Ich, das Miststück
- Sophia A. Marten

- 7. Apr. 2025
- 13 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Apr. 2025
Wenn ich heute darüber nachdenke, fühlt es sich an wie eine Geschichte aus einem anderen Leben. Nicht nur, weil sehr viel Zeit vergangen ist, sondern auch, weil ich mich selbst kaum wiedererkenne in der Rolle, die ich damals gespielt habe - oder vielmehr: in die ich mich sukzessive hinein manövrieren ließ. Ich war damals noch ein komplett anderer Mensch. Um einiges naiver, deutlich hoffnungsvoller. Und vor allem: bereit, mich selbst zu vergessen, nur um dazuzugehören. Rückblickend war meine erste längere Beziehung mit einer Frau, ja - man könnte von meiner „ersten großen Liebe“ sprechen, der Beginn eines langen, anstrengenden Lernprozesses - aber eben auch der Anfang davon zu begreifen, was ich nicht mehr bereit bin, hinzunehmen.
Kennengelernt habe ich sie in einem Club. Es war ein ganz gewöhnlicher Abend. Einer von denen, die eigentlich nie für bleibende Erinnerungen sorgen - zu laut, zu voll, zu viel von allem, das Übliche eben. Ich war mit jemand anders dort, war halb gelangweilt, halb abgelenkt, hatte eigentlich überhaupt keine Lust auf den Abend, wurde geradezu überredet, auszugehen. Und dann sah ich sie. Sie stand ein paar Meter weiter an einem Stehtisch und lachte mit jemand anders, während sie so ausgelassen tanzte, als würde die Musik nur für sie spielen. Ich konnte nicht mehr wegsehen. Alles um mich herum wurde leise - selbst die Begleitung, mit der ich gekommen war, war plötzlich völlig irrelevant. Es war, als hätte jemand die Welt angehalten. Ich war verzaubert und gleichzeitig komplett überfordert, brachte kein einziges Wort heraus - nicht mal ein Lächeln. Ich stand einfach nur da und starrte quer durch den Raum. Rückblickend muss das eher verstörend als charmant gewirkt haben, aber ich konnte nicht anders. Später ging ich nach Hause und konnte an nichts anderes mehr denken als an diese Frau - während ich mich über mich selbst ärgerte, dass ich nicht den Mumm gehabt hatte, sie anzusprechen. „Die sehe ich doch nie wieder“ rotierte es immer wieder in meinem Kopf und ich hätte mir selbst eine klatschen können, weil ich so enttäuscht von mir war. Ich hatte das nagende Gefühl, eine einmalige Chance verpasst zu haben.
Aber ich gab nicht auf. Am nächsten Tag begann ich, sie im Internet zu suchen. Ich klickte mich wie besessen durch die Profile von Bekannten und die von deren Bekannten, durch Gruppen von denen ich wusste, dass viele der Clubgänger dort aktiv waren. Dort war, so dachte ich zumindest, die Wahrscheinlichkeit, sie zu finden, am höchsten. Ich klickte mich stundenlang durch diverse Plattformen und Foren. Im Nachhinein war das eigentlich total idiotisch - doch irgendwann, ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, sah ich sie auf einem Bild. Über eine gemeinsame Bekannte, ein Kommentar unter einem Beitrag, vielleicht auch nur reiner Zufall. Aber da war sie. Und diesmal würde ich den Moment nicht verstreichen lassen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und schrieb sie an. Und sie antwortete. Wir fingen an zu schreiben, kamen schnell ins Gespräch. Und dann kam alles Schlag auf Schlag.
Sie war zum damaligen Zeitpunkt noch in einer Beziehung. Und trotzdem landeten wir wenig später miteinander in einer neuen - im Nachgang betrachtet vielleicht auch nicht unbedingt der beste und eleganteste Weg, eine Beziehung einzugehen. Aber das war mir damals völlig egal. Nach einigen wenigen Wochen zog ich zu ihr. Es war alles sehr intensiv, sehr schnell, sehr viel. Wir verschmolzen unsere Leben in Rekordzeit. Sie war fünf Jahre älter als ich. Und während ich gerade erst frisch aus der Ausbildung kam und kaum Geld hatte, war ich bereit, alles zu geben, was ich bieten konnte: und das war zugegebenermaßen nicht sehr viel. Doch ich war voller Ideale, voller Hoffnung, und chronisch pleite - ich wollte aber trotzdem, dass sie die Möglichkeit bekam, ihre Ausbildung machen zu können. Also sicherte ich sie finanziell ab. Steckte alles, was nicht unbedingt sein musste, zurück. Ich dachte, das sei selbstverständlich, wenn man liebt. Und am Anfang fühlte es sich auch so an.
