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Die andere Frau

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 17. Jan. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Jan. 2025

„Schau mal, ich hab dir einen Rechner eingerichtet!“ frohlockte mein Vater und deutete auf den kleinen Röhrenbildschirm der an einen sperrigen, laut vor sich hin brummenden, Computer angeschlossen war. Anfang der 2000er war das Standard und so freute ich mich darüber. „Cool, danke! Dann kann ich ja jetzt Sims spielen!“ - was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste war, dass der eingerichtete Computer eines der ältesten Modelle war, was im Technik-Inventar meines Vaters zu finden war und für so ziemlich gar nichts ausreichend Bums hatte. „Sims“ spielen war darauf zwar grundsätzlich möglich, man musste jedoch sehr viel Zeit einplanen und durfte am Rest des Tages keine Termine mehr haben. Das Laden des Spiels alleine dauerte etwa eine Stunde. Dann war aber noch nicht gespielt. Egal! Ich hatte einen Computer, das war doch schon mal was. Und vor allem war ich völlig ungefragt zu diesem Glück gekommen! Mein Vater hatte aber originär einen anderen Plan, von dem ich einige Zeit später erfahren sollte.


Er richtete mir einen Chat-Messenger ein, mit dem ich - so sagte er - „chatten“ könne. Ich wusste erst einmal überhaupt nicht, was er von mir wollte, sah mir das ganze aber sehr interessiert an. „Was ist denn chatten?“ fragte ich ihn etwas irritiert. „Da schreibst du mit Leuten“ antwortete er. „Und mit wem schreibe ich da?“ ich kannte eigentlich niemanden, mit dem ich hätte chatten können, geschweige denn jemanden, der überhaupt die technischen Möglichkeiten dazu hatte. Wie gesagt, war Anfang der 2000er. Da hatte noch nicht jeder einen Computer und Internet war grundsätzlich auch noch ein etwas heikles Thema, vor dem jeder ein wenig Schiss hatte. Klang irgendwie so groß und mächtig, da passieren bestimmt komische Dinge - muss man echt aufpassen, vor diesem Internet. Man weiß nie, welche Gestalten sich da so tummeln. Ich tippte orientierungslos auf der Tastatur herum und versuchte, Wörter zu schreiben. Das hat nicht nur eine Ewigkeit gedauert, ich wusste auch nicht, wie man mit dem Teil groß und klein schrieb. Um mit mir zu chatten brauchte man noch um einiges mehr Geduld, als beim Sims spielen. So viel war klar.


Er tüftelte an dem Chat-Messenger herum und fügte zwei Personen hinzu: sich selbst und eine Anna. „Wer ist das?“ fragte ich, jetzt gänzlich irritiert. Ich kannte keine Anna. „Das ist die Tochter einer ganz lieben Bekannten!“ er schaute mich entzückt an. „Welcher Bekannten denn?“ Ich kannte so ziemlich alle Freunde und Bekannten in seinem Umfeld und war mir sicher: da hatte niemand eine Tochter namens Anna. Er erklärte umständlich, dass er die Bekannte über sein Geschäft kenne und mit ihr gemeinsam Seminare besuche um sich fortzubilden. Irgendwann schaltete ich ab, so ganz genau wollte ich es gar nicht wissen. Für mich klang das alles ziemlich kompliziert. Okay, dann schreibe ich halt mit Anna, wenn ihm da so viel dran liegt. „Ihr versteht euch sicher gut!“ ergänzte er und ich zuckte mit den Schultern. „Okay, ja vielleicht tun wir das“ Ich hatte eigentlich kein Interesse daran, diese Anna näher kennen zu lernen. Zumal sie ein, zwei Jahre jünger als ich war. Das war in meinem Alter damals, ich muss etwa elf gewesen sein, eine ganze Menge. In meinen Augen war sie noch ein Kind.


