Ein Erbe namens Ignoranz oder auch: die Kunst aus einem Haus ein Pulverfass zu machen
- Sophia A. Marten

- 30. März 2025
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 31. März 2025
Früher dachte ich, ein geerbtes Haus sei etwas schönes. Ein Fundament. Ein Ort, an dem man sich verwurzeln kann, vielleicht auch ein Stück Sicherheit. Heute weiß ich: ein geerbtes Haus kann auch einfach nur ein riesiger, stinkender Misthaufen mit hübscher Fassade sein - dekoriert mit einer Prise Gaslighting, Familiendynamik des Grauens und einem außerordentlich selektivem Gedächtnis, wenn es um die gerechte Verteilung von Eigentum geht. Eigentlich war von Anfang an klar, dass die ganze Geschichte, zumindest für mich, total in die Hose gehen sollte. Das hatte es einer sensationellen Mischung aus Missgunst, Egoismus und Ignoranz zu verdanken. Und mittendrin war ich. Diejenige, die das ganze Thema von Anfang an tatsächlich noch ernst genommen hat und den Anspruch hatte, es richtig zu machen.
Ich wollte eigentlich nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ganz weg lassen kann ich es auch nicht: nennen wir es einfach „Kapitel 0“ oder auch „Der Ursprung allen Irrsinns“. Bevor das Theater in dem Haus überhaupt los ging, gab es bereits eine Vorgeschichte - die wahre Ouvertüre zu diesem Drama. Mein Vater, seines Zeichens Eigentümer meines Elternhauses, kam auf die glorreiche Idee, dass ein Haus ihm wohl nicht reicht. Nein, er wollte auch das Haus seiner Eltern - das Haus, um das es hier geht und welches fairerweise auch seiner Schwester zur Hälfte zugestanden hätte. Aber gerecht und fair - das sind zwei Adjektive, die nicht so recht zu ihm passen. Also ließ er sein Elternhaus kurzerhand auf ihn und uns Kinder überschreiben - alleine hätte er es nämlich nicht bekommen, dafür hatte seine Mutter gesorgt. Die kannte ihren Sprössling offenbar gut genug um befürchten zu müssen, dass die ganze Hütte unter den Hammer kommen könnte wenn dieser eines schönen Tages Geld bräuchte. Das Ziel: Seine Schwester aus dem Erbe drängen. Charmant, nicht? Dass das nicht gutgehen konnte, weil es sowohl rechtlich wie auch moralisch ziemlich bedenklich ist war, zumindest mir, eigentlich klar. Alle anderen fanden die Idee offenbar top durchdacht. Hätte man den normalen, menschlichen Weg gewählt, hätte seine Schwester nach Ableben der Eltern einfach die Hälfte deren Hauses bekommen und mein Vater hätte sein Haus wiederum behalten können. Aber das wusste er vorher halt noch nicht - es wurde also eine Konstruktion gebaut, bei der das Elternhaus auf dem Papier verteilt wurde um es für ihn zu sichern: eine Strategie, die nach hinten los ging. Meine Tante ging natürlich nicht gänzlich leer aus, denn in Deutschland gibt es etwas mit der netten Bezeichnung „Pflichtanteilsanspruch“. Davon wollte mein Vater originär jedoch nichts wissen, obwohl ich ihn bereits subtil darauf hingewiesen hatte, dass das passieren könnte und wahrscheinlich auch wird. Ich war damals sogar mit meinem Bruder bei einem Anwalt, der uns dies dann bestätigte. Blöd, wenn man Eigentum haben möchte, aber seine Rechnung ohne dem Gesetz macht. Dieser Pflichtanteil war nicht gerade Kleingeld und musste ihr nun irgendwie ausgezahlt werden. Das lief wie alles in der Geschichte: nicht sauber, nicht ehrlich und nicht konfliktfrei. Um das Geld lockerzumachen, musste mein Vater sein Eigentum - mein Elternhaus - zwangsversteigern lassen. Ja, richtig gelesen: um sich das Haus seiner Eltern unter den Nagel zu reißen, musste er sein eigenes Haus verkaufen. Strategisch wie menschlich ein Totalausfall. Die ganze Geschichte ging dann natürlich auch vor Gericht, was dazu führte, dass hohe Anwalts- und Gerichtskosten entstanden, die auch er zahlen musste. Dafür kündigte er dann seine Lebensversicherung. Und was ist von dem ganzen Drama übrig geblieben? In erster Linie ein ganzer Batzen verbranntes Geld. Und warum? Weil man den Hals nicht voll bekommen konnte. Und so wurde der Grundstein gelegt für eine nette, kleine Eigentümergemeinschaft - ein Familienprojekt! Was kann da jetzt noch schief gehen?!
