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Tierflüsterer

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 3. Feb. 2025
  • 17 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Feb. 2025

„Sophia, ich zeige dir heute einmal etwas“ verkündete mein Vater eines Tages beim Frühstück. Ich wusste, dass es etwas mit dem gerade erst verstorbenen Schäferhund zu tun haben musste, der die letzten Jahre bei uns im Hof gelebt hatte. Er besaß einen eigens für ihn abgezäunten Bereich und einen Zwinger, in dem er nachts und häufig auch tagsüber hauste. Der Hund war, so hieß es, gefährlich und nicht gesellschaftsfähig - auch einiges an Arbeit von Seiten meiner Eltern, welche sich beide den Titel „Hundetrainer“ gaben, konnte daran nichts ändern. Der Hund war „durchgeknallt“, so sagten sie zumindest. Und wir Kinder hatten uns von ihm fern zu halten. Was wir natürlich auch taten - so hatte ich stets einen riesigen Respekt vor ihm. Meine Mutter warf sich einmal mit vollem Körpereinsatz auf ihn und drückte ihn zu Boden. „Um ihm klarzumachen, wer hier der Alpha ist“ erklärte sie später - offenbar vergaß der Hund dies aber immer mal wieder und schnappte nach diesem selbsternannten Alpha. Aber dieses Bild, wie meine Mutter und der Hund da auf dem Boden lagen, sie ihre Beine um ihn schlang und seinen Kopf auf den Steinboden presste, brannte sich in mein Gedächtnis ein. Auf dem Weg in unseren Garten, musste man zwangsläufig sein Revier passieren und am Zwinger vorbei gehen. Es kam nicht selten vor, dass der Hund Zähne fletschend am Gitter hing. „Okay“ stimmte ich zu und biss in mein Toastbrot. Innerlich freute ich mich sogar etwas auf den Ausflug, den ich mit meinem Vater unternehmen sollte. Noch wusste ich jedoch nicht, wo dieser Ausflug hingehen sollte.


So fuhren wir später los, den toten Hund in eine Decke gewickelt und im Kofferraum verstaut. „Wir bringen ihn jetzt weg“ erklärte mein Vater kurz angebunden und ich hatte tausend Fragezeichen im Kopf. Weg bringen? „Wo bringen wir ihn denn hin?“ fragte ich ihn interessiert und nachdenklich zugleich. Ich hatte mehrere Szenarien im Kopf, eines wilder als das andere und konnte mir gar keinen Reim daraus machen. „Wir fahren zur Abdeckerei“ ergänzte mein Vater und schaute mich flüchtig von der Seite aus an. Ich nickte verständnislos. Abdeckerei... noch nie gehört. Ich hatte kein Ahnung, was das nun wieder werden sollte und war nach dieser Erklärung nicht schlauer als vorher.


„Hilf mir mal damit“ ordnete mein Vater an und ich half ihm, den schweren Hund aus dem Kofferraum zu hieven. Wir standen vor einem grauen Zementklotz mit großer Türe - Fenster gab es keine und alles in allem lud der Anblick der Einrichtung nicht unbedingt dazu ein, einzutreten. Ich schluckte kurz und schaute meinen Vater an. Der war bereits ganz konzentriert damit beschäftigt, die Türe aufzustemmen. Ich trat nach ihm ein und hielt den Atem an. Ein beißender Geruch kam mir beim Eintritt entgegen - eine Mischung aus Abflussreiniger, Desinfektionsmittel und irgendetwas süßlichem. Ich hielt den Atem an und entschied mich, fortan nur noch durch den Mund zu atmen. Der Raum war überschaubar und spärlich eingerichtet. Woran ich mich genau erinnern kann, ist zum einen der Geruch und zum anderen die halbhohe Mauer, welche sich am hinteren Ende des Raumes von der einen Wand zur anderen erstreckte. Ich trat näher und stellte fest, dass sich hinter der Mauer ein Abgrund auftat - es ging einige Meter nach unten in ein Becken. Das Wasser dort stand nicht still, sondern verlief stromartig von rechts nach links und endete jeweils in einem dunklen Schlund. „Das ist eine Abdeckerei“ erklärte mein Vater und folgte meinem Blick nach unten. Er musste mir gar nicht weiter ausführen, was als nächstes geschehen sollte - ich hatte schon verstanden. Er wickelte den toten Hund aus der Decke und warf ihn kurzerhand über die Mauer. Es gab einen lauten Klatsch als dieser auf der Wasseroberfläche aufkam und ich sah ihm hinterher, wie er mit dem Strom ins Dunkel weg getrieben wurde. Ich schluckte kurz und schaute dann meinen Vater an, der völlig unbeeindruckt war und mich an grinste. „Lust auf Burger King?“ fragte er.


