Nächster Halt: Rücksichtslosigkeit
- Sophia A. Marten

- 29. Jan. 2025
- 11 Min. Lesezeit
Viele Jahre habe ich gute Miene zum bösen Spiel gemacht, viele Jahre bei dem Spiel, dessen Spielregeln sich nach Gusto der anderen Beteiligten ständig und ohne Absprache ändern konnten, mitgespielt. Wenn ich mich an die etwas komplizierten Regeln gehalten habe, war alles in Ordnung und der Würfel wurde ohne Murren weitergegeben. Die Stimmung war gut, alle waren glücklich und zufrieden. Aber wehe, es ging nur eine Kleinigkeit, eine winzige Sache schief oder ich kooperierte bei etwas nicht genau so, wie es von mir erwartet wurde. Dann wurde unter lautem Gemecker und Getöse das Buch mit den Spielregeln herausgekramt. Oder direkt verbrannt.
„Ein Restaurant“ platzte mein Vater plötzlich aus dem Nichts heraus und schaute mich begeistert und grinsend über die kurze Trennwand, die zwischen unseren beiden Schreibtischen stand, an. Ich muss ihn richtig dumm angeschaut haben, denn er fing an zu lachen und stand auf: „Ja! Das ist es! Ein Wirtshaus!“ Um Gottes Willen. Wieder eine dieser hanebüchenen Ideen. Von denen gab es in den letzten Monaten mehr als genug, nachdem ihm klar wurde, dass seine kleine Firma nicht so recht laufen wollte und er den Betrieb nunmehr einstellen musste. Die Firma, in der ich ebenfalls angestellt war und jetzt das Nachsehen hatte. „Und wo?“ fragte ich nach, während ich gedankenversunken auf Stellenportalen nach Jobs suchte, die für mich interessant sein könnten. Eins war mir klar: egal, welche Schnapsidee da wieder auf mich zugerollt kam - dieses Mal bin ich definitiv nicht Teil davon.
Ein halbes Jahr zuvor hatte er mich davon überzeugt, mit ihm gemeinsam an seinem Traum von einem eigenen Call Center zu arbeiten. Im Übrigen einer der zahlreichen „Träume“, welche er über die letzten Jahre hatte. War er nämlich neben dem offenbar neuesten Traum, Wirt zu werden, außerdem - um nur einige zu nennen - Immobilien- und Versicherungsmakler, Hundetrainer und -züchter, Unternehmensberater, Tierfuttervertreter und Reiki-Meister. Meine Begeisterung hielt sich also erst einmal in Grenzen. Mein Vater hatte die unangenehme Angewohnheit, bei dem Streben nach seinen Träumen gerne einmal andere Menschen mit- und je nach dem auch unter die Räder zu ziehen. So klang sein Plan von einem eigenen Call Center anfänglich auch gut durchdacht und erfolgsversprechend, es wurde jedoch relativ bald klar, dass das meiste davon heiße Luft war und man dem Unvermeidlichen durch seine Sturheit und völligem Fehlen der Gabe, Ideen und Anregungen von anderen Leuten ernst zu nehmen, nicht umgehen konnte: dem Schließen der Firma. Alle anderen Träume platzten auch allesamt recht schnell, sobald nur ein Hauch von Gegenwind kam oder sich Schwierigkeiten auftaten. Es reichte im Grunde aus, wenn es einen Kollegen oder Geschäftspartner gab, der für ein wenig Unruhe sorgte.
Die Idee, ein eigenes Restaurant zu haben, ließ meinen Vater offenbar nicht mehr los. Mittlerweile hatte er auch meine Mutter mit der Idee angesteckt und gemeinsam überlegten sie sich jetzt Strategien, ein Restaurant zu führen. Beziehungsweise mein Vater führte es - wichtig war bei all seinen Ideen nämlich stets, dass er der „Boss“, der „Chef“, also total wichtig, war. „Die alte Sportgaststätte steht doch schon seit Jahren leer - die Location ist super. Das wäre doch vielleicht was?“ ließ ich einige Tage später, beim gemeinsamen Brainstormen nach einer Räumlichkeit für das Restaurant, verlauten. Zwei Paar große Augen schauten mich an. Hatten sie offenbar noch gar nicht drüber nachgedacht. Gesagt, getan. Die Verpächter wurden angefragt - woraufhin einige Wochen später tatsächlich eine Art vorsichtige Zusage ins Haus geflattert kam. Alle waren ganz begeistert. Die anfänglich sehr plastische Idee nahm langsam aber sicher Gestalt an. Meine Eltern beglückwünschten sich gegenseitig zu der tollen Idee, die Sportgaststätte als Räumlichkeit in Betracht zu ziehen. Ich zuckte nur mit den Schultern. Ideen, die von mir kamen, waren im Nachhinein eigentlich grundsätzlich von jemand anders. Daran hatte ich mich bereits gewöhnt. Auch, dass ich das Logo, welches später tatsächlich für das Restaurant verwendet wurde, auf Fotolia gefunden und übrigens auch gekauft hatte, stimmte dann auch nicht. „Das hat dein Vater entdeckt - cool oder?“ freute sich meine Mutter und deutete auf das Bild. „Das wird unser Logo!“ Ja, gern geschehen.
