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Die Kämpferin, die keinen Krieg mehr braucht

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 12. Feb.
  • 7 Min. Lesezeit

Ich werde dieses Jahr sechsunddreißig. Zum sechsunddreißigsten Mal jährt sich mein Geburtstag. Fühlt sich gar nicht so an, ich habe das Gefühl ich wäre viel jünger. Wie verhält man sich denn mit sechsunddreißig? Als ich jünger war, dachte ich immer, Menschen die Mitte oder Ende dreißig sind, sind derbe reif und haben ihr Leben echt gut im Griff. Heute weiß ich teilweise nicht einmal, wo der Griff überhaupt ist. Vor dann zwei Jahren hat meine Familie mich im Stich gelassen und das ist deshalb so heftig, weil ich anfänglich die Tage gezählt hatte - ein Tag seit dem Eklat, zwei Tage... dann die Wochen, Monate. Und mittlerweile zähle ich die Jahre. Nie hätte ich gedacht, dass ich das einmal von mir behaupten würde. Zwei Jahre keinen Kontakt mehr zu meiner Familie zu haben. Zwei Jahre und das ist erst der Anfang. Ich würde, wenn es nicht so traurig wäre, eigentlich sagen, dass das gut so ist. Denn vierunddreißig Jahre meines Lebens hatte ich eine Konstante: Unruhe.


Die Unruhe war nicht immer ohrenbetäubend laut, manchmal war sie auch eher leise. Ab und an auch nur ein Summen im Hintergrund. Auf einem Ohr oder auf beiden, aber das Summen war immer da. Nicht immer offensichtlich, aufdringlich. Und doch war es zu jeder Zeit stets präsent. Ein Grundrauschen aus Spannung, Bewertung, Erwartung, latenter Kritik. Anspannung lag immer in der Luft: das Gefühl, dass gleich wieder die Stimmung kippt. Dass ich auf der Hut sein muss, aufpassen muss. Verstohlen über die Schulter schauen muss um nicht unbewaffnet ertappt zu werden. Stets war es wichtig, dass ich funktioniere, fleißig bin, nie faul, nie einfach nur da sitze. Ich musste immer mit irgendetwas beschäftigt sein. Oder zumindest so zu tun, denn darauf kam es an. Auf die Außenwirkung. Ich habe über die Jahre gelernt, damit zu leben. Wurde verdammt gut darin, wenn ich das behaupten kann. Ich wurde diszipliniert, strukturiert, kontrolliert. Leistungsfähig. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als meine Frau einmal zu meiner Mutter meinte, sie kenne niemanden, der so diszipliniert sei wie ich. Und ich weiß noch, wie sich eine Woge aus Stolz in meiner Brust breit machte, ich mein Kinn ein wenig höher gen Himmel gereckt habe. Diszipliniert, ja. Das war etwas, worauf ich verdammt stolz war. Und meine Mutter auch. Sie sah mich wohlwollend an und nickte: Ja, die Sophia, die ist diszipliniert. Toll!


Was niemand wusste ist, dass die Disziplin mein Schutzschild geworden ist. Eine gute Freundin, die sich stets schützend vor mich stellte. Wenn sie da war, konnte nichts eskalieren. Die Disziplin wurde zu meiner täglichen Begleitung: wenn ich keine Fehler machte, konnte man mich nicht belächeln, mich auslachen. Mich nicht demütigen. Denn bei Fehlern wurde ich nicht aufgefangen, man hat sich nicht zu mir gesetzt und mir Mut zugesprochen, niemand hat sich mit mir gemeinsam meine Fehler angeschaut und überlegt, wie diese entstanden sind und wie ich sie künftig vermeiden könne. Man hat mich nicht umarmt oder mir gesagt, dass dieser Fehler doch eigentlich gar nicht so schlimm ist. Dass jeder Fehler macht. Dass fehlen und irren menschlich ist. Nein, bei Fehlern wurde ich belächelt. Herabgesetzt, nicht ernst genommen. Ich war halt nicht kompetent genug. Dachte halt doch immer, ich sei besser als ich eigentlich bin. Hat man ja eben gesehen. Sophia hat es halt nicht hin bekommen. War doch auch klar, oder? Das schafft die sowieso nicht. Inkompetenz in Reinform. Eine Enttäuschung. Dieses Wort hängt wie ein Pranger über mir in meinem Unterbewusstsein. In dicken Lettern steht da: E N T T Ä U S C H U N G.


