Nur. Du. Nicht.
- Sophia A. Marten

- 18. Mai 2025
- 7 Min. Lesezeit
Es war Sommer zweitausendachtzehn. Mein Bruder und ich hatten ein ganz gutes Verhältnis - ich würde nicht von Seelenverwandten sprechen, aber wir hatten eine solide Geschwisterbasis. Humorvoll, wohlwollend, unaufgeregt. Die Beziehung war zwar nicht innig, aber ordentlich, freundlich. Wir schrieben uns regelmäßig, tauschten Grüße aus, machten Späße, fragten uns hin und wieder, wie es läuft. Als ich ihm zum Geburtstag schrieb und fragte, wann wir uns mal wiedersehen, klang seine Antwort offen: „Demnächst mal, würde mich freuen“. Und ich glaubte ihm das, hatte keine Zweifel.
Ein paar Tage später war er dann im Haus – bei unseren Großeltern, die über mir wohnten. Er war oben, ich unten. Und ich war zu Hause. Meine Freundin (heute Frau) auch. Die Tür stand offen, mein Auto parkte vorm Haus. Ich saß wenige Meter entfernt im Wohnzimmer, Kopfhörer um den Hals.
Er behauptet heute, er habe geklopft.
Er habe gerufen.
Vielleicht.
Nur: Wir haben es nicht gehört.
Weder ich, noch meine Freundin.
Was wir gehört haben, war ein lautes „Tschüß!“ – an die Großeltern gerichtet, nicht an uns. Dann: Schritte. Die Tür. Und Stille. Ich weiß noch, wie ich da saß und diesen Moment versucht habe, zu verstehen: War das Absicht? War es Gleichgültigkeit? War er einfach nur gedankenlos? Wenn ich ehrlich bin, fühlte es sich nicht wie ein Missverständnis an, eher wie ein Statement. Als wäre ich schlicht nicht eingeplant gewesen. Als wäre ich das Nebengeräusch eines Familienbesuchs, nicht jedoch Teil davon. Als wäre ich irgendein Schatten im Haus, kein Mensch, auf den man zugeht. Heute würde ich völlig anders reagieren. Ich hätte bei der Verabschiedung zwischen ihm und meinen Großeltern den Kopf aus der Tür gestreckt und ihn gefragt, ob er mich vergessen hätte. Proaktiv, mit Augenzwinkern. Damals war ich dazu jedoch nicht in der Lage.
Ich erinnere mich gut an diese dumpfe Stille, die danach im Raum hing. Es ging kein lauter Streit zuvor, kein offenes Wort, einfach ein Moment, der so viel gesagt hat, gerade weil nichts gesagt wurde. Ich war traurig. Nicht wütend, nicht verletzt in dem Sinne, sondern tief enttäuscht. Meine Freundin hat es gesehen, wie ich im Garten saß und vor mich hin starrte, während mir stille Tränen die Wangen hinabliefen, mit gesenktem Kopf, Schultern schwer, die Hoffnung wie weggeblasen. Ich versuchte mir einzureden, dass es sicher ein Missverständnis war. Ich kann nicht einmal mehr genau benennen, weshalb mich diese Situation so sehr getroffen hat. Es war vermutlich einfach der Gipfel eines nie enden wollenden Gefühls des Nicht-dazu-Gehörens. Dass trotz meiner Bemühungen einfach keine Besserung eintreten wollte.
Und in diesem Moment, als die Enttäuschung in mir saß wie ein schwerer Stein, schrieb meine Freundin ihm eine Nachricht. Es war keine höfliche Nachricht, aber eine echte. Direkt, klar, aufgebracht.
Nicht, um zu verletzen, sondern um aufzurütteln. Die Nachricht war keine Beleidigung, keine Eskalation. Sie war das, was entsteht, wenn man einem geliebten Menschen zusehen muss, wie er immer wieder übergangen wird und irgendwann selbst davon verletzt ist - über die Verletzung des Partners.