Ich würde behaupten, dass ich durch meine Erziehung ziemlich abgebrüht im Bezug auf („Nutz“-)Tiere bin, dazu zählen leider auch ganz oft des Menschen bester Freund, der Hund. Zwar ist mir bewusst, dass ich sicherlich nicht das einzige Kind war, welches eine dermaßen unromantische Beziehung zu dem Thema genossen hat, muss ich jedoch schon sagen, dass die meisten Leute in meinem Alter anders dazu stehen. Mein Vater und Großvater züchteten Hasen, Tauben, Hühner und auch Hunde. So war es ganz selbstverständlich, dass es sonntags immer Hasenbraten gab - wobei der gesamte Hase auf dem Tisch lag - und nach dem Schlachten, was in unserem Hof geschah, zum Ausbluten über der Küchenspüle hing. Die tierischen Überreste, die beim Schlachten entstanden, bekam der Hund. Und die Hühner bevölkerten große Teile unseres Gartens - sie lebten in mehreren Hühnerställen in der Nähe unserer Terrasse und weiter hinten. Dies hatte zur Folge, dass es überall mehr oder weniger konstant und beißend nach Hühnermist roch. Was ich als positiv hervorheben kann, ist jedoch dass es immer frische Eier gab. Und relativ häufig auch Hühnchen. Ich kann mich noch bildhaft daran erinnern, dass sich mein Großvater väterlicherseits einen Spaß erlaubt hat, indem er vor meinen Augen, damals muss ich etwa fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, kurzerhand den Kopf eines Huhnes abschlug und laut lachte, als dessen Körper ohne Kopf noch etliche Meter weiter rannte. Ich war ziemlich überrumpelt und wusste erst gar nicht, was geschah. „Die Nerven arbeiten noch“ bemerkte er kurz angebunden. Ich nickte.


Die Nerven verloren hatte einmal eine gute Freundin von mir. Wir waren gerade mit den Hasen beschäftigt - im speziellen mit einem kleinen Hasenbaby, welches einige Tage zuvor zur Welt gekommen war und von der Mutter leider abgestoßen wurde. Zu klein, zu schmächtig, die Mutter lehnte es gänzlich ab, das Kleine zu füttern - die Natur ist schon grausam. Meine Freundin und ich kümmerten uns eine Weile um das Kleine und fütterten es mit der Spritze, es bekam sogar einen Namen. Eines Tages hatte mein Vater offenbar die Faxen dicke von unserem „Rumgelalle“ mit dem Hasenbaby, nahm es vor den Augen von mir und meiner Freundin in die Hand und schmiss es mit voller Wucht gegen die nächste Wand. Es war natürlich sofort tot. „Hab ihm einen Gefallen getan“ entrüstete er sich, als meine Freundin in Tränen ausbrach. Er schmiss es in den nächsten Mülleimer. Ich schaute nur stumpf, schüttelte kurz seufzend den Kopf und tröstete sie dann lange - tatsächlich hatte ich schon damit gerechnet, dass das Kleine so enden sollte. Dass dies jedoch im Beisein meiner Freundin geschehen sollte, überraschte selbst mich. Aber mein Vater hatte manchmal schlechtere Tage und Empathie war noch nie so sein Ding. Als er weg war, kramte ich das Baby aus dem Mülleimer, steckte es in einen kleinen Karton und wir vergruben es im Garten. Dies sollte unser kleines Geheimnis bleiben.


