Wer nicht fragt, bleibt dumm
- Sophia A. Marten

- vor 3 Tagen
- 2 Min. Lesezeit
Irgendwann habe ich aufgehört, mir selbst zu glauben.
Nicht abrupt.
Nicht bewusst.
Sondern schleichend.
Ich saß da und wusste: Irgendwas stimmt hier nicht.
Aber ich kam nicht mehr an diesen Punkt, an dem man sagen kann: Das ist meine Wahrheit und sie steht.
Zu viele Stimmen.
Zu viele Versionen.
Zu viele Blicke von außen, die mir erklärten, wie das alles eigentlich gemeint sei.
Also habe ich etwas getan, was mir schwerfällt:
Ich habe jemanden von außen gefragt.
Nicht, um Recht zu bekommen.
Nicht, um bestätigt zu werden.
Sondern weil ich prüfen wollte, ob ich den Boden unter den Füßen verloren habe – oder ob er mir langsam weggezogen wurde.
Und die Antwort war ernüchternd in ihrer Einfachheit.
Ja.
Ich wurde hängen gelassen.
Nicht in einem großen Knall.
Nicht mit Türenwerfen.
Sondern mit Schweigen.
Mit Ausweichen.
Mit der Entscheidung, nicht mehr zu sprechen – sondern über mich sprechen zu lassen.
Der Kontaktabbruch kam nicht von mir.
Ich habe ihn nicht initiiert.
Ich habe ihn nicht gewollt.
Ich habe ihn ausgehalten.
Und dann kam etwas, das fast noch schwerer wiegt als der Verlust selbst:
Die Umdeutung.
Plötzlich war ich die, die abstößt.
Die, die blockiert.
Die, die sich verweigert.
Die, die „kein Interesse mehr an Familie“ hat.
Dabei habe ich nie gesagt: Ich will keinen Kontakt.
Ich habe gesagt: So nicht.
Und dieser Unterschied ist entscheidend – auch wenn er von außen gerne eingeebnet wird.
Geschenke wurden geschickt.
Pakete.
Dinge.
Und diese Dinge wurden zur Beweisführung erklärt:
Sie gibt sich doch Mühe.
Sie zeigt doch Zuneigung.
Sie reicht doch die Hand.
Nur:
Eine Hand, die keine Verantwortung trägt, ist kein Angebot.
Sie ist ein Alibi.
Wenn Geschenke die einzige Sprache sind, die gesprochen wird, dann nicht aus Nähe – sondern aus Vermeidung.
Weil Worte Konsequenzen hätten.
Weil Gespräche unbequem wären.
Weil man sich erklären müsste.
Ich habe gelernt:
Man kann sehr viel verschenken und trotzdem nichts geben.
Was mich bis heute am meisten belastet, ist nicht, dass man mich losgelassen hat.
Sondern dass man nach außen ein Bild pflegt, in dem ich die Ursache bin.
Die schwierige Tochter.
Die undankbare Schwester.
Die, die sogar den Kontakt zu den Großeltern abgebrochen hat.
Die, wegen der jetzt alle leiden.
Es ist ein sauberes Bild.
Ein bequemes.
Eines, in dem niemand fragen muss:
Was ist eigentlich passiert?
Und genau das ist der Punkt.
Wer wirklich verstehen will, fragt.
Wer nur Ruhe will, übernimmt die einfachste Geschichte.
Ich habe lange geglaubt, ich müsste mich erklären.
Klarstellen.
Einordnen.
Beweisen, dass ich kein Monster bin.
Heute weiß ich:
Ich bin nicht verantwortlich für Geschichten, die andere brauchen, um sich selbst nicht anschauen zu müssen.
Ich habe niemandem etwas weggenommen.
Ich habe etwas beendet, das mir geschadet hat.
Und wenn mein Rückzug als Grausamkeit gelesen wird, dann nicht, weil er grausam ist –
sondern weil er nicht mehr steuerbar war.
Das ist schwer auszuhalten.
Aber es ist auch ehrlich.
Und Ehrlichkeit war noch nie das, was in meiner Familie belohnt wurde.
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