Das Restaurant wurde eröffnet und es stand außer Frage, dass ich in der Küche zu helfen hatte. Selbstverständlich hilft die Sophia mit, das war schon vor meiner Zustimmung beschlossene Sache. Schließlich war Sonntag und ich hatte frei. Ich half tatsächlich gerne, auch von morgens bis abends. Es ging heiß her, der ganze Laden war voll und wir kamen in der Küche fast nicht hinterher. Die Stimmung war aber trotzdem super. Mein Bruder kam nach der Arbeit mit einem Kumpel vorbei und bestellte sich etwas zu Essen. Da dies offenbar nicht schnell genug am Tisch ankam, wurde - anstelle dass er kurz selbst aufgestanden wäre und mitgeholfen hätte - gemeckert. „Scheiß Organisation“ ließ er verlauten. Alles in allem war es ein echter Knochenjob - nach 14 Stunden Arbeit ohne Pause ließen wir uns schwerfällig und völlig erschöpft auf einem der Bänke im Schankraum nieder. Feierabend. Eine Bekannte meines Vaters half beim Kellnern stundenweise unterstützend mit und bekam einen normalen Stundenlohn. Am Ende waren noch etwa siebzig Euro Trinkgeld übrig, welches mein Vater gönnerhaft der Bekannten in die Hand drückte. „Für die tolle Arbeit“ zwinkerte er. Ich saß daneben und nippte schweigend an meinem Bier. An diesem Abend wurden alle, die nicht standardmäßig zum Team gehörten - was mich eigentlich auch betraf - bezahlt. Ich bekam keinen müden Cent, was mich ehrlicherweise und im direkten Vergleich dann schon ein wenig enttäuschte, zumal ich das Geld zu der Zeit gut hätte gebrauchen können.
Die Ära „Gaststätte“ nahm sehr viel Raum ein - zwangsläufig auch bei den Familienmitgliedern, die nicht dort arbeiteten. Schon bald gab es außer diesem fast kein weiteres Thema mehr, worüber man hätte reden können. Andere Themen, die man hätte ansprechen wollen, wurden übergangen oder das Thema geschickt umgelenkt. Man bekam schnell das Gefühl vermittelt, dass wir alle gar keine richtigen Probleme hätten - im Vergleich zum Gastgewerbe seien alle anderen Berufe ja auch überhaupt nicht der Rede wert. Wir wissen gar nicht, was richtiger Stress bedeute. Zu dem Zeitpunkt arbeitete ich in einem Unternehmen, bei dem ich in der Verwaltung die Arbeit von vier Leuten übernahm, was zwangsläufig zu unzähligen Überstunden und Wochenendarbeit führte. Es war unfassbar kräftezehrend und mein Vorgesetzter außerdem ein ignoranter Heini, was zusätzlich nicht unbedingt für ein gutes Gefühl sorgte. Meine Frau hatte zu der Zeit beruflich auch viel um die Ohren. Aber das wurde alles vom Thema Gaststätte überschattet. Gerne hätte ich einmal über mein Leben gesprochen und mir an der ein oder anderen Stelle Luft gemacht, kam mit meiner Geschichte jedoch meist nicht sehr weit, denn die Probleme, die den Alltag der Wirtschaft betrafen, waren selbstverständlich immer viel wichtiger.
