Mein Weg durch die digitale Dunkelheit
- Sophia A. Marten

- 27. März 2025
- 5 Min. Lesezeit
Ich war vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt, als ich begann, mich in die digitale Welt zu flüchten. Es fing schleichend an - ein bisschen chatten hier, ein bisschen surfen dort - doch es wurde sehr schnell sehr viel mehr. Das Internet war wie ein weiches Kissen, welches meine Realität abdämpfte. Zuhause war ich das stille, angepasste Kind, welches funktionierte. Online aber konnte ich schreiben, was ich fühlte. Und ich fühlte viel. Viel zu viel.
Ich baute Websites. Die Designs waren zum damaligen Stand, Anfang der 2000er, unheimlich gut. Ich gewann Preise und Awards damit, Menschen bewunderten meine ausgefallenen Grafiken und exakten Codierungen, die ich mir von A-Z selbst beibrachte. Ich war verdammt stolz auf meine Kreationen. In erster Linie baute ich die Websites aber, um mit meinem inneren Chaos klarzukommen. Ich schrieb Blogeinträge. Über Selbstverletzung, über Depressionen, über Suizid. Ich analysierte, reflektierte. Alles, was mich innerlich auffraß, verpackte ich geschickt in Worte - Texte, Gedichte, Geschichten. Ich schrieb über Schatten, über Dämonen in mir, die ich nicht benennen konnte und die mich nicht los ließen. Über die Leere, die jeden Tag größer zu werden drohte. Über meine Gedanken, über das große und allumfassende „was wäre, wenn“.
Natürlich wussten meine Eltern davon. Sie kannten meine Website. Ich gehe davon aus, dass sie sahen, was ich schrieb. Sofern es sie überhaupt interessiert hatte - da bin ich mir leider nicht sicher. Es kann also auch genauso gut sein, dass sie die Texte vielleicht doch nicht gelesen hatten. Was es in meinen Augen aber auch nicht besser macht. Vielleicht dachten sie ja auch, es sei eine Phase. Vielleicht glaubten sie, ich hätte nur eine blühende Phantasie. Oder vielleicht wollten sie einfach nicht zu genau hinschauen, weil sie Angst davor hatten, etwas zu entdecken, womit sie nicht klar kämen. Aber wie auch immer es war - sie haben geschwiegen. Und dieses Schweigen zeigte mir einmal mehr: es ist ihnen alles vollkommen egal. Ich bin ihnen egal. Es war, als würde ich auf offener Bühne umkippen und niemand im Publikum rührte sich oder schaute auf.
Und in dieser Stille war plötzlich jemand da. Tatjana. Eine Frau, vierzehn Jahre älter als ich, aus einer ganz anderen Ecke Deutschlands. Wir lernten uns online kennen, sie las meine Texte. Und sie war die einzige, die mir wirklich zuhörte. Wir schrieben Stunden um Stunden, verstanden uns immer besser. Sie war die erste Person, die nicht erschrak von dem, was ich zu sagen hatte. Sie stellte Fragen, sie blieb dran. Und wurde zu einer Art großen Schwester, die ich mir immer gewünscht hatte und nie hatte - zur Freundin, zur Vertrauten. Zu meinem sicheren Hafen. Auch heute noch habe ich Kontakt zu ihr - der Inhalt dieses Kontakts ist ein völlig anderer als damals, aber wir haben uns nie aus den Augen verloren, was ich sehr zu schätzen weiß. Ich vertraute ihr alles an. Auch die dunklen Gedanken. Ich weiß nicht mehr, wann genau sie den Entschluss fasste, aber irgendwann nahm sie den Telefonhörer in die Hand und rief bei meinen Eltern an. Sie sagte etwas wie: „Euer Kind braucht Hilfe - jetzt.“
Daraufhin passierte... nun, eigentlich fast nichts. Meine Mutter setzte sich ein einziges Mal mit mir hin und wir redeten oberflächlich - wie über eine Sache, die weder sie noch mich befasste - wie über ein fremdes Thema, das man in der Schule durchnimmt. „Du kannst mit mir reden“, sagte sie. Aber es klang wie auswendig gelernt. Danach: Schweigen. Erneut. Nie wieder wurde das Thema anschließend noch einmal aufgenommen. Nie wurde gefragt, wie es mir geht. Als hätte dieses eine, kurze Gespräch alles abgedeckt, was in mir vorging. Es war fast so, als wollte sie sich einfach nur selbst sagen können, sie hätte es ja versucht. Ich fühlte mich, als hätte ich ein riesiges Feuer entfacht und jemand hätte einmal kurz mit einer billigen Wasserpistole aus Plastik drauf gehalten und wäre dann schulterzuckend gegangen.
