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Manipuliertes Gedächtnis

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 14. Feb. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Feb. 2025

Schenkt man meinen Eltern Glauben, sind Dinge, die tatsächlich vorgefallen sind, häufig überhaupt nicht passiert und werden als eine Art Ausgeburt meiner Phantasie angesehen. Gemeint sind damit Dinge, an die ich mich lebhaft erinnern kann. Bis heute habe ich Schwierigkeiten damit, meinem eigenen Verstand zu glauben und darauf zu vertrauen, dass Dinge, an die ich mich denke zu erinnern, so tatsächlich geschehen sind. So war ich mir bei vielen Vorkommnissen aus meiner Vergangenheit viele Jahre nicht sicher, ob ich mir das nicht zusammen spinne oder gar „übertreibe“ - denn das tat ich, wenn man meiner Familie Glauben schenkt, ja die meiste Zeit sowieso. Anfänglich behaupteten das lediglich meine Eltern. Schlussendlich beteuerte dies auch immer mal wieder mein Bruder. Ich schätze, um die Gunst der beiden zu gewinnen oder zumindest, sie nicht zu verlieren - es ist einfacher, alles ungefiltert aufzunehmen und wiederzugeben anstelle selbst einmal das Gehirn anzustrengen und Dinge zu hinterfragen. Aber sobald man das in meiner Familie tut, gilt man als „schwierig“ und wird schief angeschaut. Also, gut. Übertreibe ich eben. „Ach, du kennst doch Sophia - die hat schon als kleines Kind immer übertrieben“ heißt es. Deshalb sind die Dinge, an die ich mich erinnere, wahrscheinlich entweder frei erfunden oder aber völlig utopisch aufgeblähte Gebilde tatsächlicher Erinnerungen. Ich mache, wie üblich, aus einer Mücke einen Elefanten. Weil ich sonst zu wenig bis gar keine Aufmerksamkeit bekommen hätte - und Aufmerksamkeit war ja wohl stets das, was mir am wichtigsten war - möglichst viel davon und jederzeit. „Stellst dich halt gerne in den Mittelpunkt.“ Ja, das wird es wahrscheinlich gewesen sein. Im Nachhinein stellte ich mir häufig die Frage, ob meine Familie überhaupt jemals wirklich verstanden hat, wer ich eigentlich bin.


„Sie wissen, dass Ihre Art, mit Ihrer Vergangenheit und im Speziellen mit Erinnerungen umzugehen, manipuliert wurde?“ fragt mich meine Therapeutin eines Freitagnachmittags, ich sitze ihr gegenüber und äußere die Befürchtung, dass ich mir selbst nicht glauben kann. „Manipuliert?“ frage ich. Sie nickt langsam und schaut mich freundlich an. Offenbar gehen Trauma-Patienten häufig so mit sich selbst und Erinnerungen an die Vergangenheit um. „Es ist leichter, damit fertig zu werden wenn es gar nicht so schlimm war, wissen Sie? Oder, wenn es nicht Ihnen sondern jemand anders geschehen ist.“ schließt sie ab. Sie spielt auf meine Depersonalisierung an. Ja, das ist es zweifellos. Ich überlege. Und plötzlich wird mir einiges klar.


Kognitiv war mir schon immer bewusst, dass es mir ferner nicht sein könnte, mich durch eine Geschichte in den Mittelpunkt zu stellen. Das habe ich, wenn ich mich recht erinnere, noch nie getan. Es war mir immer unangenehm, mit etwas - im schlechtesten Fall sogar Negativem - aufzufallen. Besser ist es, ich ducke mich ein wenig unter die Geschehnisse hinweg und falle nicht so sehr auf. Dann biete ich keine Zielscheibe - das beschreibt meine Persönlichkeit eigentlich am besten. Ich wollte seitdem ich denken kann nie auffallen, nicht nerven, keine Umstände bereiten. Möglichst angenehm für alle um mich herum sein und keine Anstrengungen verursachen, keine zusätzliche Bürde oder Last sein. Und was ich sowieso niemals wollte, war viel Aufmerksamkeit - das hatte ich nämlich die meiste Zeit in meiner Kindheit nicht, ich kannte mich daher nicht sehr gut damit aus. Und im Mittelpunkt stand ich auch nur äußerst ungern. Ich muss sagen, dass das auch heute noch so ist. Was ich jedoch stets priorisierte, war es, meine Eltern stolz zu machen. „Wenn Sophia sagt, dass sie um acht zuhause ist, können wir uns drauf verlassen, dass das auch so ist“ Ja, ich war realistisch gesehen und im Vergleich zu anderen wirklich eine vorbildliche Tochter. Eine Vorzeige-Tochter, kann man sagen - die ich zweifellos bis ins Erwachsenenalter war und auch heute noch wäre, hätte ich weiterhin den Kopf eingezogen und zu allem Ja und Amen gesagt.


