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Gefahrenzone

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 27. Jan. 2025
  • 13 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Jan. 2025

„Ähm... Sophia... bist du dir echt sicher?“ fragt meine beste Freundin Luisa als ich ihr von meiner neuen Schwärmerei erzähle und ihr ein Bild zeige. „Aber die ist so...“ weiter kam sie nicht. „Ja! Ich glaub, ich mag sie!“ bestätige ich entschlossen und trinke das Glas Wodka-Energy, das vor mir steht, auf einen Schlag leer. Luisa schaut mich nachdenklich an, setzt erneut an etwas zu sagen, überlegt es sich dann jedoch anders. Sie steht auf, um sich seufzend ein weiteres Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Wir sind beide achtzehn Jahre alt und bereiten uns vor, einen schönen Abend mit Freunden in einer Diskothek in der Innenstadt zu verbringen.


Einige Tage zuvor hatte ich begonnen, mit einem Mädchen aus der Nähe zu schreiben. Wir fanden uns auf einem Dating-Portal und sie mich offenbar optisch ansprechend. An besagtem Abend hatte ich originär vorgehabt, mit Freunden feiern zu gehen, wurde dann jedoch kurzfristig krank und blieb zuhause. Etwas genervt meldete ich mich also, primär aus reiner Langeweile, bei besagtem Portal an und scrollte durch die vor mir erschienene Trefferliste. Ich hatte keine Ahnung, wonach ich genau Ausschau hielt. Einige Wochen zuvor hatten sich mein Freund und ich getrennt - ich schaute mir einige Profile weiblicher Nutzerinnen an und klickte aus Spaß auf ein Profil einer blonden Dame aus der Nachbarstadt. „Hm...“ ich war unschlüssig und klickte weiter. Einige Sekunden später bekam ich überraschend eine Nachricht von besagter Dame und so kamen wir ins Gespräch. Es kam letztlich dazu, dass wir den gesamten Abend miteinander schrieben und dann auch unsere Telefonnummern austauschten. „Wollen wir uns mal treffen?“ fragte sie und ich stimmte, etwas überrumpelt, zu.


Am kommenden Wochenende verabredeten wir uns, um in einen Club zu gehen und dort ein wenig Spaß zu haben. Sie kam aus der Nachbarstadt und musste zufälligerweise dieselbe Bahn wie ich nehmen. Also trafen wir uns dann direkt im Zug. So hatten wir auf der Fahrt auch noch etwas Zeit, uns ein wenig kennen zu lernen und miteinander zu quatschen. Ich war aufgeregt. Mein Herz schlug mir bis zum Hals als ich die gelbe Bahn leise auf mich zufahren sah und sich die Türen dann mit einem Ruck öffneten. Ich trat ein und ging langsam den Gang entlang, links und rechts Ausschau haltend. „Komisch, sie hat doch gesagt, dass sie diese Bahn nimmt?“ Ich war etwas verwirrt und schaute mich erneut um. Dann sah ich da jemanden, der mich angrinste. Ein blondes Mädchen, etwas älter als ich. Sie saß in einem Zweier-Abteil und winkte mir kurz zu. Ich winkte zurück und trat irritiert näher. Auf dem Foto sah sie anders aus. „Na, egal - muss sie ja nicht heiraten“ dachte ich kurzum und setzte mich neben sie.


Der Abend war... puh, etwas sonderbar. Ich fand mein Date auf eine Art, die ich nicht so recht in Worte fassen kann, eigenartig. Sie hatte eine etwas unangenehme Ausstrahlung und Art, zu reden - in der Retrospektive weiß ich, dass das nichts gutes bedeutete und ich auf mein Bauchgefühl hätte hören sollen. Und doch ließ ich mich irgendwie in ihren Bann ziehen. Wie sie das geschafft hat, kann ich heute überhaupt nicht mehr verstehen. Schrie doch alles an ihr: RED FLAG! Als ich an besagtem Abend nach Hause lief, war mir klar: „Das wird nichts“ Sie ist einfach nicht mein Typ, finde sie unbehaglich und irgendwie auch unangenehm. „Na, ich muss ja auch nicht die Erstbeste nehmen - gibt noch genug andere da draußen“ Gedanklich hatte ich bereits abgeschlossen und fokussierte mich die nächsten Tage auf andere Dinge.


