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Gruselkabinett

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 14. Jan. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 17. Jan. 2025

Ich war immer froh, wenn wir an den Abenden, an denen meine Eltern nicht Zuhause waren und meine Großeltern väterlicherseits auf uns Kinder aufpassen sollten, nicht zu ihnen mussten, sondern daheim blieben und man dort auf uns schaute. Dann waren solche Abende eigentlich immer ganz nett - wenngleich meine Großmutter jedes Mal etwas überfordert zu sein schien und auch nicht so recht wusste, was sie mit uns machen sollte. Sie war eine etwas verschlossene Frau mit ernstem Blick, die immer dieselben zwei bis drei ausgewaschenen Pullis trug und trotz dass sie stets nach irgendwas zwischen Handseife und Kölnisch Wasser roch, den etwas unangenehmen Duft des Alters nie gänzlich abschütteln konnte. Sie hatte einen festen Händedruck, drückte dich immer einen Tick zu doll an sich und wenn sie dir einen Kuss auf die Wange gab, spürte man durch ihre schmalen, blassen Lippen ihr Gebiss. Neben meinem Großvater machte sie häufig den Eindruck der ergebenen Hausfrau, aber abgenommen habe ich ihr das eigentlich nie.


Aber sie hatte eine ganz besondere Gabe: sie machte die im Umkreis mit Abstand besten Maultaschen, die ich jemals gegessen habe. Sie bestanden aus siebzig Prozent Teig und dreißig Prozent Fleischeinlage, wobei man nie genau wusste, welches Fleisch schließlich seinen Weg dafür in die Schüssel fand - zur Auswahl standen Kaninchen, Huhn und Taube - letztlich wurde aber wahrscheinlich „einmal die Küche durchgewischt“ und alles, was nicht bei drei auf dem Baum war, kam rein. Und trotzdem waren sie so gut, dass ich auch heute einiges dafür geben würde, noch einmal die Maultaschen meiner Großmutter genießen zu können. Das Rezept starb für mich mit ihrem Tod - niemand schafft es, auch nur halb so gute Maultaschen zu machen wie sie. Und meistens brachte sie an diesen Abenden eine prall gefüllte Plastiktüte (sie hielt nicht sehr viel von Tupperware) davon mit. Was die Stimmung aller an diesem Abend ganz schön beflügelte. Ich musste mich immer beeilen, dass ich hinsichtlich der Geschwindigkeit, die mein Bruder an den Tag legte wenn es darum ging, Omas Maultaschen zu verdrücken, nicht leer ausging. Abgezählt wurde nicht, es lautete die Device „Friss oder stirb“ - es sei denn natürlich, mein Bruder kam zu kurz. Nein, das ging natürlich nicht!


Anders hingegen waren die Abende, an denen wir ins Haus meiner Großeltern gebracht wurden, um dort zu übernachten. Ich wollte da nicht hin. Alles in mir sträubte sich schon bei dem bloßen Gedanken, dort übernachten zu müssen und auch in der Retrospektive und viele Jahrzehnte später dreht sich noch irgendetwas in meinem Magen herum, wenn ich daran zurück denke. „Kann ich nicht zuhause bleiben? Mir passiert schon nichts - mein Bruder kann ja hin, aber ich möchte nicht!“, versuchte ich meine Eltern zu überreden aber diese ließen nicht mit sich diskutieren. Im Nachhinein verstehe ich das auch, denn ich war zu dem Zeitpunkt noch zu jung, um alleine in einem so großen Haus zu bleiben. Also ging es eben zu meinen Großeltern. Es half ja alles nichts.