Dass mein Vater nie besonders empathisch war, wurde mir an vielen Stellen meines Lebens klar. Eindrücklich klar wurde es mir jedoch an dem Tag, als er eine wehrlose Häsin brutal mit dem Futternapf erschlug. Er war gerade dabei, die Hasen zu füttern und wir Kinder halfen ihm dabei. Eine Häsin hatte in der Nacht zuvor mehrere Junge geworfen und sah in meinem Vater offenbar eine Gefahr, als dieser die Tür zum Stall öffnete und den schweren, steinernen Futternapf herausnehmen wollte. Sie kam vor und biss ihm in die Hand. Was dann folgte, war jenseits allem was man im Volksmund als „normal“ bezeichnen würde. Mein Vater flippte komplett aus, nahm den Napf und schlug mehrfach mit voller Wucht auf das arme Tier ein. Wir standen mit offenem Mund und völlig geschockt daneben. Wenn ich heute darüber nachdenke wird mir immer noch schlecht. Hasen können schreien. Das wusste ich jedoch schon früher, war die Züchterei meines Vaters und Großvaters - ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen - an vielen Stellen ziemlich barbarisch. Sicher gibt es auch heute noch andere Züchter, die so agieren und unter den älteren ist dies wohl auch ganz normal... aber in meinen Augen sollten die genauso wenig Züchter sein wie ich Raketenwissenschaftlerin. Ich habe da nämlich keine Ahnung davon. Und genauso wenig Ahnung hatten die beiden von Tierwohl. Dass die Häsin diesen Anschlag selbstverständlich nicht überlebt hat, steht außer Frage. Dass die kleinen Hasenbabys ohne der Mutter auch nicht mehr lebensfähig waren... nun, das sollte auch klar sein. Die ganze Sache geriet komplett aus dem Ruder - mein Vater hat sich häufig nicht im Griff, wenn die Emotionen mit ihm durchgehen. Er sieht dann sprichwörtlich rot. Und das ist vor allem für alle, die schwächer sind als er, grenzwertig und teilweise auch gefährlich.


Das Thema „Hund“ war in meiner Familie schon immer ein besonders großes. Wir hatten immer Hunde - und ich spreche bewusst im Plural, denn es waren immer mehrere. Dies hatte zur Folge, dass sich vor allem mein Vater wie aber auch meine Mutter auf die Fahne schrieben und schreiben, sich besonders gut mit Hunden auszukennen. „Ich habe praktisch Tierpsychologie studiert“ verkündete meine Mutter mehrfach selbstbewusst - ohne, dass sie dies jedoch tatsächlich hätte. Okay. Aber einige Folgen Martin Rütter und ein paar Jahre Arbeit mit Hunden sollten ausreichen. Oder?- Wie auch immer durfte man sie in keiner Weise in Frage stellen, wenn es um das Thema Hunde ging. Alle anderen haben keine Ahnung, das ist ja klar. Als ich kleiner war, züchtete mein Vater Deutsche Schäferhunde, sodass wir häufig drei oder vier davon in Hof und Garten herumspringen hatten. Mehrfach wöchentlich verbrachten wir unsere Tage auf dem Hundeplatz, wo meine Eltern Hunde für bestimmte Prüfungen ausbildeten und ausbilden ließen. Die Erziehung dieser Hunde, der Großteil des Einflusses kam durch meinen Vater, war vor allem durch zweierlei geprägt: Einschüchterung und Angst. Wenn die Tiere nicht gehorchten, wurden sie zurechtgewiesen - sprich: auch mal draufgehauen. Der Hund hatte zu „spuren“, koste es was es wolle. Bis zu einem bestimmten Punkt gehe ich da auch konform - habe ich mittlerweile selbst ein Kind und auch einen Hund, der völlig harmlos ist und übrigens wunderbar hört (wenn er will). Ich möchte natürlich nicht, dass dieser meinem Kind gefährlich werden könnte. Aber ich bin nicht der Überzeugung, dass es dazu extreme, physische Maßnahmen bedarf - oder gar das Stachel- oder Stromhalsband. Meine Mutter verbat meinem Vater irgendwann, den Hund zu rufen - er solle nach ihm pfeifen. Warum? Weil mein Vater nicht in der Lage war, ordentlich nach dem Tier zu rufen. Er brüllte danach. Das empfand selbst meine Mutter irgendwann als unangenehm - vor allem deshalb, weil sie nicht wollte, dass andere Leute ein „falsches Bild“ von ihm bekamen. Das „genau richtige Bild“ würde ich eher sagen.


