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Katzenbabys auf der Rückbank

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 18. Jan. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Jan. 2025

Der Kombi fuhr um die Kurve in die Straße hinein. Ich, etwa sieben oder acht Jahre alt, war gerade auf dem Heimweg von der Schule, gedanklich bereits bei den Hausaufgaben und dem bevorstehenden Mittagessen. „Hoffentlich nicht wieder Gyros“, dachte ich. Meine Mutter hatte eine Zeit lang die nervige Angewohnheit, jeden Tag Gyros mit Reis zu kochen. Das Fleisch war zäh und fettig, der Geschmack irgendwie unangenehm. Weder mein Bruder noch ich mochten das Gericht besonders, aber es ging halt schnell - und daher stand es regelmäßig auf dem Esstisch. Gedankenversunken lief ich schlurfend den Gehweg entlang und bekam erst gar nicht so recht mit, dass der Kombi, der an mir vorbei fuhr und hinter mir offenbar gewendet hatte, immer langsamer wurde bis er schließlich in Schrittgeschwindigkeit neben mir her fuhr.


Ich wurde aufmerksam, versuchte blinzelnd durch das spiegelnde Fensterglas etwas zu erkennen und legte, als mir dies nicht gelingen wollte weil die Sonne darin spiegelte, die Stirn in Falten. Das Beifahrerfenster wurde langsam manuell herunter gekurbelt und ein älterer, ungepflegter Mann mit abstehenden Ohren und Dreitagebart schaute mich durch eine große, halbrunde Brille an. „Hey, Kleines - ich habe Katzenbabys auf der Rückbank. Möchtest du die sehen?“ fragte er leise und ich musste mich anstrengen, ihn überhaupt zu verstehen. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass er absichtlich so leise sprach, damit ich näher trat. Er öffnete umständlich die Beifahrertür und stieß sie dann kurzerhand auf. „Die sind ganz klein und süß, wenn du magst, kannst du sie streicheln“ Ich stand wie erstarrt da. Tausend Gedanken strömten durch meinen Kopf und eine, besonders laute und energische Stimme ermahnte mich hektisch, meine Beine in die Hand zu nehmen und so schnell wie möglich das Weite zu suchen. „Streichel sie doch selber!“ entgegnete ich dem Mann vorlaut und setzte mich in Bewegung. Zuerst joggte ich, dann wurde ich immer schneller und zum Schluss rannte ich wie von der Tarantel gestochen. Immer wieder schaute ich über meine Schulter nach hinten und stellte mit Entsetzen fest, dass sich der Kombi ebenfalls in Bewegung gesetzt hatte und mir hinterher fuhr.


Ich kannte mich in meinem Heimatort gut aus und kannte somit glücklicherweise auch sämtliche Abkürzungen und Trampelpfade, wo man mit dem Auto nicht weiter kam. Dieses Wissen nutzte ich zu meinem Vorteil und lief so wild hin- und her, dass der Mann offenbar irgendwann keinen Sinn mehr darin sah, mich weiter zu verfolgen. Schwer atmend und schweißnass kam ich zuhause an, öffnete hektisch die Tür, wobei ich mehrere Anläufe brauchte um das Schlüsselloch zu treffen, und stellte sicher, dass diese hinter mir auch ins Schloss fiel. Ich lehnte mich erschöpft an die Steinwand im Innenhof und wusste zuerst gar nicht so recht, was ich denken sollte.


„Ihre Tochter hatte richtig Glück, das ist Ihnen hoffentlich klar“ sagte der Polizeibeamte am selben Nachmittag an meine Mutter gewandt. Ich hatte soeben ein Täterprofil sowie eine Anzeige gegen Unbekannt abgegeben. „Aktuell häufen sich die Meldungen wieder, diese Dreckskerle haben es auf unsere Kinder abgesehen“ ergänzte er und tippte etwas in seinen Rechner ein. Einige Wochen später sollte der leblose Körper eines jungen Mädchens, welches etwa im selben Alter war wie ich, im Wald aufgefunden werden. Das hätte auch ich sein können, stellte ich fest und schluckte schwer, als ich davon erfuhr.


Dass wir überhaupt bei der Polizeiwache waren und mir Leute zugehört und vor allem auch geglaubt hatten, überraschte mich damals unheimlich. Eigentlich hatte ich ursprünglich überhaupt nicht vor gehabt, zuhause über die Situation zu berichten. Hatte ich befürchtet, man würde mir sowieso nicht zuhören und falls doch, dann wahrscheinlich keinen Glauben schenken. „Ach, ist doch nicht so wild - dir ist ja nichts passiert“ hörte ich sie bereits sagen. Ich hatte erwartet, meine Eltern würden mich kritisch beäugen und die Geschichte hinterfragen. Behaupten, dass ich womöglich wieder übertreiben würde, wie ich es - zumindest äußerten sie das stets - ja sowieso in den meisten Fällen tat. Ich ließ das Thema beiläufig einfließen und sofort herrschte Stille. Mit so viel ungeteilter Aufmerksamkeit konnte ich gar nicht gut umgehen. Das Thema schien wohl tatsächlich wichtig zu sein, schätzte ich.


Einige Monate vor diesem Zwischenfall mit dem Mann und seinen Katzenbabys fand eine Informationsveranstaltung zu diesem Thema in der Aula meiner Grundschule statt. Es war Mitte der 90er Jahre und offenbar kam das Thema Kindesmissbrauch zu der Zeit noch einmal größer auf und wurde immer bekannter. Wir schauten einen unangenehmen Film an, in dem gezeigt wurde, wie Kinder gefangen genommen, stellenweise sexuell missbraucht und schließlich umgebracht wurden. Katzenbabys und Puppen wurden ebenfalls thematisiert. Dass dieses Filmchen überhaupt in Anwesenheit von Kindern gezeigt wurde, finde ich im Nachhinein ganz schön heftig. Ich war dort mit meiner Mutter, die die komplette Zeit wie erstarrt auf ihrem Holzstuhl saß und offenbar ein Wechselbad der Gefühle durchlebte.


Einige Wochen nachdem wir bei der Polizeiwache waren und ich mein Täterprofil abgegeben hatte, saß ich auf dem Boden meines Kinderzimmers und hörte eine CD von der Band „Pur“ an, die ich neu geschenkt bekommen hatte. Ein Lied nennt sich „Kinder sind tabu“ und als dies lief, kam meine Mutter in mein Zimmer, setzte sich wortlos auf mein Bett und Tränen liefen ihr über die Wangen. Ich konnte es in dem Moment nicht so recht begreifen, dachte ich doch, das wäre eine normale Reaktion auf ein abgrundtief schlimmes Thema. Was mich später in der Retrospektive jedoch etwas irritiert, ist dass sie mich dabei nicht ein einziges Mal anschaute. Weder lächelte sie mich tröstend an, war ich schließlich diejenige gewesen, die fast entführt worden wäre, noch nahm sie mich zu sich, umarmte mich oder sonst irgendwas. Die Art, mit Gefühlen umzugehen, finde ich mittlerweile sehr befremdlich. Wundert es mich im Nachhinein irgendwie nicht, dass auch ich eine etwas verschobene Art habe, mit Gefühlen umzugehen. Aber wie hätte ich es denn auch lernen sollen?

 
 
 

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