„Oh nein, das ist Mama“ entfuhr es mir mit Blick auf mein Smartphone, als dieses eines Samstagmittags klingelte. „Die brauchen bestimmt Hilfe...“ ich ging zögerlich ran. Meine Frau und ich waren an dem Tag bis über beide Ohren mit Papierkram beschäftigt, den wir unbedingt erledigen mussten damit wir keine Frist verpassten. „Mausi, bei uns brennt die Hütte - komm bitte und hilf!“ hörte ich meine Mutter sagen. Das kam relativ häufig vor - bisher kam ich auch immer herbei geeilt und ließ meine Sachen stehen und liegen um meiner Familie in der Gaststätte zu helfen. An diesem Tag hätte der Zeitpunkt jedoch nicht schlechter sein können - ich hatte schlicht keine Zeit und musste ihr wohl oder übel absagen. Sie war angepisst, Verständnis war nicht vorhanden und sie beendete ohne Verabschiedung das Gespräch. „Hat einfach aufgelegt“ stellte ich fest und schaute noch eine kurze Zeit schweigend auf den nun schwarzen Display. „Die ist richtig pissig“ bemerkte ich und mein Magen krampfte sich zusammen. Den restlichen Tag machte ich mir Gedanken und hatte ein schlechtes Gewissen. Mehrfach wollte ich doch hin gehen und helfen, rang mit mir und meiner Frau, aber das ging einfach nicht - unsere Sachen hatten manchmal eben auch Priorität und nicht immer nur die Sachen meiner Familie. Ich war schon immer ein People-Pleaser und „Nein“ sagen fiel mir stets außerordentlich schwer - vor allem bei meiner Mutter. Nein, sie war angeblich nicht sauer, hatte aber auch keine Zeit für meine „Befindlichkeiten“ und musste schnell nach einer anderen Lösung suchen, nachdem ich sie habe hängen lassen. Schließlich muss das Ding ja laufen. „Da kann ich nicht ewig rumdiskutieren“, erklärte sie mir ungehalten, als ich sie am nächsten Tag anrief und die Sache von gestern ansprach. Als ob ich ewig rumdiskutieren wollte. Aber Empathie war leider viel zu häufig ein Fremdwort. Sie konnte sagen, was sie wollte - ich kannte sie besser und wusste, dass sie nicht verstand, dass andere Leute manchmal einfach wirklich keine Zeit und nicht nur keinen Bock haben.
Ganz allgemein erwarteten sie von allen um sich herum bedingungsloses Verständnis. Es kam nicht selten vor, dass sie dich mit großen Augen anstarrten und, offenbar der Meinung, man habe den Verstand verloren, behaupteten dass sie sich selbstverständlich nicht (!) frei nehmen könnten für die diamantene Hochzeit der Großeltern, für Runde Geburtstage oder auch lange im voraus geplante Feierlichkeiten. „Wie stellst du dir das vor“ wurde man kopfschüttelnd gefragt. Als ob die Gaststätte der Nabel der Welt wäre und die ein, zwei Gäste, die sich an einem Tag, an dem die meisten Läden und Gaststätten geschlossen hatten vor der Wirtschaft meiner Eltern verirrten und aus Frust, dass geschlossen ist, wutentbrannt auf den Boden gestampft hätten. „Hat doch jeder zu“ meinte ich einmal schulterzuckend, als sie sich weigerten, am ersten Weihnachtsfeiertag zu schließen. „Ja, aber wir nicht!“ Okay. Ihr halt nicht. An anderen Tagen, an denen wahrscheinlich tatsächlich der Rubel gerollt wäre, wurde der Laden dann grund- und kopflos zu gelassen. Muss man nicht verstehen. Hauptsache, alle Familienangehören und Freunde bekommen mit, wie hart gearbeitet wird. „Wow, die geben es sich voll“ meinte mein Onkel einmal und nickte anerkennend. Ich schluckte meine Antwort mit Mühe herunter. Wenn man es sich genauer angeschaut hätte, wäre schnell klar geworden dass das nur bedingt so war. Es gab nur zu bestimmten Zeiten warme Küche, mittags war geschlossen und morgens hatten sie nicht selten Zeit für ein ausgedehntes Frühstück. Ich lehne mich nicht zu sehr aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass es maximal stabile Fünf-Stunden-Tage waren. Aber nein, arbeiten ja härter als alle anderen. Konnte es echt nicht mehr hören. „Klar...“ antwortete ich schulterzuckend und trank einen Schluck Schorle.
