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Die Maus, die anders war

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 27. Juli 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Sept. 2025

Ich erinnere mich an diesen ersten Schultag, als wäre er eingebrannt in meine Haut. Einschulung. Alle redeten davon, wie aufregend es sei, ein neuer Lebensabschnitt, ein Tag voller Vorfreude, Stolz, gespannter Erwartung. Und dann saß ich da – auf einem unpassenden Stuhl, der in der Aula nicht vorgesehen war. Kein Platz für mich. Kein Tisch, kein Name auf einem Kärtchen, keine dieser kleinen Geste, die einem Kind sagt: Wir haben dich erwartet.


Man schob mir irgendeinen Stuhl dazu, improvisiert, nebensächlich. Und ich? Ich tat so, als sei das alles in Ordnung. Ich lachte, redete, spielte mit, wie man das eben macht. Aber innerlich stand ich in einem Raum, in dem ich nicht vorkam. Ich spürte das sehr genau, obwohl ich damals noch nicht die Worte dafür hatte. Ich war da, aber ich war nicht gemeint. Und das, was ich fühlte, wurde sofort verpackt, weggeschoben, versteckt hinter dem frühen Reflex: Bloß nichts anmerken lassen. Bloß nicht auffallen durch Schmerz.


Noch bevor ich jemals auf diesem zu unpassenden Stuhl saß, war da schon ein anderes Symbol für das, was mir bevorstand: mein Schulranzen. Nicht irgendein Detail. Für ein Kind ist der Schulranzen ein Zeichen der Vorfreude, ein Stück Selbstwirksamkeit, ein kleiner, tragbarer Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Für mich war er das Gegenteil.


Ich hatte eine klare Vorstellung, welche Art Ranzen ich mir wünschte. Nicht laut, nicht schrill, sondern etwas, das mir gefiel, zu mir passte. Ich sprach es nicht fordernd aus, sondern ließ es immer mal wieder einfließen – Wochen, Monate vor der Einschulung. Ich war kein Kind, das verlangt oder gedrängt hätte. Ich hoffte einfach, dass es jemand hören würde. Dass man mit mir darüber sprechen würde. Aber es kam kein Gespräch. Keine Frage. Kein Moment, in dem ich das Gefühl hatte, meine Meinung zähle.


Am Tag der Einschulung wurde mir der Ranzen einfach in die Hand gedrückt. Kein Geschenk – eine Entscheidung über meinen Kopf hinweg. Und nicht nur irgendein Ranzen, sondern ein alter. Gebraucht. Von meiner Tante. Ungefragt. Ohne Bezug zu meinem Geschmack oder meinen Bedürfnissen. Es war nicht so, dass wir ihn uns nicht hätten leisten können – meine Familie war nicht reich, aber es wäre möglich gewesen. Und zur Not fragt man halt die Großeltern. Aber es ging nicht ums Geld. Es ging darum, dass es niemanden interessiert hat.


Ich schämte mich für diesen Ranzen. Jeden einzelnen Tag. Vier Jahre lang. Ich konnte ihn nicht übersehen – er hing jeden Tag auf meinem Rücken, sichtbar für alle. Und doch fühlte er sich an wie ein Stück Unsichtbarkeit. Als hätte ich nie gesagt, was ich will. Und als hätte das auch niemand wissen wollen.


Genauso war es mit meiner Kleidung. Ich hätte mir ein Kleid gewünscht. Einen schönen Moment, an dem ich mich zeigen kann, wie ich mich fühle: festlich, besonders, ein bisschen stolz. Stattdessen bekam ich eine zu große Jeans, unten umgekrempelt, und eine zu große Jeansjacke. Ich sah aus wie etwas, das man schnell irgendwie angezogen hatte. Ich fühlte mich nicht gemeint, nicht schön, nicht gesehen – nur irgendwie „fertig gemacht“. Wie ein Kind, das man abgibt, nicht begleitet.


An diesem Tag hätte ich leuchten sollen. Stattdessen versteckte ich mich. Ich lernte: Du bekommst, was entschieden wird. Nicht, was du dir wünschst. Und schlimmer noch: Du wirst nicht gefragt.


Diese frühen Momente wirken nach. Nicht, weil es „nur ein Ranzen“ war oder „halt Klamotten“. Sondern weil es die ersten klaren Botschaften waren, dass meine Stimme nicht zählt. Dass mein Geschmack kein Kriterium ist. Dass meine Bedürfnisse unsichtbar sind – selbst für die Menschen, die mir am nächsten stehen sollten.

Es war kein Einzelfall. Es war ein Muster.

Und es dauerte viele Jahre, bis ich überhaupt verstand, dass das nicht normal war. Und noch länger, bis ich mich traute, es nicht länger hinzunehmen.


In der Grundschule gab es Lichtblicke. Eine beste Freundin, echte Nähe, eine kleine Insel im Strom. Ich war nie ganz allein, aber auch nie ganz dabei. Die anderen Mädchen luden mich mit ein, wenn sie einluden – weil man das halt so macht. Es fühlte sich an wie das soziale Äquivalent von „mit gemeint sein müssen“, nicht mit gemeint sein. Ich war höflich inkludiert, aber emotional distanziert. Eine Statistin mit Lächelpflicht.


