abschied. Nicht von Menschen, sondern von der Erwartung, dass sie meine Geschichte anerkennen. Der Traum war kein Hass - er war ein verzweifelter Schrei nach Validierung. Aber vielleicht muss diese Anerkennung nicht mehr von diesen drei Menschen kommen. Vielleicht muss sie von nur einer Person kommen: und zwar von mir selbst. Und vielleicht ist es auch kein Selbstverrat, wenn ich weich werde. Sondern einfach nur erwachsen. Und vielleicht bin ich auch nie die Böse gewesen. Sondern einfach nur die Einzige, die hin geschaut hat.
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