Splitterbruch
- Sophia A. Marten

- 16. Jan. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Jan. 2025
Ich hörte es und wusste sofort: der ist durch. Das unangenehme Knacken, als ich mit dem Arm voran von der Leiter des freistehenden Pools meiner Großeltern mütterlicherseits auf den Boden krachte, war nicht falsch zu interpretieren. Und der stechende Schmerz, der sich anschließend in meinem linken Vorderarm breit machte, ebenfalls nicht.
„Immer mit dem Gesicht Richtung Leiter!“, ermahnte mein Großvater uns Kinder immer wieder, was ich dann auch in den allermeisten Fällen pflichtbewusst tat. Immerhin wollte ich natürlich nicht abstürzen und mich verletzen, das war klar. Und da mein Opa immer aufpasste, dass nichts passierte und peinlich genau darauf achtete, dass auch auf jeden Fall alle die von ihm gestellten Regeln einhielten, war eine - an dieser Stelle auch völlig deplatzierte - Widerrede zwecklos. Und jetzt lag ich da etwas überrascht auf dem Boden vor dem Pool und starrte fassungslos meinen Arm an. Ich hatte vergessen, mit dem Gesicht Richtung Leiter aus dem Pool zu steigen. „Verdammte Axt, ich glaub, der ist gebrochen“, murmelte ich nur. Ich stand unter Schock und gab deshalb keinen Laut von mir. Es war ein warmer Sommertag, ich war gerade zehn Jahre alt geworden und wir verbrachten alle zusammen den Tag bei meinen Großeltern im Garten. Meine Mutter und wir Kinder fuhren meist schon mittags hin, mein Vater kam später nach. So auch heute. Er war vor einer halben Stunde angekommen und alle hielten sich im Haus auf weil sich mein Vater um irgendwelche PC-Probleme meines Großvaters kümmerte - ich schwamm noch eine letzte Runde im Wasser. „Komm danach rein, wir wollen dann gehen“, rief man mir noch hinterher und ich nickte. Schade, wäre gerne noch länger geblieben.
So langsam begriff ich, dass ich mich verletzt hatte und Hilfe brauchte. Tränen schossen in meine Augen und ich torkelte etwas durcheinander Richtung Haus. „Hey, hallo - kann mal jemand kommen?“ rief ich und, als niemand reagierte, rief ich erneut. „Hallo? Ich brauche Hilfe!“ Meine Stimme überschlug sich, langsam breitete sich Panik in mir aus. Ich atmete schnell und lief die Treppen zur Wohnung meiner Großeltern hinauf, meinen linken Arm dicht an mich gedrückt. Ich machte erneut auf mich aufmerksam, mittlerweile schrie ich. Meine Großmutter kam hastig und mit Geschirrtuch in der Hand auf mich zugelaufen und erkannte die Situation sofort. „Oh, Gott - komm schnell her“, sagte sie und legte hektisch ein großes Handtuch um mich. Ich war klitschnass, in der Eile hatte ich völlig vergessen, mir unten im Garten mein bereitgelegtes Handtuch um den Körper zu schlingen. „Komm, setz dich erstmal“ hastig legte sie ein kleineres Handtuch auf das Sofa und half mir, mich hinzusetzen. Ich atmete gestresst und viel zu schnell. „Beruhig dich, Schatz!“, sie verließ das Wohnzimmer und ich hörte hektische Stimmen. Ab diesem Moment kann ich mich nicht mehr genau daran erinnern, was geschah - ich war völlig in Trance und starrte meinen Arm an. Ein Knochen stand seltsam ab, er sah verformt aus - anders, als der andere. Meine linke Hand konnte ich nur unter heftigen Schmerzen bewegen, was ich dann auch schnell bleiben ließ. Meine Atmung beruhigte sich langsam, während ich auf dem Sofa saß und wie gebannt meinen Arm anstarrte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam meine Mutter ins Wohnzimmer, schaute mich mit großen Augen an und verließ dann wortlos den Raum. „Wir müssen das anschauen lassen“ hörte ich sie meinem Vater mitteilen. „Ach, Quatsch - die übertreibt doch nur wieder“, antwortete dieser genervt und mit lauter Stimme. „Nein, der Arm ist irgendwie verbogen“ - meine Omi mischte sich ein. „Ja, dann ab ins Krankenhaus aber schnell!