Wir hatten schnell einen gemeinsamen Freundeskreis, waren viel unterwegs, ständig auf Achse - Festivals, Kino, Spieleabende, lange Nächte voller Lachen und lauter Musik. Und einer ganzen Menge Alkohol. Nach außen wirkten wir wie das perfekte Paar, aber in Wahrheit kämpfte ich jeden Tag einen unsichtbaren Krieg.
Sie kam gebürtig aus Ungarn. Ihre Mutter und ihre Schwester lebten ebenfalls hier in Deutschland, den Rest hatten sie dort gelassen. Anfangs war es nur die Mutter, die mich klar ablehnte und ganz offensichtlich nichts mit mir anfangen wollte. Ich war nicht „richtig“, war ihr einfach nicht recht. Eindeutig nicht männlich genug und außerdem viel zu jung für meine Freundin. Nicht gefällig. Nicht das, was sie sich für ihre Tochter vorgestellt hatte. Später schloss sich die Schwester an - und die war echt eine Klasse für sich. Drei Jahre jünger als meine Freundin, aber damit immer noch älter als ich. Und das reichte ihr aus, um sich mir gegenüber grundsätzlich überlegen zu fühlen. Schon in den ersten Wochen unserer Beziehung wurde mir klar: Diese Frau riecht nach Gefahr. Sie hatte keinerlei Interesse an einem Gespräch mit mir, nicht an einem Kennenlernen, nicht einmal an oberflächlicher Höflichkeit. Ich war zu jung. Und vor allem: ich war eine Frau. Das alleine schien Grund genug gewesen zu sein, mich nicht ernst zu nehmen - oder eben komplett abzulehnen. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass sie mich regelrecht hasste. Und sie war nicht erst durch unsere Beziehung ständig präsent, bereits vorher war sie fast täglich bei ihrer Schwester, praktisch ein Dauerinventar. Ihre Schwester war ihr Eigentum und das machte sie jedem klar. Ihre Anwesenheit war selbstverständlich - und sie beanspruchte diese mit genau dieser Selbstverständlichkeit. Und als hätte ich mich hier einzufügen. Ich erinnere mich an Abende, an denen ich dachte, ich wäre alleine mit meiner Freundin, nur um dann festzustellen, dass ihre Schwester mal wieder „spontan“ da war. Gerne auch gemeinsam mit ihrer besten Freundin. Gemeinsame Zeit war sehr häufig Fehlanzeige. Manchmal hatte ich wirklich das Gefühl, die beiden wären miteinander liiert - so eng, so emotional verstrickt wie sie waren. Die Schwester war außerdem völlig unselbstständig. Sie lebte noch bei ihrer Mutter in ihrer winzigen Wohnung zuhause in einem noch winzigeren Zimmerchen, was zur Folge hatte, dass diese auf dem Sofa nächtigen musste. Sie war arbeitslos und hatte weder eigene Perspektive, noch irgendwelche Ziele. Ihr Alltag wirkte leer und monoton, sie war von allem genervt und vermutlich am meisten von sich selbst - und genau das war wohl der Nährboden für all die Energie, die sie in meines und das Leben ihrer Schwester steckte. Oder besser gesagt: gegen mich. Je mehr Zeit sie hatte, desto mehr konnte sie sich in unsere Beziehung einmischen. Sie mischte sich in Gespräche ein, kommentierte Entscheidungen, war einfach ständig da; immer mit einer entsprechenden Meinung, immer mit einem schrägen Seitenblick, immer subtil dagegen. Es war, als hätte sie unsere Beziehung zu ihrem Projekt gemacht. Nicht etwa, weil sie - entgegen ihrer Aussage - das Beste für ihre Schwester wollte, sondern weil sie sich selbst einfach nur wahnsinnig langweilte. Was die Sache noch absurder macht: diese Schwester, die sich so sehr in unsere Beziehung drängte, hatte Jahre zuvor ausgerechnet mit dem Freund ihrer Schwester geschlafen - er war es auch, der sie damals entjungferte. Eine Grenzüberschreitung sondergleichen, die offenbar einfach unter den Teppich gekehrt wurde. Für mich ein nicht nachvollziehbares Familiendrama, das nie aufgearbeitet wurde und in der Retrospektive irgendwie fast schon erklärt, weshalb die beiden auf so ungesunde Weise so eng miteinander verbunden blieben. Was mich am meisten verletzte, war jedoch nicht die Schwester. Sondern die Tatsache, dass meine Freundin das alles sah und rein gar nichts tat. Sie fand ständig irgendwelche Ausreden, spielte es herunter, wollte keinen Streit riskieren. Statt sich klar zu mir zu bekennen und ihre Schwester in ihre Schranken zu weisen, ließ sie zu, dass diese immer mehr Raum einnahm. Am Ende war ich diejenige, die sich wie ein ungebetener Gast fühlte - und das in meiner eigenen Beziehung.