Ambivalent war vor allem die Art und Weise, wie mit Hunden im allgemeinen umgegangen ist. Es gab „gute“ und „schlechte“ Hunde - so trauert mein Vater heute noch seinem ersten eigenen Hund hinterher, was ich auch verstehen kann. Dieser bekam die Sonderbehandlung und wurde im Garten vergraben. Einige Jahre später hatten wir erneut einen Schäferhund, der ebenfalls ein „guter“ war. Auch dieser wurde nach seinem Ableben nicht etwa in die Abdeckerei gekarrt, sondern mit allem drum und dran im Garten vergraben. Aber die spurten auch beide, waren also gut. Tolle Hunde, offenbar. Ja, welche Tiere gut und welche schlecht waren, wurde völlig subjektiv entschieden. Die Hunde hatten sich zu fügen, hatten zu gefallen. Waren sie schwierig, hatte man mehr Arbeit und Aufwand mit ihnen (aus welchen Gründen auch immer) oder waren sie einfach „unbequem“, waren es schlechte Hunde und bekamen entsprechend Abneigung zu spüren, manchmal endeten sie dann halt auch in den Zwinger im Hof. Weil sie schwierig sind - hat nun mal keiner Bock drauf. Mehraufwand wurde nicht geduldet. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass der Hund, den meine Frau und ich heute haben, auch nicht den Standards meiner Eltern entsprochen hätte. „Hat einen Schuss“ hätten sie gesagt und ihn schon früh aufgegeben. Hat wirklich irgendwo einen sitzen. Ist total vorsichtig und erschrickt sich vor allem. Aber ist das doch nicht völlig wumpe? Ist halt ein bisschen komisch, aber sind wir das nicht alle?


Als ich fünf Jahre alt war, bekam ich zwei Katzen geschenkt. Ich freute mich darüber und war ganz aufgeregt. Vom einen auf den anderen Tag waren sie jedoch verschwunden. „Wo sind die denn?“ fragte ich eines morgens. „Weg“ war die kurze und knappe Antwort. Ich gab mich damit geschlagen. Waren halt weg, was soll ich machen. Später erfuhr ich, dass offenbar jemand allergisch auf die Katzen reagiert hatte. Wer das gewesen sein soll, weiß ich gar nicht so genau. Hatten wir später noch einmal eine Pflege-Katze und da hatte auch keiner Probleme damit... aber okay, dass man sie dann weg gibt, kann ich irgendwo natürlich verstehen. Was ich jedoch nicht verstehe, ist dass man noch nicht einmal kurz mit mir darüber gesprochen hat. Mir die Sache erklärt hat. Immerhin waren das meine Katzen. Ersetzt wurden die beiden einige Zeit später durch einen Yorkshire Terrier: Fips. Fips war mein Hund und ich liebte ihn sehr. Er schlief in meinem Bett und war mein bester Kumpel. In meiner Jugend hatte ich irgendwann nicht mehr so irre viel Interesse an ihm, liebkoste ihn jedoch trotzdem immer gerne und ging mit ihm spazieren. Geschlafen hat er dann aber irgendwann bei meinem Bruder im Bett. Weil ich ihn nach meinem Auszug von Zuhause aber „zurückgelassen“ hatte (ihn mitzunehmen wäre auch keine Option gewesen), wurde er plötzlich „der Hund von meinem Bruder“. Mein Bruder gab mir zu verstehen, dass er es asozial fand, wie ich mit Fips umging. Asozial - das war sein Wortlaut. Ich bin von Zuhause ausgezogen, wollte meinen Hund mitnehmen, was leider nicht ging. Bin ohne ihn ausgezogen und habe ihn in der Obhut meiner Familie gelassen. Aber ja, klar - das ist natürlich asozial. Und deshalb war er auch irgendwann nicht mehr mein Hund. Wollte ihn ja nicht mehr. Das ist ja ganz klar. Fips wurde siebzehn Jahre alt. Das ist für einen Hund wahnsinnig alt, selbst für einen so kleinen wie ihn. Meine Eltern entschieden sich eines Tages, ihn einschläfern zu lassen. Mit mir wurde darüber nicht gesprochen. „Musste schnell gehen, hab dich nicht so - hat dich doch die letzte Zeit auch nicht interessiert was mit dem Hund ist“ war die genervte Antwort auf meine Frage hin, wieso man mich nicht mal kurz angerufen hatte. Ich wäre gerne in seinen letzten Minuten bei ihm gewesen. Die Wahrheit ist, dass es niemanden interessiert hat. Erst Tage nach dem Tod meines geliebten Fips wurde ich darüber informiert.