Mein Bruder war der Augapfel meines Großvaters, der Stammhalter und beste Enkel von allen. Das betonte er auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit und machte auch sonst keinen Hehl darum, wen von uns beiden er bevorzugte. Er hatte noch einen weiteren Enkel, über den wurde jedoch nie gesprochen. „Diese Missgeburt“, hieß es, „Gut, dass der weg ist!“ Mein älterer Cousin war immer mal wieder Gast im hiesigen Gefängnis, wo er durch illegalen Drogenkonsum und Waffenbesitz schon einen gewissen Ruf innehatte. In seiner Kindheit wurde er von seiner Mutter, der Schwester meines Vaters, zurückgelassen und von seinen Großeltern - also dort, wo wir übernachteten - mit eher dürftigem Erfolg großgezogen. Er hatte von Anfang an einen schlechten Start, hatte er nämlich bei seiner Geburt Mitte der siebziger Jahre eine offene Gaumenspalte. Wofür er natürlich selbst schuld war, das war allen sofort klar. Zumindest wurde er von klein an schlecht behandelt und war bei seiner Familie etwa so willkommen wie der Küchenschwamm. Bedingt durch andauernden Alkohol- und Drogenkonsum seiner Mutter, war diese nie wirklich in der Lage, für ihn da zu sein. Und auch sonst niemand. Sein Vater war ebenfalls abhängig und verstarb kurz nach der Geburt meines Cousins. Eigentlich hatte der von Anfang an nie wirklich eine Chance und sich selbst bereits in frühen Jahren im Alkohol und den Drogen vergessen. Bedingt durch seinen Drogenkonsum zerfiel sein Körper Stück für Stück, bis es irgendwann nicht mehr weiter ging. Er verstarb früh, eine Beerdigung gab es nicht - es hatte schlicht niemand Bock, sich auch noch damit abzugeben. Auch sonst redet niemand über ihn. Weder zu Lebzeiten noch jetzt im Tod hatte und hat jemand nette Worte für ihn übrig. Ich habe Mitgefühl und auch eine Art Schuldempfinden, habe ich schließlich auch nicht wirklich etwas dafür getan, um sein Leben zu verbessern. Ich hatte viele Jahre Angst vor ihm - hatte ich, wenn man seinen Namen nannte, immer eine Art Monster im Kopf. Ein „böser Mann“, ein „Verbrecher“, eine „Gefahr“. Ich weiß noch, wie mein Bruder und ich einmal abends alleine zuhause bleiben mussten weil meine Eltern unterwegs waren und man mir dann nahe gelegt hat, mich zu bewaffnen - falls er vorbei kommen sollte. Einige Zeit zuvor hatte er nämlich bei uns eingebrochen, um nach Geld zu suchen. Man hat uns regelrecht gegen ihn aufgehetzt. Letztlich und viele Jahre später stellte ich fest, dass er leider nur für sich selbst eine Gefahr darstellte, war er tatsächlich und im Kern eigentlich ein lieber, wenn auch ziemlich durchgeknallter, Kerl. Ich hatte im Erwachsenenalter einige Male mit ihm zu tun und fand heraus, dass er einen ziemlich eigenartigen aber durchaus guten Humor hatte - und graue Augen, welche stark an die meines Vaters erinnerten - mit einem zwar tief traurigen, dafür jedoch sehr ehrlichem Blick.


Direkt nach Betreten des Hauses meiner Großeltern stieg einem ein etwas beißender Geruch in die Nase. Es kam aus dem Keller und roch vor allem feucht und muffig. Im Treppenhaus hingen eine Unmenge ausgestopfter Tiere, die einen mit ihren vorwurfsvollen Blicken die ganze Zeit verfolgten und die für mich in meiner kindlichen Phantasie allesamt noch lebten, sich jedoch nicht bewegen konnten und in ihren präparierten Körpern bis auf alle Zeiten gefangen waren. Ungefähr so wie in dem Film „House of Wax“, obwohl es den damals noch nicht gab. Getoppt wurde dieses Gruselkabinett durch einen mächtigen Wildschweinkopf, der direkt am Eingangsbereich hing und bei dem ich ständig befürchtete, er möge jeden Moment von der Wand fallen und meinen kleinen Körper unter sich begraben. Auch innerhalb der Wohnung hingen überall Tiertrophäen an den Wänden, vor allem im Arbeitszimmer meines Großvaters, aber auch über dem Esszimmertisch. Ich schätze, meine Großmutter muss irgendwann tatsächlich ein Veto eingelegt haben, als er mit weiteren Tierkadavern in der Wohnung aufschlug und ihn gebeten haben, diese künftig nur noch im Arbeitszimmer auszustellen. Das Zimmer war gespickt mit kleineren und größeren Tierkörpern, einer grässlicher als der andere.