Als ich ein kleines Kind war, erzählte ich die Dinge, die mir passiert sind, manchmal noch zuhause. Bis ich es irgendwann nicht mehr tat. Oder nur noch sehr selten. Nur noch bei Sachen, von denen ich der Meinung war, dass diese nicht so heftige Reaktionen auslösen würden. So habe ich zum Beispiel niemandem davon erzählt, dass ich im Kindergarten regelmäßig stundenlang in die kleine Teeküche gesperrt wurde, wenn die Erzieherin einmal mehr mit den ganzen anderen Kindern überfordert war. Ich schrie und versuchte verzweifelt, auf mich aufmerksam zu machen - aber es erfolgte schlicht keine Reaktion. Irgendwann saß ich letztlich zusammengekauert und weinend im Eck, bis die Tür nachmittags wieder aufging und man mich wortlos raus ließ. So habe ich auch nur einmal kurz den Versuch gestartet zu erzählen, dass mich meine Großeltern väterlicherseits, wenn wir dort übernachten mussten, abends ins Büro meines Großvaters sperrten und bis zum nächsten Morgen nicht mehr raus ließen. Hat mir keiner geglaubt, ich übertreibe ja wieder einmal - kennt man ja von mir. „Den Mist höre ich mir nicht an“ und damit war das Gespräch beendet, bevor es überhaupt beginnen konnte. Ich habe niemandem davon erzählt, dass der damalige Partner meiner Tante einmal zwei Bekannten von ihm erlaubt hatte, abends zu mir ins Zimmer zu kommen und sich auf mich zu legen. Tatsächlich habe ich, laut meiner Eltern, nie dort übernachtet. Die Grundlage der Geschichte wurde mir somit schon im Vorfeld genommen - ich war machtlos. Dass ich mich jahrelang abends in den Schlaf geweint habe, will auch niemand gewusst haben. „Jetzt übertreib doch nicht!“ wäre die Antwort gewesen. Mein Leben sei doch auch nicht schwerer als das anderer Leute, ich soll mich mal nicht so anstellen und so wichtig nehmen. „Mach dich nicht wichtiger, als du bist“ ist ein Spruch, den ich in meiner Kindheit und Jugend häufig gehört habe. Oder „Mach deine Augen zu, dann siehst du, was dir gehört“ - also bin ich unwichtig und mir gehört rein gar nichts. Abgespeichert.


Wenn meine Eltern mich alleine im Auto ließen - und sei es nur, um kurz in der Apotheke ein Rezept einzulösen - hing ich wie eine Wahnsinnige am Autofenster. Ich schrie, weinte und schlug dagegen, weil ich Panik hatte, man könnte mich zurück lassen. Man könnte mich vergessen. „Tut mir leid, ich weiß auch nicht, was mit der los ist - die ist komplett übergeschnappt“ hörte ich meine Mutter sagen, als eine Passantin etwas irritiert am Auto stehen blieb. Später durfte ich mir anhören, wie peinlich ich wäre und in welch unangenehme Situation ich meine Mutter gebracht hätte. „Das ist doch behämmert, so hysterisch herumzuschreien!“ schrie sie mich an. „Du bist total übergeschnappt, wie du mich vor anderen blamierst!“ Ich war etwa fünf Jahre alt. Heute weiß ich, dass fehlendes Urvertrauen das Problem war - und die tief sitzende Angst, nicht wichtig genug zu sein. Wenn ich nicht auf mich aufmerksam mache, dann vergisst man mich. Dann werde ich weg gesperrt und vergessen. Im Supermarkt klebte ich praktisch an meiner Mutter, so eine Angst hatte ich, sie könnte mich zurück lassen. Wenn sie einmal aus meinem Sichtfeld verschwand, bekam ich sofort Schnappatmung und nasse Hände. Einmal vergaß mich meine Omi versehentlich in der Wohnung. Sie dachte wohl, ich sei schon bei Opa im Auto, verließ die Wohnung und schloss die Tür hinter sich ab. Sekunden später klebte ich laut schreiend und klopfend an der Tür, als mir klar wurde, dass ich eingesperrt wurde. Ich zitterte am ganzen Körper. Meine Omi war völlig überfordert und nahm mich, nachdem sie die Tür wieder geöffnet hatte, überrascht in den Arm „Ich würde dich nie zurück lassen, Prinzessin“, versicherte sie mir als ich mich tränenüberströmt an sie drückte. Immerhin eine Person, auf dich ich mich verlassen kann.