Dass man meinen Eltern und auch vor allem meiner Mutter, da ich zu meinem Vater zu dem Zeitpunkt keinen Kontakt hatte (fun fact: heute habe ich zu beiden keinen mehr) im Punkto „Hundeerziehung“ immer bei allem unreflektiert zustimmen muss, ist ein ungeschriebenes Gesetz. Alles, was meine Mutter zum Thema Hunde zu sagen hat, strotzt vor Kompetenz. Das denkt sie zumindest. Natürlich hat sie Ahnung von Hunden, das will ich ihr auch nicht absprechen. Aber das Problem bei meiner Familie und auch vor allem bei meiner Mutter ist, dass sie, sobald sie davon überzeugt ist dass sie mehr Wissen hat als andere, zu keinerlei Art der Kritik mehr fähig ist und andere Leute nicht zu Wort kommen lässt. Sie behauptet etwas und alle müssen dem ohne wenn und aber zustimmen. Ist es die Wahrheit? Vermutlich zum Teil. Könnte man die Situation dennoch auch anders lösen? Klar. Ist sie offen für andere Vorschläge? Absolut nicht! So hatten wir im Bezug auf unseren Hund bereits einige Punkte, die auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen sind. So wollte unser Hund zu Beginn partout nicht an der Leine durch das Treppenhaus nach draußen laufen - er hatte panische Angst davor. Was haben meine Frau und ich also gemacht? Uns stundenlang mit Leckerli ins Treppenhaus gesetzt und unserem Hund so Stück für Stück die Angst vor eben diesem genommen. Immer, wenn er vorsichtig und neugierig ankam, haben wir uns gefreut und es gab ein Leckerli. So verlor unser Hund nach und nach die Angst. Eines Tages, wir hatten meine Mutter gefragt, was wir noch tun könnten damit unser Hund souveräner an der Leine draußen läuft, kam sie mit ihren eigenen beiden Hunden bei uns vorbei - es wurde wild gestikuliert, unser Hund energisch an die Leine genommen und mittels einer kleinen Schleppleine am Geschirr der anderen Hunde befestigt. „Damit da eine Art Gruppendynamik entsteht“ erklärte sie hektisch. Und hoppla hopp machte sie alle Hunde verrückt und rannte regelrecht wie von der Tarantel gestochen nach draußen - unser Hund völlig überrumpelt im Schlepptau. Der hatte gar keine andere Wahl, als hinterherzurennen. Immer mal wieder bekam er dann auch noch Fleischwurst von ihr gefüttert. Fleischwurst, welche er später wieder auskotzte. Alles in allem war die Aktion so dermaßen übereilt, dass ich in der Retrospektive gar nicht so recht weiß, was das eigentlich wirklich war. Tatsächlich schreibt sie sich seitdem aber auf die Fahne, es wäre ihr zu verdanken, dass unser Hund an der Leine läuft - was aber tatsächlich gar nicht stimmt. Dass unser Hund durch das Treppenhaus geht und draußen an der Leine läuft, ist nicht der wilden Aktion meiner Mutter zu verdanken, sondern der Geduld von mir und meiner Frau, ewig im kalten Gang zu hocken und unseren Hund dort zu streicheln. Und viele Stunden Leinentraining. Da hat die Fleischwurst gar nichts mit zu tun. Wir erziehen unseren Hund ganz offenbar anders, als sie dies tun würde. Das ist aber auch keine Kunst, denn so ziemlich jeder, den ich kenne, erzieht seinen Hund anders als meine Eltern und im speziellen meine Mutter dies tun würde. Und trotzdem funktioniert es da auch. Außerdem ist unser Hund sehr gut erzogen und wahnsinnig lieb, wir haben viel Zeit in die Erziehung gesteckt und waren mit ihm sogar in einer Hundeschule. Ich würde behaupten, es gibt Leute, die da weniger Energie investieren. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Eltern jemals mit einem Hund in der Hundeschule waren. „Die haben da alle keine Ahnung“ - Ja nee, ist klar.


