Social Burnout - Verloren im Überleben
- Sophia A. Marten

- 6. Apr. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Es ist jetzt ein halbes Jahr her, seitdem es zum Eklat mit meiner Familie und im besonderen meinem Bruder und meiner Mutter kam. Ein halbes Jahr, seitdem alles endgültig zerbrochen ist, was ohnehin schon - und das weiß ich mittlerweile - lange auf der Kippe stand. Ein halbes Jahr, seitdem komplette Funkstille herrscht - kein Kontakt, kein Versöhnungsversuch. Nur Leere. und diese Leere zieht Kreise, die zwar vor allem und in erster Linie unheimlich viel Frieden und lang ersehnte Ruhe mit sich bringen, jedoch auch größer, tiefer und leerer sind, als ich mir dies hätte vorstellen können. Und als ich es mir je hätte eingestehen wollen.
Ich bin in erster Linie eines: müde. Nicht die Art von müde, die man mit ein bisschen Schlaf oder einem freien Wochenende in den Griff bekommt. Ich spreche von dieser inneren, bleiernen Erschöpfung, die einen nicht mehr loslassen will. Die sich durchzieht wie ein zäher Nebel - besonders und vor allem nach sozialen Kontakten. Ich bin emotional ausgebrannt. Sozial ausgelaugt. Ich war immer jemand, der gerne unter Menschen war. Der aufgeblüht ist, wenn andere da waren. Ich war diejenige, die sich gemerkt hat, wer gerade schwierige Zeiten durchmacht. Der Gespräche angestoßen hat, der zugehört, vermittelt, gelacht und auch gerne selbstlos getröstet hat. Ich war zuverlässig und loyal - der Typ Mensch, der sich auf andere einlässt, oft auch auf eigene Kosten. Ein klassischer People-Pleaser. Und ich war gut darin.
Doch heute merke ich, wie mir das alles entgleitet. Von dem People-Please ist kaum noch etwas übrig geblieben. Ich merke, wie ich schon lange nicht mehr die Kraft habe, jemand anderes Fels in der Brandung zu sein, wenn ich mich doch selbst gerade so über Wasser halten kann. Ich merke, wie ich mich weg ducke, wenn jemand meine Aufmerksamkeit will. Kaum noch finde ich Themen, über die ich mit Menschen sprechen könnte, wenn ich in Gesellschaft bin. Ich vergesse, was man mir erzählt hat - nicht aus Desinteresse oder Ablehnung, sondern weil man Kopf einfach so unglaublich voll ist und ich gleichzeitig das Gefühl habe, nicht viel geben zu können. Schnell fühle ich mich überfordert, genervt, wenn zu viel von mir erwartet wird. Selbst Smalltalk ist häufig bereits eine Kraftanstrengung. Neue Leute kennenlernen? Aktuell unmöglich. Die Vorstellung alleine erschöpft mich. Lange Zeit dachte ich, ich wäre innerlich gestorben - taub, einfach leer. Und das mag eine Zeit lang auch so gewesen sein; ich hatte befürchtet, herzlos geworden zu sein. Heute weiß ich, dass ich nicht herzlos oder innerlich tot bin. Meine Festplatte ist einfach überfüllt - wie ein alter Computer. Es rattert alles, aber wirklich passieren tut irgendwie nichts.
Wie ich mittlerweile gelernt habe, ist das ein Zustand, den man auch „Soziales Burnout“ nennt. Eine emotionale Erschöpfung, die sich einstellt, wenn man sich über lange Zeit hinweg selbst zurückstellt, um den Bedürfnissen anderer gerecht zu werden. Wenn man seine eigenen Grenzen übergeht um für andere da zu sein. Man hat so viel gegeben, dass am Ende nichts mehr übrig bleibt - keine Geduld, keine Freude, kein Mitgefühl, nicht einmal für sich selbst. Es ist, als sei meine soziale Batterie leer und das Ladegerät kaputt ist. Nach sozialen Interaktionen brauche ich zwischenzeitlich teilweise Tage, um mich zu erholen. Und ich hasse alles daran - ich hasse es, weil ich eigentlich gerne jemand wäre, der offen, warm und zugänglich ist. Jemand, den andere Leute gerne um sich herum haben. Ich möchte Gespräche führen, lachen, verbunden sein - aber stattdessen ziehe ich mich nach wie vor zurück.
Ich funktioniere. Jeden Tag. Ich bin da, wenn ich gebraucht werde. Ich stehe auf, mache einfach weiter. Schaue nach vorne. Für mein Kind, meine Familie, meine Arbeit, für den Haushalt, all die unsichtbaren Verpflichtungen, die sich stapeln ohne je wirklich erledigt zu werden. Schwangerschaft, Baby- und jetzt Kleinkind-Zeit - das alleine ist schon ein Marathon, den man mit chronischem Schlafmangel, völlig verwirrtem Hormonhaushalt und Daueranspannung läuft. Dazu arbeite ich Vollzeit und habe einen Alltag, der sich auch nicht von alleine schmeißt - ich flicke To-Do-Listen zusammen wie einen löchrigen Teppich. Und während ich auf Autopilot durch mein Leben eile, rannte die letzten Jahre dieser tiefe, psychische Stress mit meiner Familie immer neben mir her - gegipfelt im letzten Jahr durch den familiären Bruch, den Kontaktabbruch und die toxische Familiendynamik. Was dabei auf der Strecke blieb, war ich selbst. Mein Bedürfnis nach Ruhe, Rückzug, nach echter Verbindung zu mir ohne Leistungspflicht.
Ich bin gealtert. Nicht langsam, nicht schleichend - sondern schlagartig. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Und ich merke es nicht nur im Spiegel, sondern in jeder Zelle meines Körpers. Ich fühle mich, als hätten mich die letzten paar Jahre meines Lebens um ein Jahrzehnt nach vorne gespult. Der Stress der letzten Jahre zeigt sich mittlerweile ganz deutlich. Nicht nur emotional, sondern nunmehr auch körperlich. Wenn ich in den Spiegel schaue, erschrecke ich mich manchmal. Nicht, weil mir die Frau im Spiegel völlig fremd wäre - nein, sondern weil ich mich erkenne aber nicht wiedererkenne. Ich sehe aus wie ich, nur eben viel älter. Meine Haut wirkt fahl, es zeigen sich immer mehr graue Haare auf meinem Kopf und die Linien in meinem Gesicht werden tiefer. Nicht selten schaue ich in den Spiegel und sehe jemanden, der einfach extrem müde aussieht. Und älter, als ich mich eigentlich gerne fühlen möchte. Der Körper fühlt sich schwerer an - irgendwie stumpf und überstrapaziert - die Erholung dauert um ein Vielfaches länger. Es ist, als hätte mein System in den letzten Jahren auf Hochdruck gearbeitet und jetzt, wo alles zusammen gebrochen ist, zeigt sich eindrucksvoll, was dabei auf der Strecke geblieben ist.
Ich spüre häufig, dass ich keine besonders gute Gesellschaft bin. Ich bin stiller geworden, ungeduldiger, manchmal einfach leer. Und obwohl ich rational und kognitiv weiß, dass ich kein schlechter Mensch bin und mich Menschen dennoch gerne um sich herum haben, nagt es an mir. Ich will freundlich, offen sein. Aber im Moment schaffe ich das einfach nicht. Vielleicht ist das aber auch der erste Schritt: Sehen, was ich in den letzten Jahren getragen habe und immer noch trage - und dass ich nicht kaputt bin. Sondern erschöpft. Und das ist ein Unterschied.
Ein ehrlicher, aber auch sehr hoffnungsvoller.
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