top of page

Du nimmst, was du bekommst.

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 8. Jan. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Jan. 2025

Blickkontakt, kurzes Zucken der Augenbrauen. Dann schaute er weg. „Naja“, dachte ich, „Er wird mich schon gehört haben...“- weit gefehlt. Wenn mein Vater genervt oder angefressen war, zog er die Augenbrauen immer auf eine ganz bestimmte Art hoch. Auf die Art, bei der die gesamte Stirn in Falten lag und eine besonders tiefe etwa mittig mehr als die anderen hervorstach. Als ich klein war und meine ersten Zeichenversuche gestartet hatte, zeichnete ich die Gesichter immer mit einem Strich auf der Stirn. „Ist das eine Augenbraue?“ fragte mich einmal meine Lieblings-Kindergärtnerin. „Neiiin!“ entgegnete ich völlig entgeistert, „Das ist die Falte auf der Stirn!“, ich dachte wohl, das sei doch ganz klar und jeder wisse, welche Falte ich meine. Ich glaube, die Erzieherin war etwas irritiert. Wieso, verstand ich erst viel später.


Einige Tage zuvor begann mein Vater mit seinem Freund aus Kindertagen, den wir immer nur bei seinem Spitznamen nannten und ich deshalb lange gar nicht wusste, wie er wirklich hieß, den originären Wohn- und Essbereich in meinem Elternhaus in zwei kleinere Zimmer zu unterteilen. Sie verwendeten dafür Spanplatten aus Eiche und Dämmung. Eine Tür wurde eingebaut. Das ganze sah schon ganz ordentlich aus, fanden alle. Ja, fand ich auch. Wenngleich ich nicht sofort begriff, weshalb aus dem hübschen, offenen Raum nun zwei kleine entstehen sollten. Erst später fand ich heraus, dass die beiden Zimmer die neuen Kinderzimmer meines jüngeren Bruders und mir werden. Bis dahin teilten wir uns ein Zimmer im Erdgeschoss. Vermutlich hat man irgendwann dann auch eingesehen, dass das in unserem Alter nicht mehr ganz so toll funktioniert. Als sechsjähriger Junge und fast zehnjähriges Mädchen entwickelt man eigene Bedürfnisse. Die Grundidee war also schon mal gar nicht so verkehrt. Aber so richtig viel kommuniziert wurde mit uns Kindern damals nicht. Nach der anfänglichen Euphorie über ein eigenes Zimmer mit etwas Privatsphäre und nicht ständig Unterhaltung und Theater meines kleineren Bruders, brauchte ich nicht lange, um darauf zu kommen, dass eines der beiden Zimmer ein Durchgangszimmer mit zwei Türen werden würde. Und ich das auf gar keinen Fall wollte.


„Papa...? Ich hätte gerne das Zimmer da hinten und nicht das Durchgangszimmer. Mit meinem Bruder habe ich das schon geklärt, dem ist es egal!“ Ich, siegessicher weil ich mich um das Hauptargument - nämlich der Zufriedenheit meines Bruders - bereits gekümmert hatte, war damals gerade in der Frühpubertät und mein Bruder in einer Phase, in der er mir gerne und so häufig wie möglich Ärger bereitete. Er ging mir gerne absichtlich auf die Nerven und fing dann, sobald ich mich irgendwann zur Wehr setzte (was bedingt durch bereits erlebte, heftige Konsequenzen nur in absoluten Ausnahmefällen physisch geschah) sofort an, zu weinen. Aus irgendeinem Grund waren meine Eltern der Meinung, er würde nur dann weinen, wenn es wirklich weh tut. Wahrscheinlich, weil er als Junge natürlich ein „Indianer“ war, der keinen Schmerz kannte. Ein echter Kerl halt. Dass das natürlich vollkommener Quatsch ist, stieß auf taube Ohren. Mir war schon klar, dass mein Bruder, sollte ich dieses Durchgangszimmer bekommen, immer zu außergewöhnlichsten Uhrzeiten plötzlich auf die Toilette musste und absichtlich langsam durch mein Zimmer schleichen würde. Nein, das ging nicht. Völlig ausgeschlossen!