Heute lacht mich niemand mehr aus, wenn ich etwas verlege und nicht wieder finde. Keiner schaut mich mir Argusaugen an und beobachtet, was ich da wieder tue. Wie ich vielleicht scheitere. Niemand stellt meine Würde infrage, wenn ich unter Druck die Übersicht verliere. Und trotzdem reagiert mein gesamter Körper und mein Nervensystem exakt so, wie an jenen Tagen. Als wäre ich noch immer dort. Ich bekomme einen Tunnelblick, mein Puls schießt in die Höhe. Ich werde kurzatmig, meine Muskeln verspannen sich, ich kneife meine Augen zusammen und fange an, an meinen Nägeln zu kauen. Verdammt, ich finde dieses Ding nicht mehr, was ich eben noch in der Hand hatte?! Das kann doch nicht sein! Mein Arbeitsgedächtnis verabschiedet sich, winkt mir freundlich hinterher und wart nicht mehr gesehen. Liegt wahrscheinlich mit einem Cocktail an irgendeinem Strand, dieser Hund. Hätte mich mitnehmen können. Nächstes Mal kriegt der was zu hören, wenn er sich wieder blicken lässt! Und so wie sich mein Gedächtnis verabschiedet, begrüßt mich der altbekannte Reflex: Kampf. Nicht, weil andere, im speziellen meine Frau, die das ganze am häufigsten ab bekommt, meine Feinde oder Gegner wären. Nein! Sondern weil mein Nervensystem verzweifelt nach irgendeiner Art Entladung sucht. Und sie dann auch findet: im Streit. Wenn es richtig knallt, fühlt sich das verdammt gut an. Adrenalin raus, Dopamin hoch, geil! Der Druck ist weg. Kurzfristig ist alles richtig gut und ich fühle mich frei und leicht und gut. Ich bin im Hoch, mein Gegenüber - wie gesagt, meist meine Frau - im Tief. Die arme Sau. Ganz ehrlich, das hat echt niemand verdient. Und das Hoch hält auch nicht lange an, denn was folgt ist eine Woge an Vorwürfen, schlechtem Gewissen, schwerem Herzen. Und genau das will ich natürlich nicht, ich bin ja schließlich kein Sadist.


Ich dachte einige Zeit tatsächlich, ich vermisse meine Mutter. Weil sich das irgendwie so gehört, man hat seine Mutter halt zu vermissen wenn sie nicht mehr da ist. Oder? In Wahrheit vermisse ich etwas ganz anderes. Die Spannung, die Aufgekratztheit, dieses „Was passiert als Nächstes?“ Chaos war die meiste Zeit meines Lebens mein absoluter Default-Modus. Werkeinstellung, Normalzustand. Wenn das Herz vor Aufregung und Anspannung vibriert, fühlt sich das für mich echt gut an. Dieses Kribbeln, diese Unruhe, diese Spannung: das ist es. Ruhe fühlt sich erst einmal leer an. Fast schon langweilig. Wo bleibt denn da die Spannung?!


Wenn vierunddreißig Jahre lang Unruhe war, fühlt sich Stille fast wie ein Kontrollverlust an. Ich dachte, ich vermisse meine Mutter. Aber ich vermisse nicht sie als Person. Ich vermisse die Vorstellung einer Mutter, die sie nie war. Ich hätte keine Freundin gebraucht, die Schwung in die Bude bringt. Die meinen Dopaminspiegel nach oben schießen lässt. Die über andere lästert. Ich hätte eine Mutter gebraucht, die da ist wenn ich sie brauche, die mich auffängt, mich umarmt, mich schützt, mich runter bringt, mir Ruhe vermittelt. Nein, die Version die sie war, vermisse ich kein Stück. Was ich vermisse, ist das alte Drehbuch, in dem ich wusste, wie ich zu funktionieren habe: kämpfen, leisten, bestehen. Das vermisse ich. Denn das kenne ich.


Lange Zeit dachte ich, meine Identität sei „die Disziplinierte“. Aber wenn ich ehrlich bin, steckt so viel mehr dahinter. Etwas anderes: ich bin die Kämpferin. Ich funktioniere extrem gut unter Druck, unter emotionalem Stress. Ich ziehe voll durch, halte aus, halte durch, renne durch. Nach mir die Sintflut. Ich reiße mich echt gut zusammen. Ich werde immer stärker, umso schwieriger es wird. Eine Kämpferin braucht Widerstand, Reibung. Braucht etwas, woran sie sich beweisen kann. Wenn der äußere Widerstand jedoch entfällt, weg bricht, dann sucht sich das System eben innerlich einen neuen Widerstand. Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich produziere diese Reibung selbst. Ich suche Streit. Das mache ich natürlich nicht bewusst - aber regulativ. Nicht, weil ich andere Menschen angreifen möchte, sondern weil ich etwas spüren will. Weil ich etwas spüren muss. Damit ich begreife, dass ich noch am Leben bin. Spannung ist mir vertraut. Ruhe ist neu. Das kenne ich nicht.