Einige Tage später klingelte mein Handy. „Hey, Sophia-Schatz“ stand da. Sender: Dina. „Oh“ entfuhr es mir. An die hatte ich schon gar nicht mehr gedacht. Ich befand mich zu der Zeit gerade in meinem zweiten Lehrjahr und die Lehrer überfluteten uns mit zunehmend anspruchsvollen Aufgaben. Man merkte deutlich, dass es jetzt langsam um etwas ging - außerdem war ich so oft unterwegs mit meiner besten Freundin Luisa, dass ich gefühlt häufiger Alkohol im Blut hatte als ich es nicht hatte. „Luisa“ tippte ich in mein Handy. „Drei Mal darfst du raten, wer geschrieben hat“.


Meine Freundin Luisa war von Haus aus neugierig. So kam es dazu, dass sie mich dazu überredete, Dina doch einmal mitzubringen, wenn wir wieder einmal mit unseren Freunden in die Stadt gingen. Ich war anfänglich skeptisch - wusste ich, dass Dina da eigentlich nicht dazu passen würde. Und außerdem wusste ich auch nicht so recht, was meine Freunde von ihr halten würden. Wobei, eigentlich hatte ich auch gar nicht vor, dass aus Dina und mir mehr wird als jetzt, also... warum nicht. Sie kam mit und wir verbrachten einen katastrophalen Abend an dem Dina so dermaßen viel Alkohol trank, dass sie am Schluss nicht mehr selbstständig gehen konnte. Es war sehr unangenehm und ich froh, als der Abend vorüber war. Anschließend ließ sie jedoch nicht locker. Sie bombardierte mich mit SMS, schrieb mir oft und rief mich häufig auch mehrfach hintereinander an. Ich war völlig überfordert mit der Situation, traf mich jedoch - eine fatale Entscheidung - erneut mit ihr. Und so entwickelte sich eine Dynamik, von der Dina natürlich davon ausgehen musste, dass ich ebenfalls Interesse an ihr hätte.


Eines Abends erzählte sie mir, sie wäre dabei, sich in mich zu verlieben. Ich wusste überhaupt nicht, was ich darauf antworten solle. Ich war nicht verliebt. Doch ich war schon so tief in diesem... etwas... wie auch immer man diesen Zustand mit Dina nennen konnte, gefangen, dass ich für mich keinen Ausweg mehr sah. Also ließ ich mich weiterhin darauf ein, Zeit mit ihr zu verbringen. Dina und ich unternahmen immer häufiger etwas miteinander und schließlich und endlich kam es zum Unvermeidlichen: wir entschieden uns, ein Paar zu sein. Also - Dina entschied dies für uns. Auf einem Fest in meiner Heimatstadt, es war reichlich Alkohol im Spiel - und ich stimmte ihr etwas zögerlich zu. Am nächsten Tag bereute ich jedoch meine voreilige Entscheidung, rief Dina an und erklärte ihr, dass ich Zeit bräuchte und es mir leid täte, dass ich ihr falsche Hoffnungen gemacht habe. Zumindest für den Moment allerdings noch nicht mit ihr zusammen sein wollte. Bei dem bloßen Gedanken daran, fühlte ich mich seltsam eingesperrt und ich bekam schlechter Luft.


Sie war sauer auf mich. Was mir einfiele, so mit ihren Gefühlen zu spielen. Sie legte auf. Eine absolut verständliche Reaktion, das weiß ich heute auch. Und dass meine gesamte Art, wie ich mit ihr umging und ihr auf diese Weise Hoffnungen machte nicht in Ordnung war, weiß ich heute auch. Aber ich war achtzehn und hatte keine Ahnung, was ich wollte. Ich wusste nur, ich will jemanden. Ich will jemanden, der mich sieht - zu dem ich gehen kann, der mich hier raus holt. Eine Aussicht auf Besserung, jemanden, der mich rettet. Ich frage mich, wie ich mir das vorgestellt habe. Völlig irre, da die erstbeste Person zu nehmen, die sich mir bereitwillig in den Weg stellt. Natürlich. All dies weiß ich heute selbstverständlich auch. Damals wusste ich allerdings gar nicht, auf was ich mich einließ. Dass sie sauer auf mich war, löste etwas in mir aus. Ich hatte Angst, sie zu verlieren. Also fuhr ich zu ihr. Redete mit ihr und, nach einigem Ringen mit mir selbst, stimmte ich ihr zu, ihre Freundin zu sein. Sie stellte mir ein Ultimatum. Ich musste mich entscheiden - und damit sie nicht mehr sauer auf mich war und ich sie nicht verlor, entschied ich mich für das exakt falsche.


