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Freundin fürs Leben

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 17. Jan. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Jan. 2025

„Mein Stiefvater kann mich nicht leiden und will mich los werden“, hörte ich meine beste Freundin Jana sagen. „Der macht mir das Leben echt zur Hölle, Sophia!“ Ich schaute sie betroffen und langsam nickend an. Ich kannte ihren Stiefvater und wurde auch nie warm mit ihm - der war irgendwie komisch. Hat nie geredet und immer nur geguckt. Ich war der Überzeugung, dass der gar nicht zu einem Lächeln imstande war. Meine Freundin Jana und ich waren unzertrennlich. Ständig hockten wir aufeinander, entweder war sie bei mir zuhause oder, was häufiger vorkam, verbrachte ich Zeit bei ihr. ein paar Ortschaften weiter. Manchmal übernachteten wir auch bei der jeweils anderen, immer mal wieder auch unter der Woche und fuhren morgens gemeinsam mit der Bahn zum Unterricht. Wir gingen in dieselbe Klasse und ich tue ihr gut. Das meinten zumindest meine Eltern - und offenkundig auch ihre Mutter sowie der etwas stoffelige Stiefvater. Manchmal fragte mich ihre Mutter auch direkt, ob ich nicht Zeit mit Jana verbringen wolle. „Sie blüht in deiner Gegenwart auf, du bist gut für sie - ihre beste Freundin“ teilte diese mir einmal im Vertrauen an. Ja, das war ich wohl. Ihre beste Freundin. Oder so.


Jana war einen Kopf kleiner als ich, hatte strohblondes langes glattes Haar und war gut in der Schule. Sie war clever, unheimlich sportlich und spielte Klavier. Ich war immer ein wenig neidisch auf sie, war sie doch in allem so viel besser als ich. Sie war beliebt bei den Jungs und Mädels und immer laut und lustig. Neben ihr sah ich, zumindest war das meine eigene subjektive Einschätzung, immer aus wie ein graues Mäuschen. Ich war viele Jahre der felsenfesten Überzeugung, dass niemand so recht verstand, wieso Jana sich überhaupt mit mir abgab. War ich doch so ganz anders als sie. Aber Jana war meine beste Freundin. Das betonte sie immer und jeder wusste das. Wir waren beide zwölf Jahre alt und total verrückt nach ihren drei Meerschweinchen, welche in der Garage hinter dem Haus wohnten. Sie hatten dort einen großen Käfig und quietschten immer glücklich und aufgeregt, wenn die Garagentür geöffnet wurde. Fast jeden Tag war ich bei ihr und wir misteten den Stall der Tiere gemeinsam aus und ließen sie auf der kleinen Grünfläche hinter der Garage frei laufen. „Später, wenn wir größer sind, ziehen wir zusammen in eine Wohnung!“ beschloss Jana eines Tages mit glänzenden, stahlblauen Augen. Wir begannen, diese Wohnung zu visualisieren und redeten ständig darüber. War beschlossene Sache, wir ziehen zusammen wenn wir größer sind und nicht mehr zur Schule gingen.


Das Drama um Janas Stiefvater riss jedoch nicht ab - mit zunehmendem Alter ihrerseits und entsprechender Zunahme an Hormonen in der Pubertät wurde die Beziehung immer schlechter. Es wurde so schlecht, dass sie nicht mehr nach Hause wollte und weinend in meinem Kinderzimmer saß. Daraufhin fand in meinem Elternhaus ein Krisengespräch darüber statt, was mit Jana passieren solle. Weshalb meine Eltern der Annahme waren, sie wären hier wichtige Charaktere im Leben fremder Leute weiß ich in der Retrospektive auch nicht so genau. Hätten sich eigentlich besser mal darum kümmern sollen, was in ihrer eigenen Familie so alles schief läuft. Aber ich schätze, diese Schwierigkeiten erscheinen einem dann gar nicht mehr allzu gewaltig, wenn andere Leute auch Probleme haben mit denen man sich herumschlagen und schön ablenken kann. Meine Eltern hatten wohl ein Gespräch mit ihren Eltern und kamen zu der Lösung: Jana muss zu uns ziehen.