Und was daraufhin kam, war eine Antwort wie ein Donnerschlag, die sich wie ein Frontalangriff las - auf mich, auf meine Freundin, auf jede Form von Deutungshoheit über die Situation. Wütend, laut, voller Vorwürfe. Mein Bruder drehte die Situation komplett um. Plötzlich war nicht er es, der mich ignoriert hatte – sondern ich diejenige, die zur Aggressorin erklärt wurde. Plötzlich war ich nicht enttäuscht, sondern feindselig. Nicht traurig, sondern manipulativ. Nicht verletzt, sondern schuld an allem. Er sprach von „dem gleichen Scheiß“, den ich angeblich schon gegen andere in der Familie geworfen hätte. Er verpackte seine Wut in Anklagen, sein Unverständnis in Schuldzuweisungen. Ich sei voller Groll, würde die Familie bewusst und absichtlich spalten, hetzen, Schuld verteilen. Sätze wie: „Wir sind als Familie wieder zusammengewachsen. Nur. Du. Nicht.“ Und: „Vielleicht siehst du irgendwann, wer die Familie hier trennt.“ Alles, was aus meiner Richtung kam, war eine Bedrohung für das fragile Gleichgewicht ihrer „versöhnten“ Familienrealität.
Da war kein Raum für meine Sicht. Keine Nachfrage. Kein „Was ist passiert?“ Und damit war klar: Es ging nicht mehr um das, was passiert war. Sondern darum, wer das Narrativ kontrolliert. Es gab nur eine klare Ansage: Du. Bist. Das. Problem. In wenigen Absätzen hatte er aus meiner Enttäuschung ein Vergehen gemacht. Aus der Nachricht meiner Freundin einen Angriff. Aus seinem Schweigen einen missverstandenen Versuch. Er hatte sich nicht erklärt – er hatte sich freigesprochen.
Was mich am meisten traf, war nicht die Wut, sondern die völlige Verweigerung, überhaupt zu hinterfragen, wie ich die Situation erlebt hatte. Kein: „Hast du’s vielleicht anders wahrgenommen?“ Kein: „Könnte was falsch angekommen sein?“ Kein Raum. Kein Innehalten. Nur Urteil. Er unterstellte mir systemische Angriffe, bösartige Absicht, kalte Berechnung. Er stellte sich als denjenigen dar, der "immer alles aushält", während ich zur chronisch Unversöhnlichen gemacht wurde. Er inszenierte sich als standhafter Fels – und mich als destruktive Kraft, die immer wieder alles kaputt macht, weil sie nicht "vergeben kann".
Und dann war er weg.
Ein halbes Jahr lang.
Es gab keinen Versuch, die Wogen zu glätten. Kein Gesprächsangebot. Was davor noch wie eine tragfähige Verbindung wirkte, wurde von einem Moment auf den anderen zu einer Einbahnstraße.
Und ich stand allein am Ende davon. Plötzlich war alles, was ich sagte oder nicht sagte, eine potenzielle Kränkung. Plötzlich war Nähe gefährlich. Es war ein emotionales Minenfeld.
Bis er mir in einer kurzen SMS frohe Weihnachten wünschte.
Nicht mit einer Entschuldigung. Nicht mit dem Wunsch, etwas aufzuarbeiten. Und ich – immer noch hoffend – schlug einige Wochen später ein Treffen vor.
Wir trafen uns. Nicht, weil er plötzlich verstehen wollte, was sein Verhalten bei mir ausgelöst hatte, sondern weil ich es wollte. Weil ich dachte, man könne vielleicht noch etwas retten. Weil ich - geprägt durch viele Jahre Konditionierung - glaubte, dass das, was geschehen war, vielleicht doch nur ein Missverständnis gewesen sei. Und auch, weil ich lange dachte, die Nachricht meiner Freundin sei... zu viel gewesen. Zu scharf, zu direkt. Vielleicht sogar übergriffig. Ich hatte gelernt, dass klare Worte gefährlich sind. Dass sie den Familienfrieden kosten. Ich hatte gelernt, dass man vorsichtig, ruhig sein muss, auch wenn man im Recht ist. Vor allem dann.
Und so saß ich ihm gegenüber - mit einer Mischung aus Hoffnung, Unsicherheit und dem Wunsch, dass einfach wieder Ruhe einkehrt. Er sprach ruhig. Überzeugt. Und redete mir ein, dass er im Recht sei. Dass meine Freundin sich damals etwas herausgenommen hätte, das ihr nicht zustünde. Er sagte Dinge wie: „Als Partner hat man sich zurückzuhalten“, „Man mischt sich nicht so ein“ und „Das war eine Sache zwischen dir und mir!“ Und ich? Ich wusste es tief in mir besser. Aber ich war unsicher und müde. Also sagte ich: „Ja, vielleicht haben beide Seiten Fehler gemacht.“ Suchte einen Kompromiss. Die Mitte. Den Friedensweg.
