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Stille Nacht, heilige Nacht

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 24. Jan. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Jan. 2025

Wenn ich mich an meine Kindheit und mein damit verbundenes Elternhaus zurück erinnere, sticht ein Wort in meinem Kopf immer wieder besonders hervor: Unbehagen. Meine Eltern stritten sich gefühlt jeden Tag, ständig wurde geschrien und andauernd herrschte Unruhe und Tumult. Häufig saßen mein Bruder und ich zusammen in unseren Kinderzimmern und schauten uns nur schweigend an, während im Hintergrund wieder laut gestritten wurde. Manchmal drehten wir auch die Lautstärke des Kassettenrekorders entweder leiser oder lauter - je nach dem. „Wieso sind die eigentlich zusammen?“ fragten wir uns nicht selten und eine Antwort darauf hatten wir nie. Es war uns ein Rätsel, konnten sich die beiden doch ganz augenscheinlich überhaupt nicht ausstehen.


Man wusste nie genau, auf welche Version der beiden man traf, wenn man morgens die Augen öffnete. Es war ein ständiges Wechselbad der Gefühle, nie war man sicher - ständig auf der Hut. Es war denkbar, dass etwas, wofür du gestern hart bestraft worden wärst und zum Beispiel Hausarrest kassiert hättest, am nächsten Tag keinerlei Reaktion hervor rief. Es war alles furchtbar anstrengend. Dies sollte sich, das wusste ich damals jedoch noch nicht, bis ins Erwachsenenalter erstrecken. Bis zum Schluss konnte man sie überhaupt nicht einschätzen - die Chance lag bei 50/50, ob dieselbe Ausgangslage entweder Euphorie oder Entsetzen verursachte.


Insgesamt waren meine Eltern drei Mal über längere Zeit räumlich getrennt. Tatsächlich ist man, wenn man das Dilemma hautnah und über Jahre hinweg miterlebt hat, doch irgendwie verblüfft darüber, dass es „nur“ drei Mal war - ich hätte schwören können, es war häufiger gewesen. Vermutlich macht das aus dem Grund den Eindruck, weil meine Mutter immer mal wieder auch über einige Tage oder auch mal eine Woche hinweg zu ihren Eltern flüchtete. Wenn sie es wieder nicht mit meinem Vater zusammen unser einem Dach aushielt. Insofern ist die Anzahl dann in der Summe wohl doch höher, aber wer schaut schon so genau hin. Außerdem vermittelten sie einem permanent - trotz dass sie zusammen lebten, nicht das Gefühl einer stabilen und harmonischen Beziehung. Wahrscheinlich, weil es nie eine war. Neudeutsch würde man „On-Off-Beziehung“ dazu sagen. Ich finde, das trifft es eigentlich auch ganz gut.


„Mama, um Himmels Willen... trennt euch doch endlich“ redeten mein Bruder und ich auf sie ein, als ein weiteres Weihnachtsfest in einem Desaster geendet hat. Sie saß schluchzend auf meinem Bett und wir Kinder saßen um sie herum. „Das bringt doch nichts... wie lange soll das denn noch so weiter gehen?“ Mein Bruder und ich schauten uns etwas verzweifelt an. Gespräche dieser Art kamen relativ häufig vor. Meine Mutter war offenbar der Annahme, ihre Kinder seien geeignete Ansprechpersonen wenn es darum ging, kompetente Beratung im Bezug auf die Leitfrage, ob sie sich von ihrem Mann trennen sollte oder nicht, zu erhalten. Schon früh wurden wir daher mit einer Verantwortung auferlegt, die man Kindern in unserem Alter eigentlich nicht antut. Bei soeben beschriebenem Gespräch waren wir zwar schon etwas älter - ob es das ganze deshalb jedoch besser macht, finde ich fraglich.


