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Erzengel Michael

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 3. März 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. März 2025

Ich habe ADHS. Das habe ich Mitte dreißig erfahren. Viel zu spät, wenn du mich fragst. Aber wahrscheinlich bin ich kein Einzelfall - denn obwohl man heute weiß, dass sich ADHS meist zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr entwickelt und in der Regel vor dem zwölften Lebensjahr diagnostiziert wird, war das bei mir schlicht kein Thema. Nicht etwa, weil es keine Symptome gegeben hätte, sondern weil sie offenbar niemanden wirklich interessiert haben. Oder man sich eben eingeredet hat, dass es andere Wege gibt. Natürlichere Wege. Wege, die - so glaubte man in meiner Familie - sanfter, reiner, besser sind als alles, was ein „richtiger“ Arzt jemals hätte leisten können.


Diagnostiziert wurde bei mir damals nichts. Stattdessen bekam ich das Gefühl vermittelt, mit mir stimme einfach grundsätzlich etwas nicht. Man ließ mich spüren, dass ich irgendwie komisch war. Ich sei „empfindlich“, „zu hibbelig“, „zu viel“. Irgendwas stimmte halt nicht mit mir. Ich war - so schien es - jemand, den man reparieren und ordentlich einstellen musste. Aber bitte nicht mit Pillen oder ärztlicher Hilfe. Sondern auf dem Weg der Natur. Und dieser Weg führte bei uns immer zu einem ganz bestimmten Menschen: Jack, dem Heilpraktiker.


Jack war keine medizinische Fachkraft. Kein studierter Arzt, kein Psychologe, kein Therapeut im klassischen Sinne. Jack war etwas anderes. Eine Art Guru mit einer Aura, die in den Augen meiner Familie irgendwo zwischen Schamane, Messias und Allwissender schwebte. Wenn Jack etwas sagte, dann war es Gesetz. Unhinterfragbar. Unantastbar. Er war die Instanz. Hausärzte hatten da nichts mehr zu melden. Wenn Jack sagte, ich hätte ein Problem mit meiner Lebensenergie oder dem Chi meiner Großmutter, dann war das so. Ende der Geschichte.


So saßen wir - meine Mutter, mein Bruder, meine Omi und ich - Woche für Woche in dieser Praxis, die eher wie ein Wohnzimmer in einem spirituellen Airbnb wirkte als wie eine medizinische Einrichtung. Keine Termine, kein System. Es gab „Runden“. Wie eine Erscheinung trat Jack irgendwann aus seinem Hinterzimmer und ließ sich von den dicht gedrängten Menschen wie ein Erlöser bestaunen. Sobald er erschien, verstummte alles. Eine Stille legte sich über den Raum, in der man beinahe das Knistern der Erwartungen spüren konnte. Jeder wartete darauf, dass er an der Reihe war. Dass Jack ihn ansah, die Hand auflegte und ein paar bedeutungsschwangere Worte murmelte. Die Privatsphäre war gleich null. Datenschutz? Ein Witz! Jeder im Raum wusste, ob du Darmprobleme, Depressionen oder Fußpilz hattest. Es war irgendwie grotestk - aber ich kannte es nicht anders. Ich war ein Kind. Für mich war das... normal.


Im Nachhinein wirkt es wie eine bizarre Mischung aus Sekte, Theater und kollektiver Wahnvorstellung. Ich erinnere mich noch, wie ich eines Tages zu meiner besten Freundin Luisa sagte: „Ich glaube ja, der hatte irgendein starkes Aphrodisiakum an sich. Oder eine Räuchermischung in der Tasche, die alle so high gemacht hat, dass keiner mehr klar denken konnte“ Sie lachte. Ich lachte auch. Aber ehrlich gesagt - ich meinte es ernst.


Die Wartezeiten auf Jacks göttliche Audienz waren unberechenbar. Man konnte Stunden dort verbringen. Man brachte Decken mit, Snacks, Bücher - manchmal lagen wir einfach im Vorgarten, als würden wir ein Picknick veranstalten. Es kam mir tatsächlich kaum seltsam vor. Erst als Erwachsene begriff ich: das war total abgefahren.


Nach dem Segen... Verzeihung, ich meinte, der Sprechstunde bekam man oft eine Mischung aus Globuli, Tropfen und Spritzen mit nach Hause. Persönlich von Jack zusammengebraut. Für mein aufgedrehtes Wesen gab es Bachblüten und Tinkturen, die ich immer bei mir tragen sollte. „Für die Nerven“ bekräftigte meine Mutter. Hat es geholfen? Keine Ahnung. Vielleicht war es nur Placebo. Vielleicht war es gar nichts. Aber ich nahm es, ohne zu fragen. Hinterfragung war kein Teil meines Weltbildes. Wer Fragen stellte, war respektlos und hatte kein Vertrauen. Unterstellte anderen Menschen negatives. Zweifel bedeutete Undankbarkeit.