Eine Antwort bekam ich nicht, was ich jedoch bekam, war dieses Durchgangszimmer. „Das ist ein wenig größer als das andere!“ hieß es. „Okay, schön - ist mir aber gleich, ich nehme viel lieber das kleinere!“ Alles Bitten und Betteln half nicht. Ich bekam dieses kleinere Zimmer nicht, egal wie sehr ich es wollte. Viele Jahre fragte ich mich, wieso man auf meine Wünsche überhaupt nicht einging. Wieso man sie so ignorierte, ja mir fast schon absichtlich Dinge vorenthielt. Es ergab alles keinen Sinn. Mein Bruder nahm wortlos das kleinere Zimmer, denn ihm war es ja egal. „Wieso wolltest du das kleinere Zimmer denn unbedingt?“ fragte er mich ein paar Tage, nachdem wir in die Zimmer gezogen waren. „Weil ich manchmal gerne einfach meine Ruhe hätte, weißt du? Ich möchte eine Tür schließen können.“ Tatsächlich konnte ich das erst dann, als sich meine Eltern einige Jahre später zum ersten Mal räumlich trennten und mein Bruder, unsere Mutter und ich in einen anderen Stadtteil zogen. Da hatte ich dann endlich mein lang ersehntes, eigenes Zimmer mit eigener, verschließbarer Tür. Ganz unglücklich war ich über dieses Durchgangszimmer stellenweise zugegebenermaßen aber auch nicht. Meine Eltern erteilten mir häufig Hausarrest, wenn etwas nicht so lief, wie sie es sich vorgestellt hatten. Wenn ich beispielsweise offenbar böse zu meinem Bruder war oder mich ungezogen verhielt. Wenn ich wieder „aufmüpfig“ wurde. Wenn ich schwierig war. Dann bekam ich Zimmerarrest. Das war eine Zeit lang relativ häufig, die Gründe habe ich oft nicht verstanden. Ich denke, es lag daran, dass meine Eltern nicht damit klar kamen, dass ich einige Zeit lang tatsächlich den Versuch unternommen hatte, für mich einzustehen. Und so haben sie meinen Willen langsam aber sicher gebrochen. „Versteht mich ja sowieso niemand“ sagte ich mir, während ich mich das vierte Mal diese Woche in den Schlaf weinte. Wenn ich also mal wieder auf meinem Zimmer saß und wie ein getretener Hund die Zeit tot schlug, öffnete ich manchmal die Verbindungstür zwischen dem Zimmer meines Bruders und meinem eigenen - dann war ich nicht so alleine. Es hat alles Vor- und Nachteile, stellte ich fest.


Diese Lektion hat mir gezeigt, dass ich mich völlig machtlos den Entscheidungen „höherrangigerer“ Personen beugen muss und führte zu einem mangelnden Selbstbewusstsein bzw. -vertrauen. Häufig fällt es mir auch heute noch schwer, zu verstehen, dass ich die Kontrolle über mein Leben habe und mir diese Kontrolle nicht aberkannt wird. Da mir jedoch meine gesamte Kindheit über suggeriert wurde, dass meine Gefühle und Bedürfnisse weniger wichtig sind als die der anderen, wird es meine Lebensaufgabe sein, mich jeden Tag aufs Neue davon zu überzeugen, dass das nicht stimmt. Außerdem könnte dieses Ereignis sinnbildlich dafür stehen, dass ich gelernt habe, bei Konfliktsituationen eher nachzugeben, um Spannungen aus dem Weg zu gehen. Ich habe gelernt, dass meine Wünsche ohnehin nicht berücksichtigt werden, also wieso sollte ich mich auf solche Art von Situationen einlassen?

„Merke dir eines: du kannst nur dir selbst vertrauen“ war ein Spruch, den ich in meiner Kindheit und auch noch im jungen Erwachsenenalter häufig vonseiten meiner Eltern gehört habe. Da ich häufig das Gefühl hatte, absichtlich übergangen worden zu sein, schließt sich hier der Kreis dahingehend, dass ich seit je her das Mantra innehalte, man könne sowieso niemandem vertrauen. Außerdem habe ich Schwierigkeiten damit, zu glauben, dass andere Menschen meine Gefühle und Wünsche respektieren. Auch hier ist es denkbar, dass sich ein Kontrollzwang entwickelt hat - als Reaktion könnte ich ein Bedürfnis nach Kontrolle entwickelt haben um in anderen Lebensbereichen das Gefühl der Machtlosigkeit zu kompensieren.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Das Tribunal

Letzte Nacht stand ich auf einer Bühne. Alles daran rief Erinnerungen an längst vergangene Zeiten wach, zu denen man mittags nach der Schule zu Uhrzeiten wie zwei Uhr nachmittags bereits vor dem Ferns

 
 
 
Operation am offenen Herzen

Es gibt Leute, die sagen leichtfertig so etwas wie: „Dann brich doch den Kontakt ab.“ Als wäre das einfach ein Ausschalt-Knopf, ein Hebel den man easy umlegt. Zack, Licht aus. Klick, Ruhe im Karton.

 
 
 
Die Kämpferin, die keinen Krieg mehr braucht

Ich werde dieses Jahr sechsunddreißig. Zum sechsunddreißigsten Mal jährt sich mein Geburtstag. Fühlt sich gar nicht so an, ich habe das Gefühl ich wäre viel jünger. Wie verhält man sich denn mit sechs

 
 
 

Kommentare


bottom of page