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Musst du morgen arbeiten?

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 12. Jan. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Jan. 2025

Weinend stand ich im Hof, denn ich hatte soeben meine Großeltern mütterlicherseits an die Tür begleitet und ihnen, während sie mit dem Auto weg fuhren, hinterher gewunken.


„Omi, musst du morgen arbeiten?“ fragte ich, wie so ziemlich jedes einzelne Mal, wenn meine Großmutter zu Besuch war diese eine halbe Stunde zuvor, was sie wiederum nickend und mit großen, traurigen Augen bejahte. „Ja, mein Schatz. Ich muss morgen arbeiten. Du kannst heute leider nicht mit zu uns kommen.“ Ich war unfassbar betroffen. Wollte ich doch nichts sehnlicher, als diesen Ort zu verlassen. Den Ort, der mein Zuhause sein sollte, wo ich mich geborgen und willkommen fühlen sollte. Geliebt von meiner Familie. Ich hatte stets viele Gefühle im Bezug auf mein Elternhaus, doch geliebt und willkommen waren keine Adjektive, die ich nutzen würde, um es zu beschreiben.


Als ich mich wieder beruhigt hatte und das Haus etwas später betrat, würdigte man mich keines Blickes. Man behandelte mich so, als wäre ich Luft - hatte ich meine Eltern doch vorgeführt, indem ich wieder einmal meine Großmutter fragte, ob ich nicht mit zu ihr kommen könne. Wie sah das denn aus? Als ob ich nicht gerne zuhause wäre! Man war sich sicher, dass ich eindeutig einen an der Murmel hatte. Gab man mir doch, zumindest wurde das stets zum Ausdruck gebracht, überhaupt keine Gründe, ungern bei meiner Familie zu sein. Woran, wenn nicht daran, dass ich total verrückt war, könnte es denn auch liegen, dass ich immer und immer wieder auf's Neue mit zu meinen Großeltern wollte?


Bei meinen Großeltern war es wunderschön. Sobald man den Fuß über die Türschwelle setzte, schwappte einem eine Art Wärme entgegen, die ich so von Zuhause nicht kannte. Alles an der kleinen Wohnung der beiden war einladend, alles war heimelig und ich kam sofort zur Ruhe. Es duftete immer nach einer Mischung aus Hühnersuppe und Gartenkräuter, im Hintergrund lief der Schlagersender des städtischen Radiosenders und wenn ich mich zurück erinnere, schien gefühlt immer die Sonne durch das große Küchenfenster auf den mit einer blumigen Plastikdecke gedeckten Küchentisch. Wenn es die Temperaturen zu ließen, hielten wir uns gerne und häufig entweder auf dem Balkon oder großen Garten auf - das Herzstück des Hauses und, neben meinem Großvater, große Liebe meiner Großmutter mit der sie viel Zeit verbrachte. War ich bei meiner „Omi“, machten wir immer einen Ausflug zur Videothek in der Stadt um dort meinen Lieblingsfilm auszuleihen und uns diesen dann, gemütlich eingemummelt in einer Kuscheldecke und ausgestattet mit Tee und Keksen, zum x-ten Mal anzuschauen. Wir beiden kannten ihn mittlerweile in- und auswendig. Übernachtet habe ich entweder in der Mitte des Ehebettes meiner Großeltern oder, als ich etwas größer wurde, auf einem Feldbett auf der Bettseite meiner Omi. Es wurde penibel darauf geachtet, dass dieses Feldbett so nahe wie möglich am Ehebett meiner Großeltern stand - nicht mal ein Zentimeter war dazwischen. Ich schlief nur dann, wenn meine Omi meine Hand hielt. Und mein Lieblingskinderbuch durfte auch nicht fehlen - ich weiß nicht, wie viele Male wir das abends zusammen angeschaut haben. Irgendwann wurde es Tradition, dass meine Omi und ich zusammen im Gästezimmer schliefen. Wahrscheinlich gingen wir auf Dauer meinem Großvater auf den Zeiger oder er wiederum mir, weil er nämlich ein wenig schnarchte. Wir redeten oft bis spät in die Nacht, ich teilte mit ihr viele Dinge, die mich bewegten und liebte jede Sekunde daran. Sie hörte mir zu, auch wenn sie - und da bin ich mir sehr sicher - irgendwann auch gerne einmal ein Auge zugetan hätte.