Über die Jahre habe ich unheimlich viel geschluckt. Stets versuchte ich, höflich und hilfsbereit zu bleiben, habe sogar mehrfach mit meiner Freundin die Arbeit ihrer Familie übernommen und Treppenhäuser oder Kellerräume geputzt, wenn ihre Mutter krank oder verreist war. Ich habe mir lange Zeit viel Mühe gegeben, wollte dazugehören. Aber es war einfach nie genug. Die Familie war von Anfang an offen und bekennend gegen mich - ein Hehl wurde nie daraus gemacht, dass sie mich nicht akzeptierten oder gar mochten. Sie gaben mir keine Chance, wollten mich erst gar nicht wirklich kennen lernen. Zu Geburtstagen und Feierlichkeiten wurde ich explizit ausgeladen. Nicht beachtet, nicht gewollt. Hier war sichtbar kein Platz für mich, ich war ganz klar nicht willkommen. „Lass deine Freundin zuhause, es kommt nur die Familie - komm du alleine“, „Csak a család“, hieß es. Später erfuhr ich dann nicht selten, dass auch die unangenehme beste Freundin der Schwester anwesend war, manchmal kam auch spontan der Cousin vorbei. Es war, als würde man mir ständig durch die Blume sagen, dass ich fehl am Platz sei. Wenn ich ausnahmsweise einmal doch dabei war, was außerordentlich selten und später gar nicht mehr vorkam, wurde ich behandelt wie Luft - oder schlimmer: wie einen Fehler, den man irgendwann stillschweigend beseitigen würde.
Als ich das erste Mal die Wohnung meiner Freundin betrat, war ich ehrlich gesagt latent schockiert. Und das will echt was heißen. Selbstverständlich hatte ich keine sterile Vorzeigeästhetik erwartet - aber das, was mich dort empfing, war mehr Chaos als Gemütlichkeit, mehr Abstellkammer als Lebensraum. Für sie war es „ein kleines bisschen unordentlich“, für mich war es kaum auszuhalten. Ein Zimmer war komplett ihren beiden Hasen gewidmet. Nicht in dem Sinne von einem „niedlichen Gehege in der Ecke“, sondern im Sinne von einem ausgewachsenen „Hasen-Zimmer“ - lediglich ihr Kleiderschrank stand zusätzlich darin, an dem die Nager dann fröhlich knabberten und ihre Kleidung aus den Schubladen zogen um es sich darauf gemütlich zu machen. Anfänglich hatten die Tiere mehr Platz als wir. Der Geruch war ebenfalls entsprechend - überall standen Käfige, halbleere Futterschalen, Köttel, Streu - und eine Unmenge Deko. Plastikblumen, billige Glitzerobjekte, kleine bunte Figürchen. Man wusste überhaupt nicht, wo man zuerst hinschauen sollte. Ich fühlte mich wie in einem Albtraum aus balkanischem 90er-Jahre-Flohmarkt und Zootierhandlung. Dazu kam, dass kaum etwas funktionierte. Die Waschmaschine war launisch, die Schranktüren schief, die Steckdosen wackelig. Und es roch neben Hasenmist permanent und beißend nach Haschisch - weil unser Nachbar unterhalb offenbar nichts lieber tat, als den ganzen Tag zu rauchen. Die Küche war eher ein Ablageplatz für ungeöffnete Briefe, leere Flaschen und Zeug, das „irgendwann mal“ aussortiert werden sollte. Kurz: es war ein einziger wahrgewordener Fiebertraum.