Dann begann das fröhliche Stühlerücken: ein Haus, zwei Wohnungen, drei Parteien. Wer hier schon vorschnell bemerkt, dass die Rechnung irgendwie nicht ganz aufgeht, denkt eindeutig zu logisch für diese Familie. Wobei es zunächst hieß, die beiden Wohnungen würden unter uns beiden Kindern aufgeteilt werden. Mein Vater bezeichnete sich als „die graue Eminenz im Hintergrund“ und verzichtete großzügig auf seinen Bezug des Hauses. Fürs erste. Was er zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: im Zuge des oben genannten Erbstreits musste er, wie erwähnt, sein eigenes Haus, von dem er ausging, es behalten und entsprechend bewohnen zu können, veräußern. Davon wussten wir zum damaligen Zeitpunkt jedoch noch nichts. Bis zum Tod meiner Großmutter, und somit dem Beginn des Erbstreits, sollten noch einige Jahre ins Land gehen. Die obere der beiden Wohnungen im Haus war ursprünglich für mich vorgesehen. Ich hatte bereits Zeit, Geld und Nerven investiert - Tapeten runter, Wände gespachtelt, Küche geplant, vermessen, beraten lassen und bestellt. Ich hatte wirklich große Pläne und freute mich auf das kommende. Nicht nur mit der Wohnung, sondern mit dem gesamten Haus. Ich wollte die alte Hütte im neuen Glanz erscheinen lassen, modernisieren, leben. Zu dem Zeitpunkt bewohnte ich eine Art Übergangswohnung, die weder über ordentliche Küche, noch über ein Bad oder gar Heizung verfügte. Ich freute mich also bereits auf die Wohnung, die mir all dies bieten sollte. Dann jedoch kam mein Bruderherz und meldete akuten Bleibenotstand - er brauchte dringend eine Wohnung. Und ich, in einem überaus irrationalen und heroischen Anfall von Nächstenliebe - den ich bis heute ehrlich bereue - überließ ihm meine Wohnung. Ich trat wohlgemerkt freiwillig zurück und ließ ihm den Vortritt. Und aus der naiven Hoffnung heraus, dass Großzügigkeit sich irgendwann auszahlen sollte. Weil ich dachte, als Familie hilft man einander. Kleiner Spoiler an der Stelle: Ein Fehler. Einer mit Langzeitwirkung.
Für mich blieb, das wäre zumindest die logische Konsequenz gewesen, somit die untere Wohnung, die Erdgeschosswohnung, da wir beiden Geschwister unsere Wohnungen ja mit meinem Rücktritt gewissermaßen getauscht hatten. Die untere Wohnung war zu dem damaligen Zeitpunkt noch durch einen Verwandten bewohnt - ich konnte also nicht direkt einziehen. Sobald dieser nicht mehr dort sesshaft sein sollte, würde ich jedoch zum Zug kommen. Klingt logisch, nicht wahr? Ist es auch. Aber Logik und meine Familie, das sind zwei Sphären, die sich systematisch meiden.