Häufig war ich auch Teil der zahlreichen Vereinsfestlichkeiten oder Geburtstagseinladungen, bei welchen meine Großeltern - die sehr gesellig sind und erst dann richtig aufzublühen scheinen, umso mehr Menschen sich um sie befinden - zu Gast waren oder häufig auch ausrichteten. Bei den älteren Herrschaften war ich ein gern gesehener Gast und jeder mochte mich sehr. Vor allem deshalb, weil ich so vorbildliche Manieren hatte, mich so schön ruhig verhielt und keinen Ärger machte. „Gut erzogenes Mädchen!“, beglückwünschte man nicht selten meine Omi, worüber sie sich natürlich jedes Mal freute. In der Generation meiner Großeltern war das wichtig. Und ich war stolz darauf, meine Großeltern stolz machen zu können. Es war mir immer schon sehr wichtig, die beiden nicht zu enttäuschen.


Als ich eines Tages meine Omi ganz ernst anschaute und sie fragte, ob sie nicht meine Mama sein könne, wurde sie sehr still und schaute mich lange nachdenklich und traurig an. „Aber Schatz, du hast doch eine Mama.“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Ja, aber das ist nicht dasselbe...“ Ich bekam einen Kuss auf die Stirn, doch blieb sie mir eine Antwort schuldig. Ich träumte manchmal, ich wäre das Kind meiner Großeltern und bat sie sogar, mich bei einem anderen Namen zu nennen. Weigerte mich, auf meinen gebürtigen Namen zu hören - da die beiden jedoch immer wieder „vergaßen“, wie mein ausgedachter Name war, gab ich es irgendwann auf. Ich hatte Verständnis, immerhin waren sie ja auch nicht mehr die jüngsten. Heute weiß ich, in welch unglückliche Situation ich sie damit gebracht habe. Und auch, weshalb meine Omi und meine Mutter einige Zeit lang keinen Kontakt mehr hatten. Ich weiß nun auch, weshalb ich in der Zeit nicht zu meinen Großeltern durfte. Damals wusste ich natürlich nicht, dass sich meine Omi häufig für mich eingesetzt und vor mich gestellt hat, wenn ich Zuhause wieder unfair und schlecht behandelt wurde. Dass sie oft von sich aus angeboten hat, mich in den Schulferien zu sich zu nehmen. Dass sie meine Eltern damit konfrontierte, dass sie nicht nur einen Sohn, sondern auch eine Tochter hatten. Ich wusste natürlich nicht, dass meine Eltern dann versuchten, den Kontakt zwischen mir und meiner Omi einzudämmen. In der Hoffnung, ich würde so wieder zu klarem Verstand kommen und „lernen, wo ich hin gehöre“. Im Nachhinein hat dies meinen Fluchtinstinkt nur noch weiter angefacht. Und ich habe schon in frühen Jahren zumindest eines gelernt: zu wissen, wo ich nicht hin gehöre.


Dass ich „anders“ war, als der Rest meiner Familie, wusste ich schon seitdem ich denken kann. Dieses „anders“ wurde mir stets negativ ausgelegt. Man hat mich kritisch beäugt, immer als eine Art Sonderling behandelt. Weil ich die meiste Zeit nicht über die primitiven Scherze lachte die vor allem Freunde meines Vaters bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum besten gaben. Weil ich nicht laut war, weil ich nicht mit grölte, nicht unreflektiert Dinge nachplapperte. Ja, ich war einfach anders. Ruhiger, nachdenklicher, gesetzter. Dass ich in meiner Kindheit jedoch sehr viel Zeit mit Leuten im Rentenalter verbrachte und auch große Teile meiner Erziehung auf Werte zurückzuführen ist, die eine Generation vor der meiner Eltern liegt, sah man nicht. Meine ganze Grundeinstellung unterscheidet sich im Kern von der meiner Eltern. Man hat immer, etwas negativ behaftet, gesagt ich wäre meiner Großmutter so ähnlich. Wir sind uns auch recht ähnlich. Aber vor allem aus dem Grund, dass ich von klein auf mit aller Kraft versuchte, nicht so zu werden wie meine Eltern.