Aber ich blieb. Ich blieb, weil ich dachte: „Wir bauen uns gemeinsam etwas auf!“ Und so fing ich an, Stück für Stück aus diesem Chaos eine Wohnung zu machen. Räumte auf, sortierte aus, reparierte, putzte, renovierte. Ich schleppte umständlich Möbel an, organisierte Ordnungssysteme, richtete Rückzugsorte ein, in denen man tatsächlich mal durchatmen konnte. Ich wollte, dass wir ein echtes Zuhause hatten - eines, in dem wir beide ankommen konnten. Ich investierte Zeit, Energie, Geld. Und vielleicht auch ein bisschen zu viel Hoffnung.
Ich musste sie die gesamte Zeit über mitziehen wie jemanden, der sich mit beiden Händen an der alten Tapete festkrallt, während das Haus längst einstürzt. Jede noch so kleine Veränderung, die letztlich zur Verbesserung der Wohnsituation führte, wurde von ihr erst mal bekämpft, als ginge es um den Verlust ihrer Identität. Und vielleicht war es auch so. Vielleicht wollte sie diese Veränderungen überhaupt nicht - dass vielleicht all meine Mühe, meine Geduld, mein Einsatz nur an der Oberfläche gekratzt haben, aber nie Wurzeln schlug. Ich hatte gehofft, sie mitziehen zu können in ein anderes Leben, ein stabileres, freieres. Aber sie war nie bereit, loszulassen.
Während ich alles gab, wurde ich ausgenutzt. Als Arbeitskraft, als Geldgeberin, als stilles Anhängsel das man ignorieren oder offen ablehnen konnte, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Ich begann sogar, Ihre Sprache zu lernen - jedoch zu dem Zeitpunkt bereits nicht mehr aus dem Grund, dass ich dazugehören wollte, sondern um zu verstehen, was hinter meinem Rücken über mich gelästert wurde. Ich kann nur sagen: es war nie schmeichelhaft und nie schön. Ihre Familie tat alles, um uns auseinanderzubringen. Tägliche Anrufe die Gift im Ohr meiner Freundin waren. Der Rest ihrer Familie in Ungarn wusste gar nichts über mich. Da wurde die perfekte Fassade aufrechterhalten: ihnen wurde glaubhaft gemacht, sie hätte einen Mann an ihrer Seite. Natürlich. Ich war der unsichtbare Schatten, das heimliche Kapitel, das nicht in die Familiengeschichte passte. Die schlimmste Form von Einsamkeit ist die, die du in einer Beziehung erlebst. Wenn du in einem Zuhause wohnst, das sich nicht nach Zuhause anfühlt. Wenn deine Partnerin täglich zwischen dir und ihrer Familie zerrieben wird - und kein Rückgrat hat, um für dich einzustehen. Ich verstand irgendwann: Ich war und werde nie Teil dieser Familie sein.
Was mich rückblickend wütend macht, ist nicht einmal die Ablehnung. Denn Ablehnung kann man irgendwann einordnen. Was wirklich richtig daneben war, ist die Tatsache, dass ihre Familie ganz genau sah, wie viel ich gab - und es trotzdem schamlos ausnutzte. Ich stellte meine Bedürfnisse hinten an, damit meine Freundin eine Ausbildung machen konnte. Ich zahlte, wo ich konnte, verzichtete auf Dinge und trug trotzdem den Großteil unserer Kosten. Einfach, weil ich dachte, so macht man das in einer Partnerschaft. Weil ich an uns glaubte. Ich richtete die Wohnung hier, schuf Struktur, machte aus Chaos ein Zuhause. Ich organisierte, renovierte, plante, putzte. Und ich fuhr. Mein Auto war ständig im Einsatz - für sie, für ihre Schwester. Sie hatten beide keinen Führerschein, kein Auto - also übernahm ich. Es war nicht so, dass sie es nicht gesehen hätten - im Gegenteil. Sie sahen ganz genau, wie ich mich reinhängte. Wie viel Energie ich investierte. Aber statt Dank kam nur mehr Erwartung. Statt Anerkennung Druck. Statt Einbindung Ausgrenzung. Und mit jedem Tag, an dem ich mehr gab, wuchs das Gefühl, dass ich nur noch funktionierte. Als Helferin, Fahrerin, Finanzpuffer. Ich wurde ausgenutzt. Und meine Freundin? Sagte nichts. Ließ es zu.