Nachdem sich meine Eltern erneut getrennt hatten und meine Mutter aus der gemeinsamen Wohnung auszog, kam die Frage auf, bei wem der gemeinsame Hund bleiben sollte. Offiziell (also auf den Papieren) gehörte dieser meinem Vater - meine Mutter hatte jedoch stets die meiste Arbeit mit ihm gehabt und rein emotional war es er ohne Frage ihr Hund. Dennoch blieb der Hund bei meinem Vater, was von außen betrachtet niemand so recht verstand. Hatte dieser ja offenbar absolut kein Interesse an dem Tier. Er ging nicht mit ihm spazieren, sein Geschäft verrichtete der Hund morgens und abends mit möglichst wenig Aufwand für meinen Vater im Vorgarten und sonst lag das Tier eigentlich nur herum. Man hat sich nicht mit ihm beschäftigt. Da hätte er es bei meiner Mutter sicherlich besser gehabt. Dies ließ diese längere Zeit nicht so einfach auf sich sitzen und behauptete immer wieder, dass sie alles daran setzen würde, den Hund bei sich zu haben. Tatsächlich wurde dann gar nichts gemacht. Als der Hund eines Tages verstarb, war sofort klar: mein Vater würde sich beizeiten wieder einen Hund zulegen. So kam es dann auch, dass er sich vom Züchter einen Schäferhund holte. Mit dem er zwar offenbar einmal wöchentlich zum Hundeplatz geht, er sonst jedoch keinen Aufwand in Form von Spaziergängen oder ähnlichem betreibt. Sein Geschäft erledigt der Hund, indem mein Vater die Terassentür für ihn öffnet - im Vorgarten. Auch kam uns zu Ohren, dass das Tier beißt. „Ist halt nicht ausgelastet“, wäre meine Vermutung. Meine Mutter tönte zuvor immer wieder, sie würde den Tierschutz informieren und es nicht zulassen, dass mein Vater sich erneut einen Hund zulegt. „Der kann mit Tieren nicht umgehen!“ und „Der hat doch keine Ahnung von Hunden“ hieß es. Beides bestätigte ich jedes Mal und auch heute bin ich der Überzeugung, dass es nur wenige Menschen gibt, die schlechter für Tiere sind als mein Vater. Nachdem der Hund dann aber dort eingezogen war, wollte plötzlich niemand mehr etwas davon wissen, dass originär ständig getönt wurde, man würde den Tierschutz einschalten und alles daran setzen, dass dieser Mann keinen Hund mehr hat. Als meine Frau und ich dies dann eines Tages aufbrachten, schaute man uns an, als hätten wir sie nicht mehr alle. Auch, dass wir sagten, unser Kind würde niemals diesen Hund kennenlernen, stieß auf völliges Unverständnis.