Vor einigen Jahren hatte ich einmal die Idee, ich könne mithilfe einiger Bücher Zugang zu meinem Unterbewusstsein erlangen und so mit unerwünschten Dingen gewissermaßen abschließen. Es basierte auf dem Konzept des „Gesetzes der Anziehung“ und dem zugehörigen „Master Key System“. Als ich das meiner Mutter erzählte, wurde diese sofort aufmerksam und fand sehr direkte Worte, was sie von meinem Vorhaben hielt: gar nichts. Ich solle aufpassen, was ich mache. Wenn ich mich zu tief in verdrängte Erinnerungen vergrabe, könnte es passieren, dass ich mich darin verliere und nicht unbeschadet zurück komme. Ich war überrascht, schätzte ich sie bisher als eine Person ein, die von solcherlei Dingen eigentlich wenig hielt. Sie lebt nach dem Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ und dass man stets krampfhaft nach vorne und nie zurück blicken solle - das gilt aber nur dann, wenn man selbst Nachteile daraus ziehen würde, täte man es. Nicht in altem herum wühlen, nicht in der Vergangenheit leben, am besten absolut nie reflektieren. Das sagt recht viel über sie aus, wie ich finde - dennoch wollte sie unbedingt vermeiden, dass ich mich zu viel mit „alten Geschichten“ beschäftige. Ich schätze, weil sie sich an der ein oder anderen Stelle gewünscht hätte, ich würde mich nicht mehr daran erinnern. Zum Beispiel, als ich ihr eines Tages die Frage stellte, ob eine mir bedeutsame Erinnerung tatsächlich passiert ist: der Tag, als sich mein Vater das Leben nehmen wollte. Ich war etwa sieben Jahre alt und stolperte regelrecht blindlinks über die mir bietende Szenerie. Mein Vater, an die Wand gelehnt und das Telefonkabel fest um seinen Hals gewickelt. Er war ganz schwach und reagierte nicht auf meine Versuche, ihn wachzurütteln. Ich rief laut nach meiner Mutter, von der ich wusste, dass sie irgendwo im Haus sein musste. Diese kam dann auch bald herbei geeilt und schickte mich auf mein Zimmer. Was dann geschah, weiß ich nicht - es wurde nie mehr mit mir darüber gesprochen. Aber als ich meiner Mutter davon berichtete, schaute mich diese mit großen Augen an und fragte nur erstaunt: „Daran kannst du dich erinnern?“


Das Problem ist, dass ich mich an verdammt viele Dinge erinnern kann. Ich habe ein sehr detailliertes und genaues Gedächtnis, häufig erinnere ich mich sogar daran, was ich an dem jeweiligen Tag in meiner Erinnerung an Kleidung am Körper trug, welches Wetter herrschte und wie genau ich mich gefühlt habe. Ich kann Situationen sehr oft sehr präzise widergeben und sogar festlegen, in welchem Jahr und häufig auch, in welchem Monat sie vorgefallen sind. Damit überraschte ich schon einige Menschen in meinem Umfeld. Diese Gabe ist Fluch und Segen zugleich, erinnert sich meine Familie häufig nicht einmal mehr an Dinge, die gestern oder vergangene Woche passiert sind. Und die wollen mir erklären, dass Dinge, an die ich mich erinnere, nie geschehen sind. Ist das nicht irgendwie ironisch? Aber sicher ist auch, dass man sich selbst irgendwann hinterfragt, wenn man lange genug eingeredet bekommt, dass das alles so ja nie passiert ist und ich mir das nur einbilde.


Ich kann nur erahnen, was in meiner frühen Kindheit passiert sein muss, dass ich solch extreme Reaktionen zu dem Thema entwickelt habe. Ich sehe es im Gegensatz bei meinem eigenen Kind. Nach unseren gemeinsamen Spaziergängen, schläft es manchmal im Kinderwagen ein. Dieser steht dann vor der geöffneten Terassentür, bis ich höre, dass das Kind wach wird. Immer wieder vergewissere ich mich, dass mein Kind noch schläft und sicher im Kinderwagen liegt. Wie oft kam es jedoch schon vor, dass es, wenn ich nach ihm schaute, bereits wach war und ganz entspannt im Wagen liegt - wenn es mich erblickt, freut es sich. Das Kind weiß, dass es sicher ist und wir es sofort zu uns nehmen, sobald wir sehen, dass es wach ist oder es anfängt, auf sich aufmerksam zu machen. Das ist meine Definition von Urvertrauen. Und ich wünschte, ich könnte behaupten, ich hätte es ebenfalls.


 
 
 

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