So kam es also, dass ich mit Anna schrieb. Und schrieb. Tage und Wochen gingen ins Land und wir schrieben immer noch, mittlerweile ziemlich regelmäßig. Irgendwann fing ich an, sie zu mögen. Und freute mich sogar darauf, mit ihr zu schreiben. Mein Vater chattete häufig zeitgleich mit ihrer Mutter, was ich anfänglich seltsam fand, mich jedoch schnell daran gewöhnte. Einige Male machte er sogar die Webcam an und chattete mit ihr, während sie ihn sehen konnte - und umgekehrt. Sie sah ganz nett aus, fand ich. Anna und ich schrieben nur, ich hatte kein Interesse daran, die Webcam parallel anzuschalten. Schien wohl eher ein Erwachsenen-Ding zu sein. Ich glaube, Anna wurde - genau wie ich - dazu überredet, sich mit mir anzufreunden. Schien sie auch nicht allzu viel Ahnung zu haben, was sie denn mit mir schreiben sollte. Ich meine, schließlich kannten wir uns ja gar nicht. Sie wohnte am anderen Ende von Deutschland, da ist ein spontaner Besuch ja eher nicht gut machbar. Und ich wusste auch, dass sich an der Wohnsituation nichts ändern sollte. Dass hier eine Freundschaft daraus hätte entstehen sollen, so wusste ich, davon war von Anfang an eher nicht auszugehen. Aber aus irgendeinem Grund schien es meinem Vater ein Anliegen zu sein, dass wir uns gut verstanden. Und irgendwann taten wir das tatsächlich.


Mein Vater verreiste alle paar Monate für ein, zwei Wochen in die Stadt seiner Bekannten um dort, so sagte er, „Seminare zu besuchen“ und sich fortzubilden. Er machte eine Lehre in einer japanischen Heilmethode, welche sich „Reiki“ nennt. Seine Bekannte arbeitete schon länger in diesem Bereich und war, das war zumindest meine Interpretation, eine Art „Mentorin“ für ihn. Ich konnte damals mit dem ganzen Konzept gar nichts anfangen, für mich klang das alles ziemlich abgefahren und esoterisch. Von Zeit zu Zeit sollte ich auch als Versuchskaninchen herhalten. Ich legte mich auf eine Art Pritsche, er spielte meditative Hintergrundmusik ab und schwebte mit den Händen einige Zentimeter über meinem Körper. Wichtig an der Stelle zu erwähnen ist, dass ich die gesamte Zeit über vollständig bekleidet und die Session zu keinem Zeitpunkt anzüglicher Natur war. Ich schätze, er wollte mir einfach nur demonstrieren, wie toll seine heilenden Kräfte waren. Naja, ich sage mal so: man muss dran glauben, schätze ich. Aber ihm schien es zu gefallen und gut zu tun, also warum nicht.


Meine Mutter und ich, mein Bruder war meist nicht dabei, holten meinen Vater vom Bahnhof ab, denn er fuhr mit dem Zug zu seinen Schulungen. Als er wieder kam, war er immer bestens gelaunt und hatte manchmal auch ein kleines Geschenk für mich dabei - einmal, das weiß ich noch, war es ein kleines Püppchen. Er strahlte und freute sich. Schien ihm richtig gut zu tun, dieses Reiki.


„Was ist denn da los?“ mein Bruder und ich schauten uns eines Tages mit großen, fassungslosen Augen an als wir Geschrei aus dem oberen Stockwerk unseres Elternhauses hörten. Meine Mutter schrie und wir hörten, wie Gegenstände herumgeworfen wurden und an den Wänden zerschellten. Türen wurden laut zugeklatscht. Es brach plötzlich und von der einen auf die andere Minute ein riesiger Tumult aus. Kurze Zeit später flog die Tür zum Wohnzimmer auf, wo mein Bruder und ich uns aufhielten, und meine Mutter kam mit hoch rotem Kopf herein gehetzt. „Zieht euch an, packt ein paar Sachen - wir verbringen die nächste Zeit bei meinen Eltern“ Mein Herz machte einen Satz. Toll! Wir würden zu Omi und Opa gehen, das war ja klasse. Ein richtiges Abenteuer! Dieser Gedanke hielt jedoch nicht lange an: „Ist was passiert?“ fragte ich zögerlich. Meine Mutter schaute mich, noch ganz aufgebracht vom soeben stattgefundenen Streit, entgeistert an und meinte nur: „Euer Vater hat Mist gebaut, wir hauen jetzt ab!“ Okay, hauen wir also ab. Mein Vater haute dann auch ab - zu seiner Bekannten ans andere Ende von Deutschland. Erst einige Zeit später sollte ich erfahren, was an diesem Tag tatsächlich passiert war.