Ursache des Krisengesprächs war, dass unsere Mutter meinem Vater und uns Kindern zu Weihnachten eine besondere Überraschung machen wollte: eine Woche Urlaub in Ägypten. Sie hatte alles bereits organisiert und war schon wochenlang vor Weihnachten ganz aufgeregt. „Glaub, die hat ein richtig schönes Geschenk“ ließ ich meinen Bruder wissen, als wir mittags gemeinsam auf dem Sofa saßen und eine Serie im Fernsehen verfolgten. Mein Vater hat, so sagt er zumindest, „Flugangst“. Das hat ihn jedoch nicht davon abgehalten, fünf Jahre zuvor mit meiner Mutter in die Türkei zu fliegen. So richtig verstanden haben wir diese, unserer Einschätzung nach etwas irrationale und gewissermaßen auch vorgeschobene, Angst alle nicht. Als er sah, was wir da geschenkt bekommen haben, wurde er still. Mein Bruder und ich schauten uns kurz an und beobachteten anschließend das unweigerlich auf uns zu steuernde Spektakel - wir ahnten schon, was als nächstes passierte. „Da komme ich nicht mit“ sagte mein Vater kurz angebunden und stand auf, um sich am geöffneten Fenster eine Zigarette anzustecken. Meine Mutter versuchte zuerst betont gelassen, auf ihn einzureden und schlug ihm alle möglichen Dinge vor: angefangen von Lavendeltropfen, über Baldrian, bis hin zu Benzodiazepine und der Aussage, für den Flug in die Türkei habe das ja auch hingehauen. Für mich klang das alles irgendwie auch machbar. Hau dir halt ein paar Tabletten rein, dann kriegst die drei, vier Stunden Flug auch irgendwie überstanden - oder? Mein Vater wurde, während meine Mutter sprach, seltsam ruhig, ja fast schon ignorant. Mittlerweile kannte ich ihn jedoch gut genug um sagen zu können, dass das seine Art war, mit Stress umzugehen. Doch er hatte es innerhalb weniger Minuten geschafft: meine Mutter flippte komplett aus, fing an herumzuschreien und Dinge herumzuwerfen. Sie war außer Rand und Band. Am Ende fing sie vor Wut an, in Tränen auszubrechen und verließ das Wohnzimmer. Heilig Abend war, mal wieder, gelaufen. „War doch irgendwie klar“ seufzend und mit hochgezogenen Augenbrauen schauten mein Bruder und ich uns an, als kurz darauf auch unser Vater das Zimmer verließ. Wir kannten den Ablauf solcher Szenarios schon zu gut. Und wir wussten genau, was geschehen musste, damit entweder bei unserem Vater oder unserer Mutter der Geduldsfaden riss. Bei beiden musste nicht sehr viel passieren, muss man dazu sagen. Weder sie noch er haben eine besonders ausgeprägte Resilienz.


Ich liebte Weihnachten. Das war schon immer so und ich liebe es auch heute noch. Ich liebe alles an diesem Fest. Die Tradition, die Vorweihnachtszeit, die behaglichen Lichter, der Tannenbaum... ich liebe die Stimmung, die Lieder, einfach alles daran. Weihnachten war schon immer mein liebstes Fest. Umso schlimmer fand ich es, dass dieses Fest regelmäßig in einem Desaster endete - ich zwang mich selbst bereits Tage vorher zu guter Stimmung, legte absichtlich schon etwas früher die Weihnachts-CD ein und summte bewusst lauter die immer gleichen Lieder. In der Hoffnung, dass es dieses Mal nicht so enttäuschend wird, wie das Jahr zuvor. Und davor. Und das Jahr davor. Am ersten Weihnachtsfeiertag gingen wir immer zu meinen Großeltern mütterlicherseits. Meine gesamte Hoffnung lag immer und seitdem ich denken kann, auf diesem Tag - dass zumindest der erste Weihnachtsfeiertag ein schönes Fest wird. In meiner Kindheit waren wir bei meiner, mittlerweile leider verstorbenen, Urgroßmutter. Am Durchbruch zwischen Ess- und Wohnbereich wurde der grüne, schwere Samtvorhang zu gezogen damit wir Kinder vom Esstisch aus nicht sehen konnten, was auf der anderen Seite, im Wohnzimmer, passierte. „Da ist gerade das Christkind!“ zwinkerte mir meine Urgroßmutter mit freudigen Augen zu.