Ich erinnere mich an einen Tag, als wieder einmal Land unter war und sich sowohl ich als auch meine Frau bereit erklärten, auszuhelfen. Ich natürlich wieder ohne Bezahlung, das war ja klar. Sie half im Service, ich in der Küche. Mein Vater erteilte widersprüchliche Anweisungen und meine Frau, für welche dies der erste und einzige Tag vor Ort im Service war und die vorher noch nie mit dem, übrigens völlig wirren, System gearbeitet hatte, gab ihr bestes. „Lief doch ganz gut“ behauptete ich abends, als wir ziemlich erledigt auf dem Weg nach Hause waren. Sie stutzte kurz und meinte dann, dass das Arbeiten mit meinem Vater unheimlich anstrengend war weil er überhaupt keinen Überblick über die Bestellungen hatte und sie außerdem vor der Kundschaft blöd angemacht hatte. Ich schüttelte nur resigniert mit dem Kopf. Ja, das kannte ich bereits - hatte ich ebenfalls schon häufig das zweifelhafte Vergnügen. Einige Tage später kam uns zu Ohren, dass nachdem wir weg waren, kein gutes Wort über meine Frau verloren wurde. Sie hätte sich ja anscheinend ganz blöd angestellt, selbst einfachste Anweisungen missverstanden und auch so alles völlig falsch gemacht. Meine Großeltern waren da jedoch anderer Meinung.
Stellenweise wurde sich über die ausbleibende Kundschaft beklagt. Auf meine Nachfrage hin, ob denn Werbung geschalten würde, verwies man auf meinen Vater. „Der macht glaub auf Facebook manchmal was“ hieß es. Keine Ahnung, was das gewesen sein soll aber offenbar hat es nichts gebracht. Ich bat ihm an, Bilder zu bearbeiten weil ich das nachweislich besser kann als er. „Ach was ich mach das schon immer so, sieht doch geil aus“ behauptete er mit Zigarette im Mundwinkel und zeigte mir stolz einen völlig verpixelten, verzogenen und, ich entschuldige mich schon einmal für den Ausdruck, schreiend hässlichen Banner. Ja, da würde ich auch nicht drauf klicken. Ein Freund, der dies hauptberuflich macht, erstellte eine Speisekarte und einige optisch ansprechende und professionelle Werbegrafiken. Das war auch nicht gut genug. „Krieg ich ja selber besser hin, dafür kriegt der nichts“ behauptete mein Vater abfällig. Später verwendete er die Dateien jedoch trotzdem. Auf Hilfestellungen meinerseits wurde nicht viel gegeben - hatte ja keine Ahnung von der Sache. Und das wurde auch bei Themen behauptet, von denen ich sehr wohl Ahnung habe weil ich damit mein tägliches Brot verdiene. „Macht doch mal Werbung im Radio“ bemerkte ich eines Tages, als ich mit meiner Mutter im Biergarten saß und an meinem Schorle nippte. „Viel zu teuer“ war ihre Antwort. Ja, gut, umsonst bekommt man das natürlich nicht. Einige Zeit später bekam ich mit, dass mein Vater die tolle Idee gehabt hätte, Werbung im Radio zu schalten und sich mit einem Moderator offenbar klasse verstand. „Ah, cool“ sagte ich wenig begeistert und kratzte mich nachdenklich am Kinn. Auf sämtliche Hilfsangebote und Hilfestellungen meinerseits wurde verzichtet - und ich hatte einige Ideen, wie man mehr Kundschaft anlocken könne. Aber dann hätte man ja nichts mehr zu Meckern gehabt. „Komme in der Küche kaum hinterher“ beklagte sich meine Mutter. Okay, ich hätte da eine Idee... ach so, interessiert ja keinen. Na, dann bin ich ruhig. „Und dein Vater nervt auch ganz schön, der ist total überfordert“ Ja, das dachte ich mir. Lange Zeit beobachteten wir Familienangehörigen das Spektakel. Bekamen mit, wie mein Vater mit Gästen umging, die es wagten, Kritik zu äußern. Und wie sich laut und für jeden hörbar beklagt wurde, wenn eine schlechte Rezension auf Google erschien. Man hatte für alles eine Ausrede und natürlich war immer der Gast schuld. Oder die Verpächter. Oder... die anderen, eben.