Was das ganze noch schwerer machte, war das völlige Ungleichgewicht zwischen meiner Familie und ihrer. Während ich von ihrer Seite offenkundig abgelehnt wurde - teils subtil, teils mit voller Wucht - wurde sie von meiner Familie mit offenen Armen empfangen. Ohne Vorbehalte, ohne Fragen, einfach so. Für meine Eltern war sie „goldig“ und „nett“. Sie wollten nicht sehen, war wirklich hinter der Fassade steckte. Oder sie konnten es nicht. Sie sprachen in den höchsten Tönen von ihr, auch noch Jahre später. Sogar nachdem die Beziehung längst vorbei war, sogar nachdem ich bereits in einer neuen, liebevollen Partnerschaft angekommen war. Noch immer hing ein Bild von uns beiden im Wohnzimmer meiner Mutter. Als wäre das die große, unvergessliche Liebe gewesen. Als hätte es nie einen Bruch gegeben. Als wäre all das, was danach kam, irgendwie weniger wert. Ich versuchte damals, darüber zu sprechen. Über das, was ich durchmachte, über die emotionale Erschöpfung, über die Ausgrenzung. Das subtile Mobbing, das ständige Gefühl, nicht dazuzugehören. Aber ich stieß auf Unverständnis. „Aber sie war doch immer so freundlich, das kann ich mir nicht vorstellen“, „Du übertreibst vielleicht auch ein bisschen“ - Sätze, die wie kleine Messerstiche nachklingen. Es war, als hätte ich meine Realität nie erlebt. Als würde mein Schmerz nur zählen, wenn er sichtbar war. Und das war er nicht.
Irgendwann wurde der Ton zwischen mir und meiner Freundin rauer. Nicht plötzlich, sondern schleichend, wie ein Gift, das sich in jede kleine Geste, in jedes Wort schlich. Ich war enttäuscht. Ich war müde. Ich war wütend - auf ihre Familie, aber vor allem darauf, dass sie nichts tat. Dass sie mich nie in Schutz nahm. Das sie zusah, wie ich mich abstrampelte und dabei immer weiter von ihr entfernte. Ich versuchte, zu reden. Versuchte, zu erklären. Ich wollte, dass sie versteht, was in mir vorging - die Enttäuschung, die Verletzungen, die Frustration. Aber alles, was ich sagte, wurde verdreht. Umgedreht, falsch verstanden. Vielleicht absichtlich, vielleicht aber auch, weil sie selbst nicht bereit war, hinzusehen. Einmal schrieb ich ihrer Schwester eine längere Nachricht. Keine feindselige, keine aggressive. Eher ein Versuch, zu deeskalieren, irgendwie etwas Menschlichkeit zurückzuholen. Aber auch diese Nachricht wurde missverstanden. Oder besser gesagt: falsch verstanden. Die Familie sprach zwar Deutsch, aber viele Feinheiten, Zwischentöne sowie Formulierungen kamen nicht an - oder wurden willentlich verdreht. Es war, als hätte man nur darauf gewartet, einen weiteren Grund zu finden, gegen mich zu sein. Was folgte, war ein ausgewachsener Streit zwischen ihrer Schwester und mir. Offen, laut, erschöpfend. Und meine Freundin? Stand da. Wieder mal zwischen den Stühlen, und wieder einmal ohne Rückgrat. Sie sagte nichts, bekannte sich nicht. Wollte neutral bleiben, obwohl es längst nichts mehr zu vermitteln gab.