In den Ferien ging ich meistens zumindest für einen Teil der Zeit zu meinen Großeltern. So kam es dann auch, dass ich häufig mit den beiden in den Urlaub fuhr. Es gab zwei Urlaubsziele: die Schweiz und Italien. In die Schweiz ging es zum Ski fahren, was ich dann auch dank der beiden gelernt habe (zugegeben, ich habe die Ski-Schule und alles, was damit zusammen hing, wirklich nicht gerne getan - aber hey, ich kann Ski fahren!) und nach Italien ging es im Sommer. Ob ich mit in den Urlaub durfte, wurde daran fest gemacht, wie „lieb“ ich in den Wochen davor war. Hierfür hatte ich einen selbst gebastelten Kalender, welcher täglich entweder durch einen lachenden oder einen traurigen Smiley ergänzt wurde. Waren am Ende der Zeit mehr lachende Smileys (wofür ich akribisch gesorgt hatte!), dann durfte ich mit. Ich weiß von vielen Quellen, dass ich ein außerordentlich „liebes“ Kind war. Welche genauen Beweggründe für die an und wann doch mal vorkommenden, traurigen Smileys vorlagen, kann ich im Nachhinein nicht mehr genau sagen. Ich würde jedoch behaupten, dass das die Tage waren, an denen ich nicht alles nickend über mich habe ergehen lassen. Ziemlich sicher stets im Bezug auf meinen Bruder, der mich ständig versuchte, auf die Palme zu bringen. Streckenweise hat er sich auch einen Spaß daraus gemacht, mir in der kritischen Zeit - nämlich der Urlaubskalender-Phase - Ärger zu machen und so dafür zu sorgen, dass ich nicht mit in den Urlaub konnte. Geschafft hat er das aber nie.


Wenn ich aus Urlauben mit meinen Großeltern zurück kam, wurde ich meist ignoriert. Ein herzliches „Willkommen Zurück!“ gab es nicht, ich konnte froh sein, wenn man es überhaupt zur Kenntnis nahm. Die drei „zurück gebliebenen“ gaben sich alle Mühe, mir zu zeigen, dass sie ebenfalls eine außerordentlich schöne Zeit hatten und viele Dinge unternommen haben. Wie es im Urlaub war, wurde ich nicht gefragt. Man tat schlicht einfach so, als wäre ich nie weg gewesen.


Auch heute noch gehe ich gerne zu meiner Omi und meinem Opa. Sie sind mittlerweile sehr alt und haben ihre Gebrechen, doch werde ich den beiden bis zum Ende meines Lebens dankbar sein. Und wie viel sie mir geholfen haben, als ich kleiner war. Ich würde so weit gehen, zu behaupten, dass ich mit Sicherheit nicht halb so gut durch die ganze Geschichte gekommen wäre, wären sie nicht für mich da gewesen.


Mein Vater hat nie eine Möglichkeit ausgelassen, mich wissen und spüren zu lassen, wie wenig er von der Familie meiner Mutter hält. Und wie wenig er davon hält, dass ich so gerne dort war. So wurden sie in Dauerschleife als „Snobs“ und „Wichtigtuer“ bezeichnet. Alles, was aus der Richtung meiner Großeltern und ja, im Grunde genommen gesamten Familie meiner Mutter, kam wurde abgewertet und belächelt. Nichts war gut genug, alles wurde kritisiert. Ständig wurde negativ über meine Großeltern gesprochen und im Gegensatz hierzu meine Großeltern väterlicherseits utopisch in den Himmel gehoben. Wie toll sie doch wären, wie wunderbar sie uns doch schon ausgeholfen hätten und dass mein Großvater, den wir stets bezeichnenderweise nur bei den Initialen nannten, auch monetär schon unterstützt hätte. Nie habe ich dieses übertriebene Gut Wetter machen“ verstanden. Waren meine Erfahrungen mit diesen Leuten doch so grundlegend anders. Und im Nachhinein lässt sich sagen, dass auch mein Vater mit Sicherheit nicht alles so gut fand, wie er immer tat. Ich weiß aus sicherer Quelle, dass da einiges ziemlich schief gelaufen ist. Das Krankheitsbild nennt sich dann wohl „Vater-Komplex“, schätze ich.

 
 
 

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