Stress im Kopf
- Sophia A. Marten

- 20. Jan. 2025
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Jan. 2025
Eingeloggt. So weit, so gut. Und jetzt? „Checkst halt mal dein E-Mail-Postfach“, denke ich mir und scrolle, während ich an meinem Kaffee nippe, durch den Posteingang. Es gibt durchaus neue Mails, die sind jedoch in den meisten Fällen nur bei mir gelandet, weil ich unglücklicherweise in irgendeinen Verteiler eingetragen wurde. Nach und nach überfliege ich die Mails und drücke die „Löschen“-Taste. Gelöschte Elemente: (8). Ich nehme es zur Kenntnis und einen weiteren Schluck von meinem Kaffee. Nachdem ich auch die anderen Programme nach aktuellen Aufgaben überprüft und diese recht schnell abgehakt habe, lehne ich mich in meinem Schreibtischstuhl zurück. „Okay. Und jetzt?“ Ich leere meinen Kaffee. Er ist noch warm.
Manchmal überlege ich, wie ich überhaupt an den Punkt gekommen bin, an dem ich mich heute befinde. „Naja, hast Glück gehabt“ höre ich die kleine, aufdringliche Stimme in meinem Kopf energisch entgegnen. „Einfach Glück gehabt, nichts weiter“ wiederholt sie. Aber war das wirklich Glück? Die Antwort kenne ich bereits, bevor ich die Frage abschließend stellen kann. „Nein“, ich schüttele entschlossen mit dem Kopf. „Nein, ich hatte wirklich nicht nur Glück - an diesen Punkt in meinem Leben zu kommen, das war verdammt harte Arbeit“ Ich stelle die Kaffeetasse mit etwas zu viel Schwung auf den Schreibtisch.
Zugegeben, ich hatte schon um einiges anstrengendere Tätigkeiten und manchmal ertappe ich mich auch dabei, mir die Frage zu stellen, nach welchem Zeitraum andauernder, stumpfsinniger Tätigkeiten das Gehirn anfängt, weniger resilient und leistungsstark zu werden. Kennt ihr die Leute, die schon gestresst sind, wenn ein Mal alle vier Stunden das Telefon klingelt? Irgendwann hat man so wenig Input, so wenig Verantwortung, dass man sich an das niedrige Pensum gewöhnt und dann unverhältnismäßig gestresst und genervt ist, wenn doch einmal Arbeit aufkommt. Ich hatte mal einen Kollegen, der zu mir gemeint hat: „Weißt du, ich war mal bei meinem Kumpel angestellt und da war ich der einzige Typ im Büro - und hatte echt gar nichts zu tun. Ich hab den ganzen Tag Filme geschaut und Zeitung gelesen. Und als dann mal Arbeit kam, war ich stinksauer und hab mich total geärgert“ er schaute mich an und fing an, zu lachen: „Manchmal wünschte ich mir heute diese Langeweile zurück - damals wusste ich das gar nicht zu schätzen“ Er und ich hatten im Büro extrem viel Arbeit. So viel Arbeit, dass wir beiden immer mal wieder unseren Vorgesetzten darauf ansprachen, er möge doch nach einer Unterstützung suchen. Wir kamen absolut nicht hinterher - die Arbeit, die damals auf unserer beiden Schultern lastete, wäre für mindestens doppelt so viele Angestellte ein ausreichendes Arbeitspensum gewesen. Ich liebte diese Arbeit, ich hatte immer viel Spaß mit meinen Kollegen in der Werkstatt, die Tätigkeit war unheimlich umfangreich und wahnsinnig interessant - aber schlicht deutlich zu viel Arbeit für viel zu wenig Personal und das Gehalt, puh - das war eine einzige Frechheit. Eines Tages kündigte mein Kollege dann. Ich erzähle nicht zu viel, wenn ich sage, dass die Arbeit nicht weniger wurde aber meine Vorgesetzten offenbar der Meinung waren, ich würde das schon locker solo rocken. Auf meine Rückfrage, ob das dann auch entsprechend mehr bezahlt werden würde, wand man sich in Ausreden weshalb mein Gehalt fast nicht zu toppen wäre. Da kann ich heute wirklich nur noch laut drüber lachen. Als einzige Verbleibende im Büro, mit Arbeit für vier. Ist klar. Wenn ich heute daran zurück denke, bin ich etwas betroffen, dass meine Chefs damals überhaupt nicht wussten, wie man einen Laden führt und Mitarbeiter ordentlich vergütet beziehungsweise behandelt - und ich weiß aus sicherer Quelle: das tun sie heute, knappe zehn Jahre später, noch nicht.