Verteidigte meine Freundin nicht so, wie ich es hätte müssen. Wie sie es verdient hatte. Ich zog den Kopf ein - aus Angst vor einer erneuten Eskalation. Und damit, ohne es zu wollen, gab ich ihm recht. Und das war ein fataler Fehler, denn für ihn war ab diesem Moment klar: Ich war auf seiner Seite. Ich hatte eingesehen, dass meine Freundin zu weit gegangen ist. Ich war zurückgekehrt in das gewohnte Familienmuster, in dem Loyalität darüber definiert wird, wen man kritisiert - und nicht warum.
Tatsächlich war ich nie auf seiner Seite. Ich wollte nur Frieden. Ich wollte nicht erneut der Zündfunke sein, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ich wollte Ruhe - nicht, weil ich überzeugt war, sondern weil ich keine Kraft mehr hatte. Aber so funktioniert das nicht. Denn in dem Moment, in dem man sich als „neutral“ verhält, während jemand Unrecht geschieht, steht man nicht zwischen den Stühlen - sondern sitzt auf einem davon. Ich hatte versucht, keine Partei zu ergreifen. Und hatte doch längst eine eingenommen. Nicht durch Worte, sondern durch Schweigen.
Und so entstand ein Konstrukt, das nie stabil sein konnte. Eine Pseudo-Versöhnung, getragen von Verdrängung. Ein fragiler Frieden, in dem keiner je wirklich gehört wurde. Und allem voran: ein Missverständnis, das für ihn zur vermeintlichen Bestätigung wurde. Dass ich ihn verstand. Dass ich eingelenkt habe. Und wie das mit solchen Konstrukten ist: sie halten nicht. Und sie hielten auch in diesem Fall nicht lange. Denn sobald es wieder irgendwo ruckelte, zeigte sich das alte Muster: Ich war wieder die Schwierige. Die Nachtragende. Die, die keine Ruhe geben kann.
Und er? Wieder derjenige, der sich missverstanden fühlte, der unter meiner angeblichen Härte „litt“. Als hätte sich nie etwas verändert. Weil sich, unter der Oberfläche, tatsächlich auch nichts verändert hatte.
Aber etwas hatte sich doch verändert. Etwas Grundlegendes. Es war nicht mehr wie vorher. Und rückblickend weiß ich: Er hatte dieses Bild, das er mir damals in der Nachricht unterstellt hatte – von mir als Spalterin, als inszeniertes Opfer, als schwieriger Mensch – nie wirklich abgelegt. Bei jeder kleinsten Meinungsverschiedenheit danach kam genau dieses Bild wieder durch. Kaum wurde es unbequem, wurde ich als problematisch dargestellt. Er warf mir vor, ich würde mich in die Opferrolle flüchten. Ich sei nachtragend. Ich wolle keine Harmonie. Ich würde der Familie nicht verzeihen – und damit Unfrieden säen.
Wieder und wieder. Und ich stand da, versuchte ruhig zu bleiben, versuchte zu erklären. Aber ich merkte: Er hörte mir nicht zu. Er hörte nur sich selbst. Und seine Version von mir. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass wir zwar wieder miteinander sprachen – aber nicht mehr wirklich in Beziehung waren. Weil man keine Verbindung aufbauen kann, wenn das Gegenüber heimlich weiter glaubt, man sei eine Belastung. Weil ich nie wirklich rausgekommen bin aus der Rolle, die er mir in dieser einen Nachricht zugeschrieben hatte.
Heute weiß ich, was ich damals nicht benennen konnte: Diese Art der Kommunikation ist nicht misslungen - sie ist manipulativ. Sie funktioniert über moralische Schuldzuweisung, über Drohung mit Ausschluss, über subtile Umkehr von Täter-Opfer-Dynamiken. Die Nähe von damals ist verschwunden. Und ich habe aufgehört, sie zurückholen zu wollen. Ich habe gerufen. Ich habe mich erklärt. Ich habe mich bemüht. Aber irgendwann reicht es.
Ich war damals zu Hause. Und ich hätte mich über Besuch gefreut. Ich hätte die Tür aufgemacht. Ich hätte einen Kaffee gekocht. Ich hätte zugehört. Aber niemand hat geklingelt. Und als ich traurig war, wurde mir erklärt, ich hätte selbst Schuld daran.
Heute klingelt niemand mehr bei mir.
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