Dass wir beiden das, als pubertierende Mädchen, natürlich total stark fanden, muss nicht extra erwähnt werden. Wir ziehen zusammen! Jetzt schon und nicht erst nach der Schule! Wie super - es war ein riesengroßes Abenteuer und voller Vorfreude erzählte, zumindest Jana, dieses kommende Großereignis jedem, der es hören wollte - also praktisch wusste die gesamte Schule davon. In meinem Elternhaus ging es bereits an die Planung des neuen, großen Zimmers für uns beiden. Es sollte auf dem, zu dem Zeitpunkt noch renovierungsbedürftigem, Dachboden eingerichtet werden. Meine Eltern verbrachten mit uns einen gesamten Nachmittag dort oben und planten, was genau wo stehen sollte und wie genau dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt werden sollte. Wir waren Feuer und Flamme, konnten es kaum erwarten. Uns wurde suggeriert, dass das Thema bereits in trockenen Tüchern und dingfest gemacht worden sei. Dass es noch Unklarheiten gab, war uns beiden zu dem Zeitpunkt nicht bewusst.


So kam es sehr überraschend und traf mich mit einer Härte, die ich nicht erwartet hatte, als es plötzlich hieß: „Da wird nix draus“. Es gab kein offenes Gespräch, keine Erklärung - es war einfach so, dass es nicht stattfinden sollte. War halt nicht so. Ende - komm damit klar. Und frag nicht so blöd.


Jana verschwand einige Zeit von der Bildfläche und tauchte dann irgendwann wieder auf - so richtig klar wurde mir nie, was in der Zeit passiert ist oder wo sie war. Sie redete nicht darüber. Die Freundschaft zwischen Jana und mir war danach nicht mehr dieselbe. Klar, verstanden wir uns noch aber beste Freunde waren wir nicht mehr; es war offensichtlich, dass sie aus irgendeinem Grund mir die Schuld am Versagen des Planes gab. Ich versuchte immer mal wieder, das Gespräch mit ihr zu suchen aber sie schaute mich nur mit traurigen Augen an und winkte ab. „Ist schon gut, wahrscheinlich eh besser so - ich gehöre nach Hause“ waren Töne, die mir aus ihrem Mund völlig deplatziert und auswendig gelernt vorkamen. Aber ich ließ es irgendwann einfach so stehen und zuckte nur die Schultern. „Ja, aber wäre schon irgendwie cool gewesen - können später ja immer noch zusammen ziehen“ dazu kam es aber natürlich nie. Janas Leistungen in der Schule wurden sukzessive schlechter, sie fehlte immer häufiger und entfernte sich von mir. Schon bald hatte sie eine neue „beste Freundin“ - ein Mädchen namens Biene. Zumindest nannten wir sie alle so. Die kam von einer anderen Schule, blieb dort ein, oder zweimal sitzen und war entsprechend etwas älter und derbe cool. Hatte einen Freund und trank Alkohol. Das war in dem Alter das Todschlagargument Nummer eins - da konnte ich nicht mit halten. Entweder gehörst du halt zu den Coolen oder nicht. Und ich war eindeutig nicht so cool wie sie. Immer, wenn Biene und Jana Stress hatten, kam Jana wieder zu mir. Und ich freute mich jedes Mal, dass sie doch wieder „zu Verstand“ gekommen ist. Bis Biene sich dann wieder bei ihr meldete. Typisches Teenager-Drama halt. Biene konnte mich nicht leiden, ließ mich auch ständig spüren wie wenig sie mich mochte und für wie langweilig sie mich hielt. In dem Alter war das ganz schön hart, im Nachhinein tut mir dieses „coole“ Mädchen nur leid.


Einige Jahre gingen ins Land, Jana und ich waren immer noch oberflächlich gut miteinander befreundet, doch irgendwann verschwand sie dann von der Bildfläche. Es kam zu einigen Alkohol- und Drogenexzessen, sie kam in ein Heim für Schwererziehbare Jugendliche, der Kontakt zu uns wurde ihr offenbar untersagt und irgendwann verbrachte sie offenbar auch mal ein Jahr in Portugal. So richtig habe ich das nie verstanden, nachdem ich jedoch mit fünfzehn Jahren ein gefährliches Erlebnis mit ihr, vier jungen Erwachsenen, einer rasanten Autofahrt und einer Menge Drogen hatte, hatte ich die Faxen dicke und war dann letztlich auch nicht unglücklich darüber, nichts mehr von ihr mitzubekommen. Ich war heilfroh, dass ich lebend aus diesem Abend rausgekommen bin. Es war völlig überflüssig, dass mir meine Eltern den Umgang mit ihr dann letztlich auch „verbaten“. „Die kommt nicht mehr unter unser Dach!“ drohten sie. Ja ja, schon klar. Guten Morgen, Sonnenschein.


Der Gedanke, was geschehen wäre, hätte man sie damals bei uns aufgenommen, ließ mich jedoch nie mehr gänzlich los.



 
 
 

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