Aber spätestens als mich ein anderer Boss, der mir die Stelle aus irgendeinem Grund dann doch gegeben hatte, trotz dass er im Vorstellungsgespräch betonte, ich hätte ganz schlechte Chancen weil ich eine junge Frau Anfang zwanzig war und ja sowieso bald schwanger sei, sexuell belästigte, wusste ich: „Sophia, das Arbeitsleben ist nichts für Weicheier, vor allem dann nicht, wenn man eine Frau ist.“ Dieser Mann schaute, wenn auf der „Arbeit “ war - welche im wesentlichen aus rum sitzen und Däumchen drehen bestand - in Dauerschleife Pornos mit weiblichen Hauptdarstellerinnen. Dabei achtete er peinlich genau darauf, dass er seinen Bildschirm genau in dem Winkel auf den Schreibtisch stellte, dass man vom Vorzimmer aus sehen konnte, was sich auf diesem abspielte. Aber das war nicht genug - nachdem er damit fertig war, kam er aus seinem Verschlag und rieb sich beim Vorbeigehen „zufällig“ immer wieder an meinem Schreibtischstuhl und lehnte sich etwas zu tief auf meinen Schreibtisch. „Den hättest anzeigen müssen“ wird mir heute, wenn ich die Geschichte zum besten gebe, immer mal wieder mitgeteilt. Ja, schon. Aber mit Anfang zwanzig traut man sich nicht so viel. Und wenn man, wie ich zu jener Zeit, mit Leuten umgeben ist, die dir permanent das Gefühl geben, deine Wünsche wären utopisch und dir wäre gut daran gelegen, endlich mal „zufrieden zu sein mit dem was, du hast“, kann es unter Umständen vorkommen, dass man nicht für sich einsteht und den Kopf einzieht. Hatte ja keinen Rückhalt. Hätte niemand verstanden. „People Pleasing“ war angesagt - viel zu lange Zeit.
Auch der Tag, als ich von meiner Chefin mir nichts dir nichts während der Probezeit gekündigt wurde, gehörte zu meiner anhaltenden Glückssträhne dazu. Ich, damals in einer unglücklichen Beziehung und gefangen in einem Loch, welches den Ausdruck „Wohnung“ beim besten Willen nicht verdiente, arbeitete in einer Firma bei einem verheirateten Paar, die sich für die allergeilsten hielten. Die waren der Überzeugung, sie seien die Krone der Schöpfung. Und so verhielten sie sich auch. Alle mussten ihnen die Füße küssen und eigentlich hätten sie es sicher auch als angemessen empfunden, dass ihre Mitarbeiter morgens einen Knicks machen, wenn sie den Laden betraten. Die beiden waren nicht nur unsympathisch und arrogant, sondern hatten es auch geschafft, zwei mindestens genauso unsympathische und arrogante Töchter großzuziehen - und einen Hund, der 90 Prozent des Tages damit verbrachte, zu kläffen. Dieser lebte praktisch im Büro und wurde täglich von mir ausgeführt - das gehörte wohl zur Berufsbeschreibung. Ich musste mit dieser Töle raus in die Welt. Gott, war das peinlich. Im Nachhinein weiß ich, dass ich als billige Urlaubsvertretung angestellt wurde - und als die Urlaubszeit im Spätsommer dann vorbei war, wurde ich gekündigt. „Wie gefällt es Ihnen denn hier?“ fragte mich meine Chefin zuckersüß kurz vor Feierabend an einem lauen Freitagnachmittag. „Ja, ganz gut... die Arbeit ist leider etwas einseitig“ gab ich zu Bedenken und zuckte mit den Schultern. Sie schaute mich nur an und entgegnete etwas schnippisch: „Also wir sind nicht zufrieden mit Ihnen. Das war Ihr letzter Arbeitstag, Sie brauchen am Montag gar nicht mehr kommen“ Ähm, okay?! Danke für nichts! „Wenn Sie keinen Job mehr finden, können Sie ja immer noch schwanger werden“ Was hatten die alle immer mit schwanger werden? Und wieso sollte ich keinen Job mehr finden? Ich war mehr als qualifiziert!