Dina hatte in ihrem Elternhaus im Erdgeschoss einen Bereich für sich - mit eigenem Bad, Wohn- und Schlafzimmer. Einzig die Küche teilte sie sich mit ihren Eltern. Ich fand das damals richtig cool - hatte ich, wie die meisten Jugendlichen die noch zuhause wohnten, nur mein Kinderzimmer. So verbrachten wir die Wochenenden fortan ausschließlich bei ihr, denn Dina gab mir recht schnell zu verstehen, dass sie meine Eltern und mein Elternhaus nicht besonders gut fand. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass es unheimlich dreckig war und alles notdürftig zusammengeflickt wurde. Nicht gut genug für Dina. Und irgendwann sah ich es dann auch - ich fand es nie so schlimm wie sie, aber doch, es ließ sich nicht leugnen dass es bei anderen durchaus ordentlicher war. Aber auch allgemein war es mir nicht unrecht, zu ihr zu gehen - so war ich zumindest weg von zuhause und meinen Eltern, die Dina nicht ausstehen konnten. Meine Mutter verwendete immer bitterböse Schimpfwörter, wenn es um sie ging. Was nicht unbedingt dafür sorgte, dass ich sehr viel Möglichkeit darin sah, mit ihr darüber zu sprechen, was wirklich geschah.


Dina und ich unternahmen Dinge in ihrer Heimatstadt, ich traf ihre Freunde und lernte ihre Schwester und deren Freund kennen. Die Schwester löste in mir eine Art Faszination aus - so wollte ich auch sein. Dina schwärmte in den höchsten Tönen von ihr. Die Schwester hatte eine eigene Wohnung mit ihrem Freund, hatte Stil, war politisch engagiert, beliebt und hatte eine Vision. Alles, was ich nicht hatte. Und - und das weiß ich im Nachhinein auch - Dina auch nicht hatte. Die stand nämlich Zeit ihres Lebens im Schatten ihrer kleinen Schwester. Weder war sie optisch so ansprechend wie ihre Schwester, noch hatte sie einen so tollen, im Beruf erfolgreichen Freund wie ihre Schwester, oder so viele Freunde sie - ihre Schwester war ganz offensichtlich das Aushängeschild der Eltern, das Paradepferd. Und Dina hatte maximale Minderwertigkeitskomplexe. Aber davon hatte ich damals keine Ahnung.


Was ich jedoch schnell verstand war, dass ich offenbar keinen Stil hatte. Dass ich zu lange Haare und dichte Augenbrauen hatte, dass meine Nägel zu lang und auffällig waren, ich mich zu sehr schminkte, dass meine Kleidung zu günstig aussah, dass ich die falschen Bücher las und zu viel mit meinen Freunden unternahm. „Schau mal, dass du etwas erwachsener wirkst“ fasste Dina zusammen. Nach und nach änderte ich mein gesamtes Erscheinungsbild. Ich schnitt meine Haare, meine Nägel trug ich fortan ausschließlich kurz und dezent lackiert, ich schminkte mich kaum noch und legte Wert auf teure Klamotten. Und meine Freunde... naja, die muss ich ja nicht ständig um mich herum haben. Luisa? Vanja? Die waren ja sowieso nicht gut für mich. „Saufen zu viel“, entschied Dina. Gut, dass Dina beim Umgang mit Alkohol immer so vorbildlich war, dachte ich.


Eines Tages wollten Dina und ich zu einem Fest in meiner Heimatstadt gehen, wo wir auch meine Freundin Vanja trafen. Diese wanderte mit dem Blick kurz über Dina, schaute dann mich an und biss sich schließlich auf die Lippen. „Oh Vanja, reiß dich bitte zusammen“ dachte ich nur. Vanja war ein von Grund auf ehrlicher Mensch und fasste stets in ein, zwei kurzen Sätzen so dermaßen präzise Dinge zusammen, für die ich eine halbe Stunde brauchen würde. Sie sagte nichts. Später am Abend, das Fest befand sich im Freien, suchte Dina eine Toilette. „Glaub, da hinten sind welche“ ich deutete in die Richtung, in welcher ich die WCs vermutete. „Okay, bis gleich“ Dina trottete schwerfällig los. Als diese außer Hörweite war, wandte sich Vanja zu mir und fragte mich ganz direkt, ob das eigentlich mein Ernst sei. „Die ist unmöglich Sophia - schau dir die doch mal an. Und hast du ihren Blick gesehen? Völlig irre“ Ich war überrascht - selbst für Vanjas Verhältnisse war das sehr viel Ehrlichkeit. „Ich weiß, sie ist etwas speziell...“ „Speziell?!“ unterbrach sie mich. „Die passt null zu dir, die ist ganz schlimm!“ Ich biss mir auf die Zunge. Eine halbe Stunde später versuchte ich, Dina zu erreichen. „Netz überlastet“ stellte ich an Vanja gerichtet fest. Wir gingen also in Richtung Toiletten und suchten meine Freundin. Keine Spur. „Die wird schon wieder auftauchen, oder? Hast sie ja angerufen, das sieht die doch - komm, wir gehen da drüben was trinken. Da haben wir alles im Blick und sehen auch, wenn sie wieder auftaucht“ Ich stimmte ihr zu, tippte noch hastig eine SMS an Dina und trank dann mit Vanja einen Caipirinha. Gott, war der gut. Wir unterhielten uns angeregt und hatten eine schöne, ausgelassene Zeit - bis plötzlich mein Handy klingelte und eine Unmenge an SMS auf einmal hereingeflattert kamen. Zudem mehrere SMS mit der Information, dass man mich mehrfach versucht hat, telefonisch zu erreichen. Das Netz war überlastet gewesen - das hatte ich ja völlig vergessen. Dina war außer sich. „Ich bin auf dem Weg nach Hause - entweder, du kommst nach oder du brauchst dich nie mehr blicken lassen“ las ich. Ich rief sie an - wieder kein Netz. „Vanja, ich glaub ich muss ihr hinterher fahren“ teilte ich dieser mit und kippte meinen Caipirinha herunter. „Tu was du nicht lassen kannst“ kommentierte diese und umarmte mich zum Abschied.