In der Schule war ich allein. Ich wurde gemobbt - für mein Verhalten, mein Anderssein. Ich spürte die Blicke - das verstohlene, abschätzige Mustern. Das Tuscheln, sobald ich den Raum verließ. Dieses ständige Gefühl, falsch zu sein, nicht genug zu sein: das wurde irgendwann Teil meiner Identität. Der Sportunterricht war jedes Mal ein Albtraum. In die Teams wurde ich jedes Mal als letzte gewählt - nicht aus Versehen, nicht weil ich unsportlich gewesen wäre, sondern ganz bewusst. Weil mich jeder mied. Eine stille und doch ohrenbetäubend laute Botschaft: Du gehörst nicht zu uns. Du gehörst nicht dazu. Bei Gruppenarbeiten wollte mich niemand dabei haben, ich war nie ein Teil von „wir“, bei Partnerarbeiten war ich das ungewollte +1. Der Schüler, der übrig blieb und dann irgendwo zugeteilt wurde, damit er nicht alleine da saß. Es war demütigend. Während andere in den Pausen lachten, zog ich mich zurück, versuchte, so unsichtbar wie möglich zu sein. Und je einsamer ich mich im echten Leben fühlte, desto mehr klammerte ich mich an meine digitale Welt. Wenn ich abends den Laptop zuklappte, hatte ich das Gefühl, eine Welt bräche zusammen. Eine Welt, in denen ich Freunde hatte. In denen ich Rückhalt hatte, Verständnis. Eine Welt, in der ich existierte und gesehen wurde.
Ich schrieb weiter. Geschichten und Gedichte über paranormale Phänomene, über dunkle Kreaturen, die ihre Opfer im Inneren zerreißen. Über Menschen, die von der Welt vergessen wurden. Über Abgründe, in denen ich mich selbst wiederfand. Und zwischen dem ganzen Schreiben und den vielen Zeilen hoffte ich inständig, dass jemand meine Verzweiflung erkennen würde. Doch niemand fragte, niemand klopfte an meine Tür, weder digital noch im echten Leben. Es war ein stiller Hilfeschrei. Nicht aus Schwäche, sondern aus der tiefen Sehnsucht, gesehen zu werden. Gehört. Gefühlt. Ich wollte nicht von dieser Erde verschwinden, doch wollte ich unbedingt, dass jemand bemerkt, wie sehr ich am Leben litt.
Heute weiß ich eines mit Gewissheit: ich war nie schwach. Ich war verletzt. Ich war überfordert mit einem Schmerz, den ich nicht benennen konnte. Und das Internet war der einzige Ort, an dem ich mein wahres Ich zeigen konnte, ohne sofort verurteilt zu werden. Ich bin heute über zwanzig Jahre älter, doch die Narben von damals trage ich noch immer mit mir. Ich habe gelernt, dass man nicht laut schreien muss um gehört zu werden - aber auch, dass zu viele Menschen lieber wegsehen, wenn jemand leise leidet.
Für mein jüngeres Ich wünschte ich mir, damals hätte jemand wirklich hingeschaut. Nicht aus Mitleid, sondern aufrichtigem Interesse an mir als Person. Ich wünschte, meine Worte hätten nicht nur digital existiert, sondern auch in den Herzen derer, die mir nah sein sollten. Es hätte so viel verändert. Heute verstehe ich, woher mein Schmerz kam. Ich verstehe auch, dass ich nie falsch war. Sondern einfach nur in einem Umfeld, das mich nicht sehen wollte.
Ich sitze hier und bin am Verzweifeln, weiß nicht mehr weiter, weiß nicht wie ich das durchhalten soll. Auch an dich, uns muss ich denken. Ich weiß nicht was es ist, aber da ist eine Unruhe. Ich weiß nicht wie du wirklich von mir denkst, ob ich dir überhaupt etwas bedeute und was ich von dir erwarten darf. Warum? Warum weiß ich nicht mal so was? Ich fange an zu weinen, sehe in den Spiegel. Bin ich das? Bin ich dieser Mensch? Der Mensch, der seine Probleme nicht in den Griff bekommt und sich mit seinem Selbstmitleid tröstet? Ich nehme ein Messer, setze das Messer an meine Pulsader. Soll ich es machen? Soll ich jetzt meinem Leben ein Ende setzen? Ich fange wieder an zu weinen und zu zweifeln. Warum zweifle ich? Vielleicht weil ich an Menschen denken muss, die ich nicht verlieren möchte. Auch du bist dabei. Eine von wenigen. Denn schon viele haben mich enttäuscht. Doch ich frage mich auch, ob mich überhaupt jemand vermissen wird, ob das Leben nach dem Tod besser wird. Ich setzte das Messer wieder an die Ader, Doch...ich kann es noch nicht machen. Es würde nicht der Schmerz sein, der das Messer bereitet, sondern der Schmerz, zu wissen da ist jemand, den ich nicht verlieren möchte. ©Sophia Marten / 2003
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