Qualifiziert genug, als dass ich heute, Jahre später, weiß dass ich für eine Arbeit im Call-Center nicht geeignet bin. Dass man mir aber jahrelang einzureden versuchte, ich solle „froh sein, überhaupt was zu haben“ und ich solle ja so zufrieden damit sein, überhaupt einen Ausbildungsbetrieb erhalten zu haben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das Problem in meiner beruflichen Laufbahn ist, dass alle in meinem Umfeld, und letztlich auch ich selbst, der Überzeugung waren, man solle sich mit allem, was man bekäme, zufrieden geben und keine Anforderungen stellen. Nicht kompliziert werden, nichts wollen, einfach happy sein und die Fresse halten. Und so kommt es natürlich, dass man immer und immer wieder alles mit sich machen lässt und im Nachhinein sogar noch behauptet, es wäre gar nicht so schlimm gewesen.
Die Stelle, welche ich aktuell ausübe, ist mir, wenn man meiner Familie Glauben schenkt, auch in den Schoß gefallen. Habe ich nichts dafür getan, kam von ganz alleine. Hab halt „Glück gehabt“. Immer, wenn ich keine Beschäftigung hatte und auf der Suche nach einer neuen Anstellung war, habe ich mich richtig ins Zeug gelegt. Bloß keinen Tag zu lange arbeitslos sein, weil „wie sieht das denn im Lebenslauf aus?!“. Ich hatte Vorstellungsgespräch-Marathons, habe eine Unmenge an Bewerbungen geschrieben, habe einige unbezahlte Tage zu Praktikumszwecken in Unternehmen verbracht, sämtliche Annoncen durchforstet und überall angerufen. Initiativbewerbungen noch und nöcher wurden rausgehauen, keine Sekunde hatte ich Ruhe, ich war die ganze Zeit am hustlen. Und auch als ich die Stelle hatte, war das erst der Anfang: ich habe mich intern hochgearbeitet, mich ins Zeug gelegt, Überstunden geschoben und auf mich aufmerksam gemacht. In einem so großen Unternehmen tatsächlich nicht einfach, da gibt es nämlich jede Menge guter Leute. Um an die Stelle zu kommen, die ich heute innehabe, war jede Menge Fleiß nötig. Und ja, tatsächlich habe ich heute einen „entspannten Job“ aber der kam nicht von ungefähr. „Du kannst doch gar nicht mitreden, arbeitest ja gar nicht richtig“ waren Sprüche, die ich von meiner Familie häufig hören musste. Wenn es nach meiner Familie geht, ist es nur dann ein richtiger Job, wenn er handwerklich anspruchsvoll ist. Koch, zum Beispiel. Wie es mein Bruder einer ist. Der arbeitet natürlich viel härter, länger und krasser als ich. Ist klar. Da kann ich mir natürlich kein Urteil erlauben oder diese Aussage infrage stellen, weil... was weiß ich denn schon.
Ich hole mir einen neuen Kaffee und während ich warte, bis das Wasser im Wasserkocher 100 Grad erreicht, denke ich darüber nach, was ein Job mit einem macht, der einen nicht oder nicht gänzlich erfüllt. Zeit meines Lebens wollte ich etwas mit Sprachen machen. Sprachen sind meine große Leidenschaft - und doch nutze ich in meinem Beruf nur eine: Deutsch. Und ich sehe kein einziges Szenario in der Zukunft, in dem sich das noch einmal ändern sollte. Natürlich sind viele Menschen in Berufen beschäftigt, die nicht ihre Traumberufe sind. Und doch darf man darüber sprechen: es ist einfach schade. Vergeudete Talente, ohne Frage. Ich bin ein Mensch, der gerne viel zu tun hat und Deadlines einhalten zu müssen, macht mir Spaß - es motiviert mich, schneller und effizienter zu arbeiten. Und setzt Glückshormone frei, positiver Stress. Und beflügelt mich. Das völlige Fehlen dieser Deadlines, dieses Drucks ist für mich persönlich überhaupt nicht gut. Und nach und nach wandern meine Gedanken dann an andere Orte, häufig an solche, von denen ich gar nicht möchte, dass meine Gedanken dort unterwegs sind.