Und dann kam Rino, der nächste Hoffnungsträger, den Jack uns empfahl. Der nächste Versuch, meine „aufgestaute Energie“ zu bändigen. Angeblich ausgebildet in einer besonderen Hypnose-Technik auf den Philippinen. Natürlich wurde er in meiner Familie sofort als der neue Heilsbringer gehandelt - vielleicht aus Verzweiflung, vielleicht aber auch aus dem Wunsch, etwas zu tun ohne sich wirklich mit der Ursache zu befassen. Seine Praxis war wir ein tropischer Fiebertraum: Räucherstäbchen, Brunnenplätschern, sphärische Musik und der sanfte Singsang eines Mannes, der mir riet, mit meinem Erzengel zu sprechen. Er sprach sanft, freundlich. Ich dachte, ich hätte mich verhört. Aber nein, ich sollte mir einen aussuchen - als würde ich aus einer Speisekarte wählen. Ich hatte nie zuvor über Engel nachgedacht und entschied mich spontan für Michael - irgendwie klang der solide. Ich lag auf einer weichen Liege, zugedeckt, beobachtet. Nicht nur von Rino, sondern auch von meiner Mutter und meiner Omi. Ich hatte das Gefühl, dass etwas mit mir passierte, nicht für mich. Als würde jemand versuchen, in meinem Kopf aufzuräumen, obwohl er die Sprache meiner Gedanken nicht verstand. Fortan sprach ich, wenn mich mein Herzschlag wieder überrollte, mit einem Engel. Heimlich, leise. Ich sagte niemandem etwas davon. Ich wollte nicht, dass man mich für verrückt hielt. Obwohl - ganz ehrlich - in dieser Welt, in der ich aufwuchs, hätte das wahrscheinlich niemanden ernsthaft gewundert. Ich war damals alt genug, zu verstehen, dass das alles irgendwie schräg war. Aber noch zu jung, um den Mut aufzubringen, das auch laut auszusprechen.


Eines Tages, als ich mit hohem Fieber und Gliederschmerzen im Bett lag, saß meine ganze Familie um mich herum. Alles in meinem Kopf drehte sich. Ich wurde aufgefordert, mit Michael zu sprechen. Für meine Heilung, meine Ruhe, meine Seele. Ich tat es natürlich - ich war schließlich noch ein Kind. Ich stellte nichts in Frage. Vielleicht war es der Höhepunkt dieses absurden Films der Esoterik. Vielleicht war es nur ein besonders intensiver Ausdruck der Hilflosigkeit aller Beteiligten. Ich weiß es nicht mehr so genau. Ich weiß nur: Danach wollte ich nie mehr mit Engeln sprechen.


Heute will sich niemand mehr an Rino erinnern. An die Hypnosesitzungen oder an die erzengelgestützten Heilsbotschaften. Es ist, als wäre das alles ausgelöscht. Selbst meine Mutter, die damals alles daran setzte, mich mit alternativen Methoden zu „retten“, distanziert sich mittlerweile vehement von Esoterik. Ironisch, oder?


Ich selbst bin ein spiritueller Mensch geblieben - mit einer gewissen Grundskepsis, aber offen für Dinge, die mir helfen können. Meditation, Visualisierung. Innere Arbeit. Auch gerne mit meinem inneren Kind. Doch was ich nie wieder tun würde ist, meine psychische und physische Gesundheit in die Hände von Menschen legen, die nicht wissen, was sie tun - auch, wenn sie sich selbst für Halbgötter halten. Ich hätte damals keinen Engel gebraucht, keine Bachblüten, keine Hypnose. Ich hätte jemanden gebraucht, der erkennt, dass ich ein Kind war, das Hilfe brauchte. Ein Kind mit instabilem, dysfunktionalem Elternhaus. Ein missbrauchtes Kind, ein Kind mit ADHS. Ein Kind mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Jemand, der nicht falsch oder verwirrt war.


Was mich heute am meisten verletzt - und das sitzt tiefer, als ich oft zugeben möchte - ist nicht mal, dass man mir diese Tinkturen und Tropfen gab und meinte, dass es sich damit alles erledigt hätte. Es ist nicht der absurde Glaube an Engel oder Hypnosen, nicht mal die Erinnerung an die stundenlangen Sitzungen in stickigen Räumen voller fremder Leute. Es ist die Gleichgültigkeit dahinter. Diese lähmende Gleichgültigkeit. Niemand hat sich damals wirklich die Mühe gemacht, hinzuschauen. Niemand hat sich gefragt, warum ich war, wie ich war. Was hinter meiner Rastlosigkeit, meinem Herzrasen, meinem angefressenen Nervenkostüm, meiner Überforderung wirklich stecken könnte. Keiner hat auch nur ansatzweise in Betracht gezogen, dass ich vielleicht nicht verrückt war.


Es wurde keine zweite Meinung eingeholt, kein Versuch unternommen, sich medizinisch beraten zu lassen. Kein Gespräch mit einem Kinderpsychologen, kein Termin bei einem Facharzt. Es war, als hätte man sich auf bequeme Weise damit abgefunden, dass ich eben irgendwie spinne - aber man wollte es dann irgendwie doch nicht zu genau wissen. Ich war ein Rätsel, das niemand lösen wollte. Vielleicht, weil man Angst vor dem hatte, was dabei herauskommt. Vielleicht, weil es einfacher war, mich zu behandeln, als wäre ich bloß anstrengend und überempfindlich, statt zu erkennen, dass ich echte Hilfe brauchte.

 
 
 

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