Im vergangenen Jahr gab es auch im Bezug auf unseren Hund viel Konfliktpotenzial mit meiner Mutter. Sobald wir in ihrer Wohnung waren, sprach sie uns jegliche Befugnis ab, Anweisungen an unseren Hund zu erteilen. Er soll nicht in die Küche, weil er das zuhause auch nicht soll - abgelehnt. Er soll nicht auf das Sofa, weil er das zuhause auch nicht soll - ebenfalls abgelehnt. Der Hund steht neben dem Tisch und bettelt nach Essen? Ist doch in Ordnung! Der Hund soll dieses und jenes Leckerli nicht bekommen, weil er nachweislich Verdauungsprobleme davon bekommt und uns zuhause den Teppich im Gang voll kotzt? Egal! „Meine Wohnung, meine Regeln!“ wurde meiner Frau einmal mitgeteilt, als diese unseren Hund aus der Küche schicken wollte weil gerade gekocht wurde und er penetrant direkt neben dem Herd stand und gebettelt hat. Man hat uns über Jahre hinweg mehr als deutlich gemacht, dass man die Art und Weise, wie wir unseren Hund erziehen, nicht gut findet. Bis wir irgendwann aufgehört haben, ihn überhaupt mitzubringen. Aber auch das wurde selbstverständlich nicht verstanden. „Der Hund ist so gerne hier!“ Ja, das mag sein. Der Hund weiß aber auch nicht, dass es besser ist, nicht auf eine vollbefahrene Straße zu laufen. Und dass, wenn es draußen donnert und blitzt, uns nicht der Himmel auf den Kopf fällt. Unser Hund weiß nur: jawoll, da ist Action. Geil! Tatsächlich ist es mehr als nur einmal vorgekommen, dass unser Hund vor lauter angestachelter Ekstase, meine Mutter zu sehen, auf dem Boden ausgerutscht ist und sich den Kopf mit voller Wucht an einem Möbelstück angeschlagen hat. Aber wenn man den Hund auch dermaßen anstachelt, wie das übrigens von niemandem außer meiner Mutter gemacht wird, wundert mich das auch nicht. Es ist wie Freude auf Steroide - völlig durchgeknallt und absolut nicht gesund. Unser Hund freut sich im Vergleich übrigens auch wahnsinnig, wenn er auf meine Schwägerin trifft. Schon wenn sie mit dem Auto vor fährt, steht er auf und wedelt ganz aufgeregt mit dem Schwänzchen während er durch das Fenster beobachtet, wie sie zur Haustüre läuft. Aber das ist kein Vergleich zur Art, wie abgegangen wird, wenn meine Mutter kam. Wahrscheinlich, weil meine Schwägerin und auch sonst jeder normal mit dem Hund umgeht und ihn nicht völlig sinnlos aufputscht. Normalerweise läuft unser Hund einwandfrei an der Leine und auch ohne Leine bewegt er sich nie zu weit von uns weg - schaut immer nach uns und verhält sich astrein. Sobald wir jedoch mit meiner Mutter und/oder meinem Bruder einen Spaziergang unternommen hatten, verhielt sich der Hund komplett daneben, hing in der Leine, hörte überhaupt nicht mehr und lief kreuz und quer. Dies wurde dann immer zum Anlass genommen, uns extra viel zu korrigieren und Tipps zu geben - Tipps, die wir nicht brauchten, weil wir wussten, dass sich der Hund, sobald die beiden weg waren, wieder benehmen würde. Auch diese Manier kannte ich so von niemand anders. Verhält sich unser Hund immer bei allen mehr oder weniger ordentlich - klar, manchmal ist er vielleicht ein wenig schaulustiger, vor allem wenn andere Hunde dabei sind, aber er hört. Nicht so in Anwesenheit meiner Mutter und meinem Bruder.