Ich bin ein von Grund auf negativ gepolter Mensch. Ich gehe immer vom Schlechten, vom Schlimmsten aus. Ich habe immer ein Worst-Case-Scenario in meinem Hinterkopf, einen Plan B. Wenn Plan A scheitert, wovon ich eigentlich sowieso immer ausgehe. Demotivation und Langeweile fördern bei mir nicht den Tatendrang, die angestaute und überschüssige Energie an einer anderen Stelle produktiv einzusetzen, sondern sorgen dafür, dass ich mich nach und nach immer mehr gehen lasse. Das war aber nicht immer so. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als wir vor fünf Jahren zu Corona-Zeiten alle in die Mobilarbeit geschickt wurden. „Kann gut und gerne Wochen dauern, bis wir wieder ins Geschäft dürfen“ rätselten meine Kollegen und ich, zu Beginn noch davon überzeugt, dass Corona schnell Geschichte sein würde. Dass wir über anderthalb Jahre im Homeoffice bleiben sollten, wussten wir zu dem Zeitpunkt - und das war bestimmt auch ganz gut so - noch nicht. Hätte ich das gewusst, ich wäre in mich zusammengefallen. Und doch nutzte ich die Zeit effizient und organisierte unseren Küchenschrank neu, sorgte für Ordnung und Organisation in der Wohnung und hielt mich mit Yoga und Sport fit wie ein Turnschuh. Ich meditierte, mir ging es so gut wie lange nicht. Und das, obwohl die anfängliche Negativ-Spirale der anhaltenden Mobilarbeit zuerst gar nicht so aussah, als würde ich das Ruder herumgerissen bekommen. Und auch damals, so erinnere ich mich, hatten wir stellenweise wirklich wenig Arbeit. „Hast dich auch zusammen gerissen bekommen“ stelle ich fest und nippe an meinem frisch aufgebrühten, zweiten Kaffee. „Und wieso ist das jetzt so schwierig?“ frage ich mich gedankenverloren und schaue aus dem Küchenfenster.
Jetzt, als Ehefrau, als Mutter eines anderthalbjährigen Kleinkindes und Vollzeitangestellte in einer großen Firma, jetzt, als Mensch, der gerade seine komplette Familie verloren hat, ja jetzt als gebrochene Seele, jetzt als Traumapatientin in psychologischer Behandlung. Jetzt ist alles etwas anders. Energie, die mich vor fünf Jahren dazu veranlasst hat, produktiv und begeistert Dinge zu organisieren und mein Leben zu strukturieren, Pläne zu schreiben und immer nach vorne zu preschen, ist jetzt nicht mehr vorhanden. Ich fühle mich täglich ausgelaugt und schwerfällig. Mir ist alles zu viel, ich bin mit meinem Leben in so ziemlich allen Aspekten überfordert. Mein Kind ist wunderbar und ich liebe es wahnsinnig aber es ist auch sehr fordernd und anstrengend. Abends bin ich häufig komplett erschöpft und fühle mich wie vom LKW überfahren. Unsere Wohnung, die an allen Ecken und Enden noch unfertig und unstrukturiert ist, kommt mir vor wie eine niemals enden wollende Baustelle. Egal, wo ich hin schaue - es gibt tausend Dinge zu tun. Ich weiß oft gar nicht, wo ich anfangen sollte. Und deshalb entscheide ich mich für das fatalste: gar nicht erst anzufangen. Ich habe bereits aufgegeben, bevor ich beginne. Und fühle mich gefangen in meinem eigenen Körper. Überfragt und überfordert mit meinem nie enden wollenden Gedankenkarussell, welches sich immer und immer wieder dieselben Fragen stellt: „Wann genau hat es angefangen, auseinanderzubrechen?“, „Bin ich schuld?“, „War das die richtige Entscheidung?“ um nur einige wenige zu nennen.
„Mann, das bringt doch nichts!“ wütend stelle ich die Kaffeetasse auf den Tresen und schlage mit der Faust auf die Arbeitsplatte. „Hör jetzt sofort auf mit diesem Mist, verdammt!“ Ich kneife wütend die Augen zusammen und öffne sie schnell wieder. Es ist mir völlig klar, dass mein Leben gerade komplett auseinander gebrochen ist. Aber aus den Scherben kann man doch etwas neues, besseres bauen, oder nicht? Kann man aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, nicht Schlösser bauen? Das Leben ruckelt immer, wenn es in den nächsten Gang schaltet - und genau das hat es. Es ist ein Fortschritt, eine einzige, konstante Verbesserung. Auch, wenn ich das erst nicht sehen wollte. Das Leben ist Veränderung und es war von Anfang an klar, dass meine Familie nicht mein komplettes Leben Teil von mir sein wird. Haben sie mir in der Vergangenheit doch auch schon nicht gut getan. „Seitdem ich denken kann“ schießt es mir in den Kopf. Ja, seitdem ich denken kann, haben sie mir schon nicht gut getan. Manipulation, Gaslighting, Lügen, Selbstdarstellung - all dies sind Begriffe, mit denen ich diese Menschen immer wieder beschreiben würde. Ich habe meine eigene Familie und verdammt noch mal, ich muss jetzt langsam die Kurve kriegen und heilen. Der erste Schritt ist getan. Jetzt kann es nur noch besser werden!
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