Dieses Zimmer diente in der Zeit, als wir Kinder bei unseren Großeltern waren, für mich als Nachtlager. Man hat eine Übernachtungsmöglichkeit in Form einer Matratze auf den Boden gelegt. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich mich bei meiner Großmutter beim ersten Mal, als ich dort übernachten musste, nach der genauen Schlafsituation erkundigt hatte. „Schlafen wir beide zusammen auf der Matratze?“, fragte ich sie etwas irritiert - ich verstand zwar nicht ganz, weshalb man den anderen freien Platz auf dem Boden nicht ebenfalls ausnutzte, fand die Vorstellung, zusammen mit meinem Bruder dort zu übernachten, aber irgendwie aufregend. „Nein, hier schläfst du.“ war die knappe Antwort - eine genaue Antwort auf meine Rückfrage, wo denn mein Bruder schlafen sollte, erhielt ich nie. Ich habe jedoch später herausgefunden, dass dieser bei meinen Großeltern im Ehebett nächtigte. Tatsächlich versuchte ich sogar einmal, meinen Bruder zu bezirzen, er möge doch mit mir im Arbeitszimmer schlafen und es wie eine Art Abenteuer aufgebaut; in der Hoffnung, ihn dafür anzufeuern. Vage kann ich mich daran erinnern, dass wir eine Nacht tatsächlich auch zu zweit in diesem Zimmer waren, allerdings wachte ich morgens dann alleine auf meiner Matratze auf. Vermutlich hatte er nachts dann doch zu viel Schiss und ist geflüchtet.


Ich hatte die gesamte Nacht über große Angst, dass eines der ausgestopften Tiere herunterkommen und mich auffressen möge - und stellte schnell fest, dass diese nachts bei Mondschein noch viel unheimlicher aussahen, als am Tag. Die Angst hielt mich als Kind die meiste Zeit der Nacht wach, ich traute mich gar nicht, die Augen zu schließen. Letztlich muss ich dann wohl immer irgendwann eingeschlafen sein - versteckt unter der Decke und dicht zusammengekauert - die Matratze, welche ursprünglich in der Mitte des Raumes lag, schob ich dicht ins letzte Eck des Zimmers und direkt vor den Schreibtisch meines Großvaters, damit ich etwas geschützter war und die Tiere mich nicht so schnell entdeckten. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich einmal nachts entschieden hatte, mein Nachtlager auf die Couch im Wohnzimmer umzulagern, scheiterte dann jedoch recht schnell an der verschlossenen Tür des Arbeitszimmers. Ich war eingeschlossen. Flach atmend stand ich da und musste diese neue Information erst einmal verarbeiten. Klopfen und Rufen hätte nichts gebracht, denn alle anderen waren bereits zu Bett gegangen. Ich verhielt mich also so, wie ich es gelernt hatte - still und ruhig. Ergab mich meinem Schicksal. Und perfektionierte mein Schlafritual jedes Mal, wenn wir wieder dort übernachten mussten. Irgendwann machte es mir gar nicht mehr allzu viel aus - und selbst wenn, war es ja allen völlig egal. Es interessierte schlicht niemand.


Dass man die Tür zum Arbeitszimmer abschloss, versuchte ich meinen Eltern zu erzählen. Diese glaubten mir allerdings nicht. „So ein Quatsch, das würden die doch nicht machen.“ oder „Das bildest du dir ein!“, war die knappe Antwort und damit war das Gespräch beendet. Seufzend gab ich mich irgendwann geschlagen. „Was soll's... ist ja auch nicht so schlimm, oder?“ versuchte ich mir selbst Mut zuzusprechen. Die nagenden Zweifel, dass das alles absolut nicht in Ordnung war, konnte ich nie gänzlich abschütteln.

 
 
 

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