Ich war zwar noch jung, aber nicht auf den Kopf gefallen. So fand ich rasch heraus, dass mein Vater und diese Mentorin aus der anderen Stadt offenbar mehr miteinander zu tun hatten, als lediglich professionelle Schulungen gemeinsam zu besuchen. Ich fand heraus, dass er in der Zeit nicht in einem Hotel in ihrer Stadt nächtigte, sondern in ihrem Haus. Häufig auch zusammen mit ihr in ihrem Bett. Ich nahm mein altes Nokia, tippte die Nummer dieser Frau ein, welche ich mir aus irgendwelchen Gründen mal aufgeschrieben hatte, und rief sie an. Sie nahm den Hörer ab und war hörbar überrascht, dass ausgerechnet ich sie anrief. Das war mir aber völlig egal - ich beschimpfte sie aufs Bitterste. Sie hörte mir damals alle geläufigen Schimpfwörter, ich schrie sie an, was ihr denn überhaupt einfiele, mir meinen Papa wegzunehmen. Am anderen Ende der Leitung war kurz Stille. Dann sagte sie sanft: „Kleines, dein Papa und ich... wir lieben uns.“ Ich sah schwarz. Zu dem Zeitpunkt hatte mein Vater bereits Wind davon bekommen, was ich tat. Er stand fassungslos in der Tür und versuchte, auf mich einzureden, mich zu beruhigen und mir mein Handy wegzunehmen. Dieses pfefferte ich ihm entgegen und rannte an ihm vorbei aus meinem Kinderzimmer hinaus. Ich weiß nicht mehr, wo ich hin rannte. Ich rannte und rannte.


Mein Vater hatte damals die waghalsige Fantasie, seine „alte“ Familie, nämlich mein Bruder, meine Mutter und mich, mit seiner „neuen“ Familie, also die Mentorin, Anna sowie ihren Bruder, miteinander zu vereinen um nicht nur ein Stückchen vom Kuchen, sondern den gesamten Kuchen zu bekommen. Wie genau er sich das vorgestellt hatte, ist mir bis heute ein Rätsel. Reiki scheint ihm ganz schön die Birne vernebelt zu haben. Dass an seinem Plan sowohl meine Mutter, als auch der Ehemann dieser Bekannten nicht einverstanden gewesen wären, hätte man ja auch ahnen können.


Wir alle waren aufgebracht und zutiefst verletzt - meine Mutter war vor allem eines: unfassbar sauer und aggressiv. So habe ich sie noch nie gesehen, sie war wochenlang außer sich. Und, da bin ich ehrlich, im Nachhinein verstehe ich das auch. Zu dem Zeitpunkt damals war ich vor allem eines: fassungslos. Ich war wie ausgebrannt, in mir machte sich eine beunruhigende Leere breit. Mein Vater wollte uns für eine andere Familie eintauschen. Er hatte, das weiß ich heute, sogar meinen Onkel, also Bruder meiner Mutter, gebeten, ihm sein Auto in die andere Stadt zu bringen. Weil er nicht mehr zurück wollte. Dieser zeigte ihm selbstverständlich den Vogel und tat ihm diesen Gefallen nicht.


Meine Mutter, mein Bruder und ich zogen aus. In einen anderen Stadtteil, in die Nähe meiner Großeltern mütterlicherseits. Es war wie ein einziger, wahr gewordener Albtraum. Das schlimmste von allem war die Tatsache, dass es keinen endgültigen Schnitt, keinen Abschluss, keine Scheidung oder ähnliches, gab. Ständig war mein Vater Thema, ständig fuhr meine Mutter zu ihm, weil sie dort noch immer arbeitete. Wir gingen weiterhin auf dieselbe Schule, einige Ortschaften von unserem alten Zuhause entfernt. Alles war „beim alten“ und doch war alles anders, alles war falsch. Meine Mutter meinte es sicher nur gut, indem sie uns nicht aus dem alten, gewohnten Umfeld riss. Aber genau dadurch fühlte sich die gesamte Zeit in der neuen Wohnung an, wie ein Schwebezustand. Als hätte man die Pause-Taste gedrückt. Lange Zeit sollte ich dieses Gefühl nicht mehr los werden.

 
 
 

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