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Ein Versuch von Nähe

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 5. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Es liegt noch immer in einer Schublade, das Buch, das meine Mutter mir geschenkt hat.


„An meine Tochter“ steht auf dem Cover, in zarten goldenen Buchstaben, als wollte der Titel Trost spenden. Drinnen ihre Handschrift: gleichmäßig, rund, ohne Zittern, ohne Eile. Kaum ein Wort durchgestrichen, kein verschriebener Buchstabe, kein spontaner Gedanke. Alles wirkt kontrolliert, überlegt, wie ein sorgfältig komponiertes Selbstporträt. Ein Buch, das Nähe suggeriert, aber Distanz atmet.


Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, als ich es zum ersten Mal durchblätterte. Seite für Seite las ich diese Mischung aus Zärtlichkeit und Selbstinszenierung, und in mir entstand ein leises, dumpfes Unbehagen.

Es war, als würde ich mich selbst in einem Spiegel betrachten, der nicht meiner ist. Ein Spiegel, der mich in Formen presst, die ich längst hinter mir gelassen habe.


Meine Mutter hatte in dieses Buch alles hineingeschrieben, was sie für liebevoll hielt: Kindheitserinnerungen, kleine Anekdoten, vertraute Gewohnheiten. Sie beschrieb mich mit Worten wie ordentlich, mutig, klug, wissbegierig. Aber jedes Adjektiv klang nach ihrer Sprache, nicht nach meiner. Ihre Liebe war immer so: korrekt, wohlmeinend, aber kontrolliert. Nie roh, nie unsicher, nie einfach menschlich.


Zwischen den Zeilen konnte man lesen, was sie wirklich wollte: Bestätigung.

Nicht meine Geschichte, sondern die, die sie über mich erzählen konnte. Nicht mein Empfinden, sondern die Version, die sich für sie richtig anfühlte. Besonders hängen geblieben ist mir, wie oft sie schrieb, ich solle doch wieder Gitarre spielen. Für sie war das eine liebevolle Erinnerung, ein Stück meiner „wahren“ Persönlichkeit.

Für mich war es das Gegenteil. Ich hatte ihr oft erklärt, dass ich es gerade nicht möchte, weil mir die Freude daran genommen wurde. Das Gitarre spielen war irgendwann zu einer Pflicht geworden, zu einer Bühne, auf die ich immer wieder gezerrt wurde. „Spiel doch mal auf Opas Geburtstag.“ „Komm, hol doch mal die Gitarre, das ist doch immer so schön.“ Jeder dieser Sätze klang für sie nach Stolz und Wärme, für mich nach Druck und Scham. Sie hat nie verstanden, dass man mir damit die Magie genommen hat. Dass jedes Mal, wenn ich das Instrument holte, nicht Musik, sondern Erwartung mit kam. Und dass ich irgendwann lieber schwieg, als wieder zu spielen.


Dasselbe Gefühl überkam mich bei ihren Erinnerungen an die angeblich wunderschönen Urlaube.

Für sie waren das Bilder glücklicher Familienzeit. Für mich waren es Momente, in denen für mich kein Platz war.

Kein Bett, keine Rücksicht, kein echtes Dazugehören. Ich musste sehen, wo ich bleibe, und das tat ich – leise, angepasst, unsichtbar. Sie schrieb von Sonne, Lachen und gemeinsamen Erlebnissen, und ich spürte nur wieder den harten Holzbalken im Gästesofa unter mir, auf dem ich damals geschlafen hatte.


Und dann war da noch dieser eine Satz, der mich besonders traf. Sie schrieb, wie froh sie gewesen sei, dass ich da war, als sie jemanden zum Reden brauchte. Wie sehr ich ihr geholfen hätte, „ihr eigenes Leben aufzubauen“. Für sie war das ein Ausdruck von Nähe, ein Beweis für unsere besondere Verbundenheit. Für mich war es die stille Bestätigung dessen, was ich immer gespürt hatte:

Ich war nie wirklich ihr Kind.

Ich war die Vertraute, die Zuhörerin, die Stütze, die sie trug, wenn sie selbst nicht tragen konnte.

Ich war die, die Verständnis zeigte, während sie selbst keines geben konnte.

Ich war Tochter, aber auch Mutterersatz.

Was sie als liebevolles Dankeschön formulierte, war in Wahrheit der Beleg für die Parentifizierung, die unsere Beziehung geprägt hat. Sie schrieb mir eine Rolle zu, die kein Kind tragen kann, ohne sich selbst zu verlieren.

Und ich habe sie getragen – viele Jahre, still, ohne zu merken, dass es mich innerlich zerreißt.


An einer Stelle nennt sie sich selbst einen „sturen Esel“ und bedankt sich, dass ich sie all die Jahre nicht aufgegeben habe. Sie schreibt, wie dankbar sie sei, dass ich geblieben bin, wenn andere gegangen sind.

Ich las diese Zeilen und spürte, wie sich in mir etwas zusammenzog.


Denn am Ende war sie es, die mich aufgegeben hat.


Zuerst nicht in einem plötzlichen Bruch, sondern leise, Schritt für Schritt, jedes Mal, wenn sie meine Grenzen nicht sehen wollte, jedes Mal, wenn sie mich nicht verstand. Sie hat mich aufgegeben, als sie beschloss, dass ihr Bild von uns wichtiger war als die Wirklichkeit.


Wenn ich heute auf das Buch schaue, sehe ich es klarer. Es war kein Geschenk, das Nähe schaffen sollte, sondern eines, das eine Geschichte konservieren wollte, in der sie die liebevolle, aufopfernde Mutter bleibt.

Ihre Sätze sind durchzogen von einem unbewussten Wunsch nach Reinwaschung. Sie schreibt, als wollte sie sagen: Sieh her, ich war da. Ich habe dich gesehen. Ich habe dich geliebt. Aber nirgends steht: Ich habe dich vielleicht verletzt. Ich habe dich nicht verstanden.


Und doch mache ich ihr keinen Vorwurf. Ich weiß, dass sie es gut gemeint hat. Dass sie sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen konnte, dass dieses Buch anders als liebevoll aufgenommen werden könnte. Für sie war es ein Versuch, Kontakt zu halten, auf ihre Weise – eine, die sie kannte, eine, die sicher war. Ich glaube, sie wollte wirklich Nähe, nur wusste sie nicht, wie man Nähe lebt, ohne die Kontrolle zu verlieren.


Dieses Buch war kein Dialog, sondern ein Monolog in schönem Papier. Ein Versuch, die Vergangenheit zu glätten, damit sie erträglich bleibt. Eine Botschaft, die Liebe behauptet, aber keine Verantwortung trägt.


Ich konnte darauf nicht reagieren. Nicht, weil mir alles egal war, sondern weil es mir zu sehr wehtat.

Weil ich beim Lesen merkte, dass meine Wahrheit darin keinen Platz hatte. Mein Schweigen war kein Mangel an Empathie, sondern eine Entscheidung für mich selbst. Ich wollte meine Geschichte behalten, so unordentlich, brüchig und schmerzhaft sie auch ist.


Heute weiß ich, was mich so tief getroffen hat: Nicht der Inhalt des Buches, sondern die Abwesenheit meiner Realität darin. Sie hat ihre Liebe in Worte gegossen, aber meine Gefühle aus dem Text gestrichen. Und vielleicht ist das genau der Punkt, an dem sich unsere Welten für immer getrennt haben.


Sie wollte eine schöne Erinnerung, ich wollte die Wahrheit.

Und Wahrheit, das habe ich gelernt, ist oft kein Ort an dem man sich trifft.

 
 
 

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