Dina war wutentbrannt. Als ich am Bahnhof in ihrer Heimatstadt ankam, würdigte sie mich keines Blickes. Auch auf der Fahrt mit dem Auto redete sie nicht mit mir. „Du kannst bei mir übernachten aber morgen will ich, dass du deine Sachen packst und gehst“ Okay. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals, den ich mühsam versuchte, herunterzuschlucken. Es hatte keinen Zweck, mit ihr zu sprechen. All meine Erklärungen wollte sie nicht hören. Ich hatte verkackt. Ganz eindeutig. Am nächsten Morgen stand ich auf, kramte meine Sachen zusammen und lief Richtung Bus. Sie kam mir hinterher. Ob das mein Ernst sei, einfach so zu gehen. Ich war völlig irritiert, hatte sie mir doch genau dies angeordnet. Wir sprachen uns aus, sie erklärte mir umständlich und unter Tränen, wie schlimm ich zu ihr gewesen sei und dass sie bisher noch niemand so schlecht behandelt hätte wie ich, sie mir gar nicht mehr vertrauen könne. Und dass ich das wieder gutmachen muss.


Dieses „Wiedergutmachen“ äußerte sich daraufhin auf die Weise, dass sie mir nach und nach den Umgang mit meinen Freunden und auch meiner Familie untersagte. Als wir einmal essen waren und mein Handy klingelte, ging ich kurz nach draußen, damit ich in dem sonst sehr stillen Wirtsraum niemanden störte. Ich telefonierte kurz mit meiner Mutter und kam dann wieder herein. Dann war die Hölle los - sie wollte meine Anrufliste sehen, welche ich ihr auch bereitwillig zeigte. Ich hatte ja nichts zu verheimlichen. Aber das war nicht genug. Sie konnte mir schließlich nicht mehr vertrauen und ich die Liste ja auch manipuliert haben. Nach dem Essen überlegte sie, ob sie mich überhaupt in ihr Auto ließ oder einfach ohne mich weg fuhr. Ich kannte mich in der Stadt nicht aus, was sie wusste. Dies geschah auch nach einem Kinobesuch. Meine Freundin Luisa schrieb mir eine SMS, welche ich kurz las und mein Handy dann wieder einsteckte. Dina unterstellte mir, ich würde ihr etwas verheimlichen, hätte wahrscheinlich neben ihr noch weitere Liebschaften - ich zeigte ihr das Handy mit der SMS und versuchte, sie zu beruhigen. Sie gab nicht klein bei, beharrte auf hanebüchene Dinge und dass ich sie selbstverständlich, als notorische Lügnerin, erneut anlügen würde. Angelogen hatte ich sie tatsächlich nie. Auch an diesem Tag drohte sie damit, mich einfach stehen zu lassen. Gut, dachte ich, lässt du mich halt stehen. Was auch immer. Ich hatte diese Situation mittlerweile schon so oft erlebt, dass es mir zunehmend egaler wurde. Finde schon einen Weg zurück. Zur Not mit dem Taxi. Mittlerweile weiß ich, dass das ihrerseits ein klassisches Machtspiel war und sie mir damit demonstrieren wollte, dass sie am längeren Hebel sitzt und ich gewissermaßen von ihr abhängig bin. Wegen ihrer, ohne Zweifel krankhaften, Eifersucht sperrte sie mich bei sich zuhause in der Wohnung ein und beschlagnahmte mein Handy - damit ich, so sagte sie zumindest, nicht „abgelenkt würde“. Ich könnte ja mit anderen Menschen kommunizieren und sie verlassen. Zeitweise blockierte ich über die Wochenenden auch meine Freunde, vor allem Luisa und Vanja, damit keine SMS von ihnen eintraf. Ich musste intim mit Dina werden, wann auch immer sie das entschied. Ob ich wollte, oder nicht spielte keine Rolle. Ein „Nein“ wurde nicht geduldet. Sie konnte mich behandeln, wie sie das wollte - wenn ich mich nicht ordentlich verhielt und fügte, gab es Ärger - dieser konnte durchaus auch physischer Natur sein. Ich hatte zu gehorchen. Schließlich hatte ich ja niemanden außer ihr. Das redete sie mir zumindest über Wochen und Monate ein. Und irgendwann sah ich selbst ein: Nee, da ist keiner. Ich kann froh sein, dass Dina sich überhaupt mit mir abgibt.