Kurz vor der Trennung sind wir noch einmal umgezogen - finanziell war die ehemalige Wohnung nicht mehr möglich, aber wir versuchten auch verzweifelt, einen letzten Neuanfang zu erzwingen. Doch eigentlich war es längst vorbei. Wir wohnten noch eine Weile gemeinsam in der neuen Wohnung, obwohl wir kein Paar mehr waren. Als sie einige Zeit später einen Unfall hatte und im Krankenhaus lag, war ich für sie da und habe ihr unter anderem Nervennahrung und saubere Kleidung vorbei gebracht. Und während ich an ihrem Bett saß, verzog sich ihre Familie demonstrativ auf den Balkon, um mich nicht ertragen zu müssen. Nicht einmal im Krankenhaus wollten sie mich sehen.
Nach unserer Trennung fiel sie fast nahtlos in ihre alten Muster zurück. Sie zog in greifbare Nähe ihrer Familie in eine Wohnung, die fast genauso war, wie die, in der ich sie kennenlernte. Eine Abstellkammer ihres alten Lebens. Und der Beruf, den sie während unserer gemeinsamen Zeit gelernt hatte - den sie nur ausüben konnte, weil ich sie damals unterstützt und finanziell mitgetragen hatte - wurde nie wirklich zu ihrem Weg. Heute arbeitet sie wieder dort, wo sie schon vor unserer Beziehung gearbeitet hatte. Als wäre all das dazwischen nie passiert.
Letztlich wurde ich von ihrer Schwester unter anderem als „Miststück“ beschimpft. Für jeden hörbar. Und meine Freundin stand schweigend daneben, schaute entschuldigend - als wüsste ihre Schwester nicht, was sie tat. Ihre Familie war nicht nur toxisch, sondern gänzlich homophob - zwischen den Zeilen war es überall spürbar, am Ende machten sie überhaupt kein Geheimnis mehr daraus. Und meine Freundin war zu schwach, um dem etwas entgegenzusetzen. Ich ging, als ich nicht mehr konnte. Und weil ich endlich verstand: es war nie meine Aufgabe, gegen eine Familie zu kämpfen.
Am Ende war es längst vorbei, bevor es offiziell war. Wir lebten nur noch nebeneinander her, sprachen aneinander vorbei, hielten an etwas fest, das uns beiden längst entglitten war. Ich spürte, dass ich ihr nichts mehr bedeutete - nicht auf die Weise, wie es einmal war. Und ich spürte, dass auch in mir etwas zerbrochen war, das sich nicht mehr flicken ließ. Sie begann etwas mit einem Mann, mit dem sie früher schon einmal etwas hatte. Es fühlte sich fast beiläufig an - nicht wie ein großer Betrug, sondern wie ein stilles Eingeständnis, dass sie innerlich längst weitergezogen war. Und ich verliebte mich in eine andere Frau. Deutlich älter, ganz anders. Es war nicht körperlich, nicht konkret. Eher ein emotionales Aufbäumen. Aus beiden Geschichten wurde nichts. Nicht aus ihrer Affäre, nicht aus meiner Liebäugelei. Und trotzdem war klar: unsere Geschichte war zu Ende. Sie war es schon lange, bevor andere Menschen ins Spiel kamen. Diese beiden anderen Personen waren nur die letzten Spiegel, in denen wir klar sehen mussten, was wir selbst nicht aussprechen wollten.
Heute denke ich oft: Es war keine verschwendete Zeit. Es war eine harte Lektion. Eine über Selbstwert, über Grenzen. Und darüber, dass Liebe allein eben doch nicht immer reicht, wenn man gegen eine ganze Festung ankämpfen muss - und die Person, für die man kämpft, sich nicht traut, das Tor zu öffnen. Heute weiß ich auch, dass es nie meine Schuld war und ich nichts falsch gemacht habe. Ich war einfach nur viel zu lange an einem Ort, an dem ich nie willkommen war. Und das ist vielleicht das Härteste, was man sich irgendwann eingestehen muss. Wir hatten uns verloren. Nicht an andere - sondern an das Schweigen, das Dazwischenstehen, die vielen unausgesprochenen Worte. Ich habe in dieser Beziehung alles gegeben - und irgendwann begriffen, dass ich mich selbst zurückholen muss.
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