“, rief mein Opa aus dem Gästezimmer, wo auch sein Computer stand. Ich hörte, wie er sich erhob und anfing, seinen Schlüssel zu suchen. „Du bleibst hier!“ zischte meine Omi, wohl wissend dass es eigentlich die Aufgabe meiner Eltern war, sich um mich zu kümmern. Mein Vater betrat das Wohnzimmer und schaute mich böse an. Sein Blick wanderte über mein Gesicht hinab zu meinem Arm und wieder zurück. „Wie ist das passiert?“ fragte er mich kalt. „Ich bin von der Leiter gefallen“ antworte ich mit bebender Stimme. „Ich weiß, ich bin falsch herum...“ weiter kam ich nicht. Er stöhnte, verdrehte die Augen und verließ den Raum. „Dann fahren wir halt“ grummelte er, packte seinen Schlüssel und schaute mich vorwurfsvoll an. „Musst dir was anziehen, so nehme ich dich nicht mit“
Einige Minuten später saßen meine Eltern und ich im Auto auf dem Weg ins Krankenhaus. Keiner sprach ein Wort, es herrschte unangenehme Stille. Mein Vater war sichtlich genervt und offenbar der Meinung, ich würde mal wieder übertreiben. Ich übertrieb sowieso immer, wenn es nach ihm ging. Alles, was passierte, war eigentlich gar nicht so schlimm. Ich wollte nur Aufmerksamkeit und im Mittelpunkt stehen. Er forderte mich nach einiger Zeit erneut auf, ihm zu erklären, wie das passieren konnte. Ich tat wie geheißen. Erneut stöhnte er genervt - es war klar, dass er die ganze Aktion völlig unnötig fand. „Mann, jetzt hör mal auf - als ob sie das extra gemacht hätte“, mischte sich irgendwann meine Mutter ein und wandte sich zu mir: „Jetzt lassen wir den Arm mal anschauen, ist bestimmt nichts schlimmes“. Klar, war es ja nie.
Ich hatte einen Splitterbruch, wie der Arzt sofort erkannte. „Okay, Kleines - du musst jetzt kurz stark sein, ja?“, er schaute mich freundlich an. Ich biss die Zähne zusammen und nickte entschlossen. Ein lautes Knacken ertönte, während er meinen Arm (ohne Betäubung) einrenkte. Der Schmerz war kaum zu beschreiben, einer der richtig üblen Sorte. „Ein einfacher, glatter Bruch hat nicht gereicht, oder?“ zwinkerte mir der Arzt zu. Ich bekam einen blauen Gips und durfte damit die nächsten acht Wochen herum laufen. Im Hochsommer übrigens nicht zu empfehlen, denn ins Wasser durfte ich damit nicht. Ich wickelte also immer eine große Tüte darum, damit er nicht nass wurde - und in der Schule ließ ich alle darauf unterschreiben. Das Teil war potthässlich, ich war heilfroh, als man ihn mir einige Zeit später wieder abnahm. Und es versteht sich von selbst, dass ich nach diesem Tag nie mehr verkehrt herum die Leiter hinab- oder hinaufgestiegen bin.
Abends saßen meine Eltern und ich im Hof und ließen den Tag Revue passieren. „Hey Mädi, tut mir leid dass ich dich nicht ernst genommen habe“ sagte mein Vater kleinlaut. Ich bin sicher, das sagte er nur, weil meine Mutter ihn dazu gezwungen hatte. Sein Verhalten war unfassbar herablassend und abschätzig gewesen. Seinen Blick werde ich nie vergessen - das war mehr als nur genervt. Er hat mich und meine „Wehwechen“, mein „Theater“ mit jeder Faser seines Köpers abgelehnt. Ich schaute ihn an. „Ist okay“ sagte ich nur. Und damit war das Thema vom Tisch.
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