Ebenfalls Vorreiter im Punkto „schlechte Manier“ im Bezug auf die Hundehaltung ist übrigens auch mein Bruder. Er hat noch nie einen eigenen Hund erzogen, ist aber davon überzeugt, dass er mir erklären kann, wie das zu laufen hat. Und nimmt sich zudem ständig das Recht heraus, andere Hunde zu disziplinieren. Kein einziger Hund, den er jemals an der Leine hatte, lief ordentlich neben ihm her - aber alle Hunde laufen ja super bei ihm. Sagt er zumindest. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir im Februar vor einigen Jahren gemeinsam mit den Hunden einen Schneespaziergang unternommen hatten. Der Hund unseres Vaters, welcher mein Bruder dabei hatte, lief etwas konfus neben diesem her und hat nicht gehorcht, als mein Bruder ihm ein Kommando gegeben hat. Also hat er ihm den schweren Griff der ausziehbaren Leine auf den Kopf geknallt. Derselbe Hund hat einige Zeit später meine Frau angeknurrt. Sie saß auf dem Sofa, der Hund stand daneben. Die beiden schauten sich von der Höhe her etwa in die Augen. Es ging um ein Spielzeug, der Hund meines Vaters fand es offenbar uncool, dass er das nicht bekam und fletschte, an meine Frau gerichtet, die Zähne. Dabei muss man sagen, dass er, hätte er zugeschnappt, das unweigerlich eine Fahrt ins Krankenhaus ausgelöst hätte. Als das später angesprochen wurde, hat man meine Frau ausgelacht. „Das würde der Hund doch nicht tun!“ hieß es. Sie übertreibe ja maßlos! Die Situation ist bezeichnend dafür, dass meine Eltern und auch mein Bruder offenbar immer der Meinung waren und sind, ihnen mache im Punkto Hundeerziehung niemand etwas vor und kein Hund von ihnen würde jemals jemandem gefährlich werden. Ich hätte meine Hand dafür nicht ins Feuer gelegt. Auch heute hat mein Vater wieder einen Schäferhund. Ich weiß sicher, dass mein Kind niemals in den Genuss kommen wird, mit dem Tier gemeinsam im selben Raum zu sein. Und das, obwohl er ja garantiert „niemandem etwas tut“.


Ich tue mich auch heute noch schwer damit, eine Bindung zu einem Tier aufzubauen. So ist meine Verbindung zu unserem Hund beispielsweise auch eine völlig andere als die meiner Frau - ich sehe den Hund, bedingt durch meine dahingehend prägende Erziehung, leider nicht gänzlich als vollwertiges Familienmitglied an. Es ist halt unser Hund, Punkt. Ist der Hund das große Geschwisterchen meines Kindes? Nein. Schläft der Hund in meinem Bett? Auch nein. Größere Hunde wurden in meiner Kindheit immer anders behandelt als kleinere Hunde. Kleine Hunde hatten immer schon mehr Freiheiten, gehörten immer zur Familie, wurden ganz anders behandelt als große Hunde. Große Hunde wurden gezüchtet, die mussten „funktionieren“, das Fell wurde beurteilt, die Haltung, das Wesen - einfach alles. Alles wurde unter die Lupe genommen und der Hund völlig „entmenschlicht“. So geht es mir ebenso mit Kaninchen, Hasen, Tauben und auch Hühnern. Sehe ich hier ein Muster? Natürlich. Wird unser Kind später trotzdem ein Kaninchen bekommen, wenn er eines möchte? Selbstverständlich! Ich kann jedoch nicht verneinen, dass die Art der Erziehung im Bezug auf unsere tierischen Begleiter mein heutiges Leben und meine Anschauung stark einfärbt. Es fällt mir außerordentlich schwer, Empathie und Mitgefühl für ein Tier zu entwickeln, bei mir weitet sich dies im Gegensatz zu meinen Eltern allerdings auch weitestgehend auf kleine Hunde aus. Ich arbeite daran, mich dahingehend zu optimieren und gesellschaftsfähiger zu werden - aber es ist schwer. Dass ich einem Tier selbstverständlich niemals Gewalt antun würde, ist klar. Seine eigene Machtposition, die man zweifellos innehat wenn man ein Mensch ist, gegenüber eines schwächeren Lebewesens auszunutzen, ist das aller letzte. Ich hatte in meiner Kindheit einige abschreckende Situationen, die mich geprägt haben. Die Entscheidung, selbst einen Hund zu haben, wurde unter anderem aus dem Grund getroffen weil ich daran wachsen wollte. Mit dem Tier gemeinsam wachsen und so gewisse Dinge aufarbeiten. Das hat funktioniert, wenngleich ich auch schmerzlich an einige Situationen zurückdenken muss, in denen ich nicht so reagiert hatte, wie ich es eigentlich wollte und heute tun würde. Aber dass ich es erkannt habe und heute anders agiere, zeigt mir, dass ich lerne. Und ich lerne immer weiter. Und dafür muss ich sagen: das geschieht nicht zuletzt dank meines eigenen Hundes, den ich hoffentlich in Zukunft als vollwertiges Mitglied der Familie anerkennen kann.


 
 
 

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