Als meine Urgroßmutter nicht mehr lebte, wurde der erste Weihnachtsfeiertag bei meiner Omi ausgerichtet. Alle legten sich immer mächtig ins Zeug, alle waren gut drauf und in den meisten Fällen machte dieser Tag den Tag zuvor, Heilig Abend zuhause, wieder wett. Ein flaues Gefühl habe ich vor dem 24. Dezember jedoch heute noch. Ich will nicht sagen, dass Heilig Abend immer mies war - denn das würde nicht stimmen. Ich kann mich an vereinzelte Jahre erinnern, an denen das Fest zuhause schön und harmonisch war. Diese tatsächlich eher selteneren Jahre wurden jedoch von den um einiges häufiger vorkommenden, unschönen Festen überschattet.


An ein Weihnachtsfest vor ein paar Jahren kann ich mich noch lebhaft erinnern. Ich hatte bereits einige Zeit - aus Gründen, auf die ich an anderer Stelle genauer eingehen werde - keinen Kontakt mehr zu meinem Vater. Wir handhabten es zu der Zeit so, dass wir im Wechsel ein Jahr Heilig Abend bei der Familie meiner Frau und das nächste Jahr dann bei meiner Familie verbrachten. So waren wir dieses Jahr bei meiner Familie - zumindest war das der Plan, den wir bereits Wochen vor Weihnachten mit eben dieser besprachen. Zu besagtem Zeitpunkt hatten mein Vater und ich, wie bereits erwähnt, keinen Kontakt - und das wussten auch alle. Offenbar ging man aber davon aus, dass es dennoch in Ordnung wäre, wir würden alle zusammen als glückliche Familie Heilig Abend verbringen. Als mir einige Tage vor Heilig Abend klar wurde, worauf das hinaus lief, teilte ich meiner Omi mit, dass man hier eine andere Lösung bräuchte. Diese „Lösung“ wurde schnell gefunden: meine Großeltern wurden von meinen Eltern eingeladen, den Abend bei ihnen zu verbringen da sich mein Vater mit Händen und Füßen wehrte, das Fest bei meinen Großeltern zu verbringen. „Aber ihr könnt doch auch kommen“ hieß es nur. Ach, so... nein, danke. Auf diese Art Familienfest konnte ich dankend verzichten - wäre es ohnehin darauf hinausgelaufen, dass die Stimmung durch die Tatsache, dass zwei Personen nicht miteinander sprachen, garantiert topp gewesen wäre. Das Ende vom Lied war, dass meine Frau und ich Heilig Abend alleine in unserer Wohnung verbrachten und meine Großeltern gemeinsam mit ihrem Schwiegersohn, den sie im Übrigen gar nicht ausstehen konnten und die Beziehung meiner Eltern zu diesem Zeitpunkt bereits schon wieder am Wanken war, in dessen Wohnung verbrachten. Na, dann: „Fröhliche Weihnachten!“


Wenn ich jetzt, mit etwas Abstand, darüber nachdenke weshalb die Weihnachtsfeste in den meisten Fällen einfach nur eine Enttäuschung waren, schätze ich dass das daran liegt, dass meine Familie nie in der Lage dazu war, eine aufrichtige und ehrliche Beziehung zueinander aufzubauen. Nimmt man nun ein Fest wie beispielsweise Weihnachten, welches als „das“ Fest der Liebe und der Familie propagiert wird, wird schnell klar, dass etwas nicht stimmt. Alle verkrampfen sich und versuchen, den Anschein zu wahren und oberflächlich ein schönes Fest zu schaffen. Es herrschte schon Tage und Wochen vorher ein unheimlich großer Druck, jeder musste gute Laune haben und jeder - vor allem meine Frau und ich - musste anwesend sein. Dass das eigentlich nicht funktionieren kann, ist keine Raketenwissenschaft. Und es ist einfach, diese Illusion einer Harmonie zu zerstören indem nur einer der Beteiligten nicht oder nur teilweise kooperiert. So kam es auch immer wieder zu desaströsen Weihnachtsfesten. Mittlerweile feiere ich Weihnachten gar nicht mehr mit meiner Familie und ich bin ehrlich, wenn ich sage, dass ich es auch nicht wirklich vermisse.






 
 
 

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