Als wäre das Chaos in der Erbengemeinschaft nicht schon groß genug, kam irgendwann der Moment, in dem meine Eltern beschlossen, sie bräuchten jetzt sofort ganz dringend die Erdgeschosswohnung, meine Wohnung, im Haus. Diese Wohnung wurde zum damaligen Zeitpunkt schon gar nicht mehr als meine Wohnung bezeichnet - keiner wollte sich mehr daran erinnern, dass es anfänglich hieß, die beiden Wohnungen wären die meines Bruders und mir. Warum mussten sie unbedingt umziehen? Weil sie aus ihrer bisherigen Bleibe raus wollten. Nach dem Verkauf meines Elternhauses zogen meine Eltern in eine Wohnung im Haus meiner Großeltern mütterlicherseits. Sie fühlten sich dort jedoch nicht wohl: wahrscheinlich, weil mein Vater nicht tun und lassen konnte, was er wollte. Meine Großeltern, also seine Schwiegereltern, wohnten ja mit im Haus - und er fühlte sich schlicht beobachtet. Logisch natürlich, dass man sich dann kurzerhand meine Wohnung unter den Nagel riss. Er ist ja schließlich Miteigentümer und kann tun und lassen, was er will. Ohne mich zu fragen, versteht sich. Denn warum sollte man denn mit mir reden? Ist ja nur meine Wohnung. Zu dem Zeitpunkt zahlte ich für eine andere Wohnung, in der ich damals lebte - und nicht gerade wenig, wohlgemerkt. Eine Wohnung, die mich monatlich ordentlich Geld kostete. Und das, während meine Eltern für ihre vorherige Bleibe, aus der sie unbedingt raus wollten, kaum etwas bis gar nichts zahlten. Aber hey - sie „brauchten“ die Wohnung halt dringender, das wurde so entschieden. Im Nachhinein hieß es dann, ich hätte ja überhaupt keinen Anspruch auf diese Wohnung gehabt. Weil meine Eltern „akut“ eine Bleibe suchten und ich ja so zufrieden mit meiner damaligen Wohnsituation gewesen wäre. Und das wurde behauptet, obwohl ich mit meinem damaligen Vermieter massive Probleme hatte und ein Vielfaches mehr an Mietkosten zahlen musste, als alle anderen. Alles kein Thema. In Wahrheit ging es immer um Besitz. Um Zugriff. Um das gute alte „Was meins ist, ist meins - was deins ist, ist verhandelbar“. Und natürlich ging ich am Ende leer aus. Es gab kein Gespräch, keinen Kompromiss. „Stell dich nicht so an“. Ich zog also nie in meine Wohnung ein - bekam dadurch jedoch einen zunehmend klaren Blick auf das, was in diesem Haus gerade tatsächlich passiert.
Aber mir wurde, als Trostpreis sozusagen, großzügigerweise der Dachboden angeboten. Es handelte sich um einen unausgebauten, unrenovierten Taubenschlag ohne ordentlicher Dämmung - dafür aber mit so vielen Schrägen, dass selbst Harry Potter Depressionen bekommen hätte. Und mit deutlich geringerer Wohnfläche als die beiden anderen Wohnungen im Haus. Und der Bonus war: das Zimmer vor dem Dachboden, welches eigentlich mit zur Dachgeschossfläche gehörte, wurde seitens meines Vaters kurzerhand als „Gästezimmer“ der Hausbewohner erklärt. Das Zimmer gehörte also nicht mit zu meinem Teil des Hauses, war ja für Gäste. Nicht für mich. Nett, oder? Bis heute hat da übrigens kein einziger Gast jemals drin übernachtet. Und die Garage durfte ich auch nicht als Unterstellmöglichkeit für etwaige Möbelstücke nutzen. Warum auch? Schließlich könnte man sonst versehentlich den Eindruck bekommen, ich gehöre dazu. Die beiden Garagen gehörten offenbar sowieso ausschließlich zu den beiden Wohnungen im Haus - nicht etwa zum Dachboden. Den Ausbau des Dachgeschosses hätte ich auch selbst bezahlen müssen. „Ja, nimmst halt einen Kredit auf“, hieß es. Okay, danke. Der Dachboden blieb unausgebaut. Das Projekt ist offiziell gescheitert. Weil mir nie die Chance gegeben wurde, meine Pläne umzusetzen - Veränderung war nicht erwünscht. Stillstand war das Ziel, Hauptsache, niemand muss sich bewegen oder gar etwas beitragen.