Auch musste ich erst lernen, was es heißt, nicht perfekt zu sein. Nicht, weil ich ein perfekter Mensch ohne Fehler bin - nein, sondern weil ich Perfektion von mir erwarte. Ich bin ein Monk, nenne mich selbst gerne „Kontrolletti“. Und das klingt zwar lustig, ist es aber ganz gewiss nicht. Es ist vor allen Dingen eines: unheimlich anstrengend. Wenn ich etwas nicht perfekt hinbekomme, fühlt es sich nicht an wie ein Fehler. Es fühlt sich an wie: ich verliere die Kontrolle. Und mit ihr verliere ich Respekt. Ich werde abgelehnt. Das ist kein rationaler Gedanke, sondern eine uralte Verknüpfung in meinem Hirn. Fehler sind Anlässe zur Demütigung. Und Demütigung ist Gefahr. Also perfektioniere ich. Kontrolliere, strukturiere. Ohne Struktur fühle ich mich wie ein Käfer auf dem Rücken. Völlig hilflos. Struktur ist mein zweiter Vorname. Teilweise stehe ich da und denke mir: „Alter, bin ich krass!“ Ja, ich finde mich zum Teil richtig gut, fast schon bewundernswert. Ich gebe noch mehr Gas, wenn jemand zuschaut. Weil Anerkennung mein Benzin ist, meine Bestätigung, meine Luft zum Atmen. Ich bin nicht nur kompetent, sondern auch stark. Wow! Das Problem ist nur, dass wenn mein Selbstwert an Disziplin hängt, fühlt sich jeder Kontrollverlust wie ein Identitätsverlust an.


Ich habe mir die Frage gestellt: „Wofür will ich meine Kampfenergie einsetzen?“ Meine Antwort kam schlagartig und hat mich irgendwie verblüfft: Ich möchte eine gute Mutter sein. Aber auch das kann zur Falle werden. Denn möchte ich „nur“ eine gute Mutter sein oder einfach eine bessere Mutter als meine es war? Wenn „gute Mutter“ bedeutet, immer ruhig zu sein, souverän, immer über den Dingen zu stehen, nie überfordert zu sein - dann ist das doch schon wieder eine neue Art der Perfektion. Mein Kind braucht keine perfekte Mutter, keine Kämpferin. Es braucht eine regulierte Erwachsene. Es muss nicht lernen, dass Mama nie kippt, nie stolpert. Es muss lernen, dass Mama merkt, wenn sie gestresst ist. Dass Mama sich regulieren kann. Dass Mama Verantwortung übernehmen kann, Mama auch zurück zu sich findet, in Verbindung zu sich selbst steht. Alles Dinge, die ich so nie vorgelebt bekommen habe.


Und genau das ist Stärke. Und genau das ist auch der Bruch mit meiner Geschichte. Ich werde mein Kind niemals belächeln oder herabsetzen, wenn es einen Fehler macht. Niemals. Also muss ich aufhören, das bei mir selbst zu tun. Denn da bin ich echt gut drin. Nicht etwa, indem ich weniger diszipliniert werde, sondern indem ich meinen Wert von meiner Performance entkopple. Ich bin gut und ich bin diszipliniert. Nicht: ich bin gut, weil ich diszipliniert bin. Das ist der kleine aber feine Unterschied.


Stress ist keine Charakterschwäche. Tunnelblock ist ein Thema mit dem Nervensystem, nicht ein Indiz des Versagens. Streit war Entladung und nicht Bosheit. Kontrolle war Schutz und nicht Identität. Und vor allem: Ich brauche keinen Krieg mehr, um stark zu sein. Die Kämpferin darf gerne bleiben. Aber sie bekommt ein neues Einsatzgebiet: Selbstführung statt Selbstverteidigung. Regulation statt Eskalation. Würde statt Perfektion. Vielleicht ist das das erste Mal in meinem gesamten Leben, dass ich nicht kämpfe um zu überleben - sondern, um frei zu sein. Und das fühlt sich, überraschenderweise, nicht schwach an. Sondern erwachsen.

 
 
 

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