Mein Bruder stieg in das Geschäft mit ein und ab dem Moment hieß es „Wir drei gegen den Rest der Welt“ oder, um es mit den Worten meines Vaters zu sagen: „Wir sind wie ein dreibeiniger Stuhl - fehlt ein Bein, fällt er um“ Es entwickelte sich eine Dynamik, die für jeden unschwer erkennbar wahnsinnig ungesund war. Mein Bruder und Vater duellierten sich mit schlauen Sprüchen - jeder von beiden wollte der Alpha sein, mein Bruder hielt menschlich und fachlich nichts von seinem Vater und ließ dies sowohl ihn als auch alle um sich herum spüren. Mein Vater bekam immer schlechtere Laune und wurde zunehmend arroganter und meine Mutter flippte immer mal wieder aus und schmiss mit Pfannen um sich. „Ich hoffe echt, dass dein Vater nicht mal was dummes sagt, wenn ich gerade ein Küchenmesser in der Hand habe - sonst garantiere ich für nichts“ ließ sie aufgebracht verlauten - ich glaube, das spiegelt die allgemeine Situation ganz gut wider. „Die tun sich echt nicht gut“ fasste meine Frau einmal passend zusammen. Alle drei schaukelten sich in ihrer Dynamik so hoch, dass es wirklich anstrengend war, von außen zuzuschauen. Die Gespräche wurden vom ursprünglichen, reinen Unmut und der Unzufriedenheit über das Geschäft abgelöst von vor allem einem: schlechter Laune. Entweder regten sich meine Mutter und mein Bruder gemeinsam über meinen Vater auf, mein Bruder und mein Vater gemeinsam über meine Mutter, alle drei gingen aufeinander los oder sie waren ein großer, harmonischer Eierkuchen weil sie einen gemeinsamen Feind hatten - oft waren das meine Frau und ich. Man wusste nie, auf welche Version man traf - es war alles unglaublich anstrengend.
Oft wurden wir gefragt, ob wir in der Gaststätte vorbeikommen möchten, was wir auch meist taten. Wenn wir dann dort waren, wussten wir häufig nicht, ob wir nach Essen fragen sollten oder es lieber bleiben ließen - und damit meine ich nicht ein ausladendes Dinner, sondern zum Beispiel eine Portion Pommes oder einen kleinen Beilagensalat. Nachdem wir dann zwei Stunden mit knurrendem Magen blöd herum gesessen sind, ohne dass sich jemand mit uns beschäftigt hat, gingen wir anschließend zum Essen oft noch woanders hin. Anhand der Blicke meines Vaters bekam ich schnell mit, dass es an manchen Tagen nicht erwünscht ist, dass ich mir und meiner Frau ein Getränk hole - an anderen Tagen brachte er uns dies dann aber bereitwillig und ohne vorheriger Anfrage unsererseits selbst. Man wusste nie genau, was passiert und welche Laune vorherrschte. Manchmal fragte ich zögerlich, ob wir eine Portion Pommes bekämen - aber nicht immer. An einem Tag hatten wir ein dermaßen schlechtes Gewissen, weil man uns unmissverständlich zu Verstehen gegeben hat, dass unsere Anwesenheit total nervt, dass wir unsere Getränke dann sogar beim Kellner bezahlten. Als mein Vater später davon Wind bekam, schmiss er uns das Geld erzürnt hinterher und ließ keinen Zweifel daran, wie unerhört er die Aktion fand. Sowohl meine Frau als auch ich machten ausgiebig Werbung für die Gaststätte meiner Eltern und gingen häufig und gerne mit Freunden dort hin - einmal lud meine Frau ihren damaligen Kollegenkreis zum Essen dort ein. Später erzählte sie mir dann, dass alles voll berechnet wurde - auch ihre Portion. Man hatte also noch nicht einmal zumindest ihr Essen etwas günstiger gemacht. Dass sie dann weniger Trinkgeld gab, wurde gar nicht verstanden.
Das ganze Thema kann man in einem Satz zusammen fassen: die Welt dreht sich um meine Familie und um nichts anderes. Alle mussten vor ihnen und der Gaststätte, ihrem Traum, kuschen und ihre Belange gingen immer vor - denn schließlich handelte es sich hierbei um den Dreh- und Angelpunkt der gesamten Familie. Sie haben sich aufgespielt und wichtig genommen, andere ließ man nicht zu Wort kommen und man erwartete bedingungsloses Entgegenkommen und Verständnis. Und selbstverständlich wurden deren Probleme auch die Probleme aller anderen - ob diese wollten, oder nicht. Man wurde so dermaßen in den Sog der ganzen Geschichte gezogen, dass man - selbst wenn man gewollt hätte - nur schwer eine Chance hatte, sich nicht damit zu befassen. Ob das eigene Leben durch permanentes negatives Geschwätz erschwert wurde, war völlig egal. Hauptsache, jeder sieht, wie hart gearbeitet wird. Darauf kam es an - den Schein zu wahren.
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