Aber was soll's - dass ich immer alles selbst finanziere und von niemandem Almosen brauche, war allseits bekannt. Während ich für jede meiner bisherigen Wohnungen und auch jetzt im eigenen Haus, welches ich übrigens nicht geerbt sondern für eine hohe Stange Geld gekauft habe, monatlich zahle, leben die anderen gemütlich mietfrei vor sich hin. Kein einziges Mal habe ich das Wort „Nutzungsentschädigung“ in den Mund genommen oder gar eingefordert, obwohl sie mir rechtlich zugestanden hätte, weil ich mein Eigentum nicht selbst nutzen konnte obwohl ich das eigentlich vorhatte. Warum habe ich sie nicht eingefordert? Weil ich lange dachte, mit Vernunft käme man weiter. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass auch von Seiten der Parteien, die jahrelang umsonst in einem Haus lebten, das zum gleichen Teil auch mir gehört, selbstständig nie darüber nachgedacht oder gar geäußert wurde, dass das alles doch ziemlich ungerecht war und für mich extrem blöd ausgegangen ist. Warum auch? Es scheint ja Tradition zu sein, dass ich mich zurücknehme, damit andere bequem leben können. Ich habe das Thema nie angeschnitten, wollte ich eigentlich Frieden. Lösungen. Dass dieses Haus funktioniert. Aber das war offensichtlich irgendwie zu viel verlangt. Ich wurde jahrelang systematisch verarscht, klein gemacht. Gaslighting, dass sich die Balken biegen. Und immer schön mit dem süffisanten Grinsen, das sagt: „Ach komm, du übertreibst doch.“
Das Hauskonto ist ebenfalls eine reine Farce. Die monatlichen Einzahlungen der beiden Parteien, die das Haus bewohnen, decken gerade so mit Hängen und Würgen die laufenden Kosten. Rücklagen sind ein absolutes Fremdwort. Und immer, wenn ich angeregt habe, das Haus eventuell zu verkaufen - um gemeinsam als Eigentümergemeinschaft etwas rauszuholen, wovon jeder von uns etwas hat, bevor es irgendwann richtig kracht - wurde ich geflissentlich übergangen und angeschaut, als hätte ich sie nicht mehr alle. Ich, wohlgemerkt Miteigentümerin, hatte keinerlei Mitspracherecht. Wohne ja nicht in der Immobilie, habe also die Klappe zu halten.
Stattdessen kam es zwangsläufig - und nachdem ich genau dieses Szenario Jahre zuvor bereits prophezeit hatte - dazu, dass der Anteil meines Vaters veräußert werden musste weil dieser eine Grundschuld auf seinen Anteil des Hauses geladen hatte (übrigens ohne vorherige Rücksprache), die er im Zuge des Bankrottgehens seines Geschäfts nicht mehr zahlen konnte. Und man, um eine Zwangsversteigerung der Immobilie zu umgehen und die Schulden zu tilgen, schnellst möglich reagieren musste. Auch hier hakte ich ein, man könne die Immobilie doch schätzen lassen und sie online zum Verkauf anbieten. Wir hätten damals richtig viel Kohle dafür bekommen. Ich habe oft genug betont, dass ich das Geld gut gebrauchen könnte. Nicht als Luxus, sondern um mich abzusichern. Davon wollte man aber nichts hören. Man nahm billigend in Kauf, dass uns, und somit auch mir, durch eine drohende Zwangsvollstreckung massiv Geld verloren geht.
Meine Großeltern mütterlicherseits sprangen schlussendlich ein und kauften den Anteil meines Vaters für einen Betrag, der geradezu lächerlich war. Der Anteil meines Vaters war bei weitem mehr wert, doch dieser stellte sich ja im Vorfeld gegen alle Vorschläge (vor allem meinerseits), die dieses Szenario hätten umgehen können. Im Nachhinein regte er sich sogar noch darüber auf, dass er ja verarscht wurde. Naja, wer nicht hören will, muss halt spüren. Ist doch alles besser, als wegen Sozialversicherungsbetrugs einzusitzen. Das Geld, was nach Abzug seiner Schulden noch übrig blieb und er, wenn er klar denken könnte, zur Seite hätte legen können um für die Zukunft vorzusorgen oder zumindest dafür zu sorgen, dass er die finanziellen Mittel gehabt hätte, eine einigermaßen ordentliche monatliche Rate auf das Hauskonto legen zu können, wurde verprasst: Tag für Tag trudelten Pakete von Amazon ein und ein neuer Esstisch durfte natürlich auch nicht fehlen. Prioritäten? Bitte... Auf meine dringliche Bitte an meinen Bruder, dafür zu sorgen, dass unser Vater einen angemessenen Hausgeldbeitrag für das Bewohnen der Erdgeschosswohnung leistet, erfuhr ich später, dass er offenbar gerade einmal knappe einhundertfünfzig Euro zahlt. Mir fällt dazu langsam wirklich nichts mehr ein.