Und dann war da dieses Erlebnis im Schullandheim. Unser Zimmer hieß „Die Mäuse“, und wir sollten uns als Mäuse zeichnen – als kleine Gemeinschaft, als Gruppe, verbunden durch ein Bild. Alle zeichneten sich gleich: kleine graue Mäuse mit runden Ohren, süß, angepasst, harmonisch. Und dann kam meine Zeichnung. Meine Maus war anders. Komplett. Sie fiel auf, stach heraus – sie war bunter, größer, vielleicht sogar fremdartig. Und ich sah das und fühlte mich plötzlich falsch. Nicht kreativ – sondern entlarvt. Damals verunsicherte es mich zutiefst. Heute sehe ich genau in diesem Moment etwas, das mich bewegt: Ich war anders. Aber ich war echt. Ich habe mich – unbewusst – bereits da nicht angepasst. Mein Innerstes war nicht bereit, sich in Gleichförmigkeit aufzulösen. Und darauf bin ich heute stolz.


Auf der weiterführenden Schule fiel die Fassade dann endgültig. Ich war allein. Wieder. Wieder dieses Gefühl, nicht eingeplant zu sein – diesmal nicht mit Möbeln, sondern mit Blicken. Ich passte nicht in das Raster aus Coolness, Cliquenbildung, klaren Rollen. Eine Freundin, die mir viel bedeutete, wechselte die Schule. Unsere Klasse wurde geteilt – alle, die mir vertraut waren, kamen in die andere Hälfte. Ich blieb zurück.

Nur eine blieb. Und gerade zu ihr entwickelte ich Gefühle, mit denen ich nicht umgehen konnte. Gefühle, für die ich keine Worte hatte, keine Schublade, keine Orientierung. Ich wusste nur: Das, was ich spürte, durfte nicht sein. Also zog ich mich zurück. Stieß sie von mir, obwohl ich mich nach ihr sehnte. Und so verlor ich auch sie – nicht weil sie mich ablehnte, sondern weil ich mich selbst nicht annehmen konnte.


Was dann kam, war konsequente soziale Kälte. Gruppenarbeiten, bei denen ich übergangen wurde. Gespräche, in die ich nicht einbezogen war. Und dieser symbolische Moment, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: der Sitzplatz. Unsere Tische standen in einer Reihe, die Mädchen zogen ihre Tische nach hinten, lehnten sich entspannt an die Wand. Hinter meinem Platz war eine Säule. Ich konnte meinen Tisch nicht zurückziehen. Und so saß ich einen Meter vor allen anderen – isoliert, ausgestellt, wie eine Warnung. Das war kein Zufall. Das war sozialer Ausschluss mit architektonischer Präzision.


Ich wechselte den Platz, setzte mich zu den Jungs. Nicht, weil ich dort dazugehören wollte – sondern weil ich wenigstens irgendwo sein wollte. Auch dort war ich fremd. Aber ich war es wenigstens in Bewegung, nicht mehr nur Opfer der Umstände.

Beim Abschlussfoto weigerte ich mich, mitzuspielen. Ich hörte den Aufruf, aber ich blieb sitzen. Ich ignorierte ihn nicht – ich verweigerte mich bewusst. Ein letztes Mal zog ich die Konsequenz: Wenn ihr mich nicht wollt, dann bleibe ich auch konsequent draußen. Kein Foto. Kein Lächeln. Keine Erinnerung an ein „Wir“, das es nie gegeben hatte.


Heute, viele Jahre später, spüre ich die Wunden noch immer. Sie sind verheilt, aber sie stechen manchmal. An Tagen, an denen ich mich wieder frage, ob ich irgendwo dazugehöre. Oder ob ich noch immer diese eine Maus bin, die aus der Reihe tanzt. Aber ich frage mich das heute anders. Nicht mehr mit Angst. Sondern mit Stolz.


Ich habe früh gelernt, dass Anpassung nicht gleich Sicherheit bedeutet. Dass Zugehörigkeit nicht käuflich ist durch Selbstverleugnung. Und dass Anderssein kein Makel ist – sondern eine stille Form von Würde. Ich war nie vorgesehen. Wurde nie eingeladen, so zu sein, wie ich war. Und trotzdem bin ich geblieben.


Das Mädchen, das damals auf einem falschen Stuhl saß, hat nie ganz gelernt, sich sicher zu fühlen in Gruppen. Aber sie hat gelernt, für sich selbst Platz zu schaffen – auch wenn er ihr nicht angeboten wird. Sie hat verstanden, dass nicht sie falsch war – sondern das System, das keine Vielfalt erträgt. Sie hat aufgehört, um Sichtbarkeit zu betteln und angefangen, sich selbst zu sehen.

Und sie ist heute eine Frau, die weiß, dass Schmerz nicht weniger wahr ist, nur weil er lange her ist. Aber auch: dass aus genau diesem Schmerz Klarheit wachsen kann. Eine Klarheit darüber, wer man ist, was man nicht mehr bereit ist zu ertragen – und welche Form von Zugehörigkeit sich nicht kaufen lässt, sondern verdient werden muss.

 
 
 

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