Da meine Großeltern beide kein Interesse daran hatten, im Grundbuch dieses Hauses mit gelistet zu sein, entschied man sich kurzerhand dafür, die Anteile meines Bruders und letztlich auch meine entsprechend aufzustocken. Aus jeweils einem Drittel sollte jeweils eine Hälfte werden, da aus ursprünglich drei Hauseigentümern zwei wurden. Ich verzichtete jedoch bewusst auf die Erhöhung meines Anteils - hatte ich mich einige Jahre zuvor bereits anwaltlich beraten lassen, weil ich Bedenken hatte, man möge bei finanziellen Engpässen auf mich zukommen und die Hand aufhalten, damit ich mich am Haus beteilige, sollte etwas kaputt gehen oder Schäden aufkommen. Nachdem ich, was die Verteilung des Wohnraums der Immobilie betrifft, jedoch geflissentlich übergangen wurde, hatte ich kein Interesse mehr daran, in irgendeiner Form monetär mit dem Haus belastet zu werden. Ich verzichtete also nicht aus Naivität oder Sturheit, sondern aus Erfahrung und Anraten des Anwalts. Mit Anteilen meines Vaters war noch nie ein Blumentopf zu gewinnen. Nur Ärger - und den hatte ich so schon mehr als genug. Die Hälfte des Anteils, den meine Großeltern von meinem Vater abkauften, schenkten sie großzügig meinem Bruder. Die andere Hälfte sollte er monatlich abbezahlen, was er einige Monate wohl auch tat - dann aber nicht mehr. Warum? Er wurde arbeitslos. Da ist es natürlich ausgeschlossen, dass man seinen monatlichen Verpflichtungen nachkommt. Denkbar wäre gewesen, die Summe zur Zeit der Arbeitslosigkeit zu kürzen und vielleicht erst einmal nur einen Teil des Geldes zurückzuzahlen. Aber nein, es wurde, zumindest zeitweise, eingestellt. Ob er zwischenzeitlich wieder zahlt, weiß ich nicht. Es spielt aber auch eigentlich keine Rolle für mich. Und ich? Ging leer aus. Bekam keinen Cent, keinen Ausgleich. Nicht einmal ein Danke. Ich verzichtete auf den Anteil meines Vaters, was den Anteil meines Bruders damit signifikant erhöhte, wovon er finanziell natürlich profitiert. Aber da muss man ja nicht drüber sprechen. Und mein Bruder, als der weitsichtige Visionär der er ist, stellt sich weiterhin gegen meinen Vorschlag, das Haus zu verkaufen. Warum? Weil Wohneigentum wichtig ist, sagt er. Ganz ruhig, ganz überlegt, mit der Ernsthaftigkeit eines Sparkassenberaters. Und die Familie steht Kopf. Begeisterung überall - dein Bruder ist ja so klug, so vorausschauend! Man möchte ihm fast eine Gedenktafel an die Fassade schrauben für so viel Genialität. Dass ich Jahre vorher selbst Wohneigentum gekauft und nicht geschenkt bekommen habe - alleine, durch eigene Arbeit, ohne Applaus - das hat niemanden interessiert. Es war einfach egal, eigentlich sogar unrecht. Ich habe in stiller Konsequenz gehandelt, habe mich abgesichert, wollte unabhängig sein. Aber wenn mein Bruder sich weigert, eine sanierungsbedürftige Immobilie zu verkaufen, weil er sich wohl ein bisschen in die Rolle des Kapital-Strategen reingefühlt hat, dann wird daraus plötzlich ein ganz großes Ding. Man könnte lachen, wenn es nicht so bitter wäre. Denn der eigentliche Grund, weshalb mein Bruder das Haus nicht verkaufen will, ist klar: er wohnt mietfrei, muss keine Verantwortung übernehmen und lebt bequem ohne jeglichen Aufwand.
Und als man dachte, es kann nicht dreister kommen, kam mein Vater mit der nächsten Nummer um die Ecke. Nachdem er ausbezahlt wurde - also seinen Anteil der Immobilie schwarz auf weiß auf dem Konto hatte - meldete er plötzlich den Anspruch auf ein lebenslanges Wohnrecht. Ja, richtig gelesen. Lebenslang. Für lau. Als Bonusleistung zum ausbezahlten Anteil. Lebenslanges Wohnrecht in meiner Wohnung. War ja immerhin sein Elternhaus und wir hätten es nur, weil er so unglaublich selbstlos war und uns mit in das Grundbuch aufgenommen hatte. Hätte er ja nicht müssen, nicht? Naja, jeder malt sich die Welt eben, wie sie ihm gefällt. Die Wahrheit war, dass er wahrscheinlich Angst hatte, ich würde ihn auf die Straße setzen. Weil ich nun eben mehr zu melden und mehr Rechte hatte als er. Aber warum aufhören, wenn man noch mehr kriegen kann? Natürlich habe ich mich, trotz dass mein Bruder offenbar darauf eingegangen wäre, dagegen gestellt. Vehement. Und zwar nicht, weil ich aus Prinzip gegen alles bin - sondern weil man irgendwann auch mal eine Grenze ziehen muss. Rausgeschmissen habe ich ihn nie und werde das auch nicht tun. Aber alleine, dass er auf den Gedanken kam, das wäre eine reale Gefahr, sagt so viel mehr über ihn als über mich aus.
Was besonders charmant ist: nach außen hin wirken mein Bruder und mein Vater häufig wie eine ziemlich ordentlich funktionierende Koalition. Gemeinsam im Kampf gegen Veränderung. Ich weiß jedoch aus zuverlässiger Quelle und nicht zuletzt deshalb, weil ich es mehr als nur einmal selbst erleben durfte, dass da regelmäßig ordentlich die Fetzen fliegen. Aber solange ich als gemeinsame Projektionsfläche, als gemeinsamen Feind, herhalte, ist man sich einig - gegen mich. Da funktioniert die Kommunikation plötzlich blendend.
Ich erklärte meinem Bruder schon früh, er solle bitte Geld zurücklegen, da ich mit diesem Haus auch in Zukunft nichts mehr zu tun haben möchte. Weil ich damit schon genug über den Tisch gezogen wurde, mehrere zehntausend Euro in dieser Nummer spurlos verschwunden sind - aber ich bin nicht bereit, das einfach zu schlucken. Irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft, werde ich auf meinen Anteil bestehen. Das habe ich ihm klipp und klar gesagt. Es wird jemand kommen, der meinen Anteil des Hauses schätzt und dann werde ich auf genau diesen Anteil bestehen. Geschenkt wird ihm nichts, dieses Recht hat er sich selbst verspielt. Und trotzdem legt er nichts zur Seite. Er lebt mietfrei, hat kaum Ausgaben - aber sparen? Wofür denn? Ich werde ja sowieso nicht ernst genommen. Was passieren wird, ist absehbar: wenn ich auf meinen Anteil bestehe, knallt es. Mein Bruder wird überrascht tun, empört sein - was mir denn einfalle! Dabei wusste er es die ganze Zeit. Und ich? Bin natürlich wieder die Böse, die Unruhestifterin, diejenige, die den Hals nicht voll bekommt. Zur Erinnerung bin ich die einzige in meiner gesamten Familie, die zu keinem Zeitpunkt Vorteile aus dieser Immobilie gezogen hat. Und doch steht fest: ich werde nicht als Eigentümerin dieses Hauses ins Grab steigen. Ich will mit diesem Scherbenhaufen abschließen. Aber ausnahmsweise einmal nicht mit leeren Händen, denn ich habe genug verloren - jetzt bin ich mal dran.
Heute habe ich mich emotional, finanziell und praktisch komplett distanziert. Ich plane nicht mehr, irgendwas auszubauen oder in dieses Projekt zu investieren. Ich will mit dem Haus und den darin lebenden Personen nichts mehr zu tun haben.
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