Wir besuchten ein Konzert in einer weiter entfernten Stadt und während des Konzertes entschied sich Dina dazu, auf die Toilette zu gehen. „Okay, ich komme mit“ schrie ich ihr in der Menschenmenge zu. „Nein, ich komme gleich wieder“ schrie sie zurück. Na, von mir aus. Ich war mitten in der Menschenmenge - wie die mich hätte finden sollen, war mir schleierhaft. Aber gut, warum nicht. Was soll ich sagen - sie fand mich natürlich nicht mehr. Ich sie aber auch nicht. Irgendwann später an diesem Abend fand ich sie dann doch weinend auf einer Treppe. Ich wusste erst überhaupt nicht, was los ist und dachte, es wäre etwas passiert. Es stellte sich jedoch heraus, dass sie enttäuscht und sauer war - hatte ich sie schließlich angeblich gar nicht gesucht. Es wäre mir ja völlig egal gewesen, ob sie da ist oder nicht. Ich hätte mehr Spaß ohne sie mit irgendwelchen Typen gehabt. Wer diese Typen gewesen sein sollten, weiß ich bis heute nicht. Ich versuchte sie die gesamte Fahrt ins Hotel davon zu überzeugen, dass ich sie gesucht aber nicht gefunden hatte und stieß auf taube Ohren. Ich solle ihr nichts vormachen, sagte sie. Sie kenne mich. Tatsächlich lag mir nichts ferner als mich in einer fremden Stadt von der Person zu entfernen, mit der ich gekommen bin - hatte ich immer schon viel zu viel Schiss davor gehabt, man würde sich nicht mehr finden und ich wäre irgendwo im nirgendwo aufgeschmissen und müsste schauen, wo ich bleibe. Dina lag mit der Aussage, sie würde mich kennen, unglaublich daneben.


Auf der Heimfahrt nach Hause am nächsten Abend suchte ich das Gespräch mit ihr. „Dina, irgendwie läuft das nicht so rund bei uns“ fing ich an. Ich kam zu dem Schluss, dass wir irgendwie nicht gut füreinander sind und wir uns das vielleicht nochmal überlegen sollten. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits so viel Schiss vor ihr, dass ich nur noch versuchte, sie mit der Aussage nicht zu verärgern. Aber die paar Sätze, die ich gesagt hatte, reichten aus. Sie fuhr mit dem Auto an einen verlassenen Parkplatz - neben uns standen drei oder vier LKWs. Es war bereits Abenddämmerung. „Steig aus“ befahl sie. Ich zögerte. „Jetzt, verdammt“ Ich tat wie geheißen. Sie zog die Beifahrertür zu und fuhr los. Ich stand da wie ein begossener Pudel und schaute den Rücklichtern hinterher, die immer kleiner wurden. Oh mein Gott. Mein Herz raste wie verrückt, ich suchte nach meinem Handy. „Scheiße“ murmelte ich panisch, als mir klar wurde, dass das noch im Auto von Dina war. „Verdammte Scheiße“ Ich lief auf und ab, meine Gedanken rasten. Was mache ich denn jetzt? Eine gefühlte Ewigkeit später traf ich eine Entscheidung: Ich musste einen von den Truckern wecken und fragen, ob ich telefonieren dürfe. Okay. Ich lief in Richtung der LKW als ein Auto neben mir anhielt. „Steig ein“ sagte Dina.


Einige Wochen später trennte ich mich von ihr. Es kam zu einem Gespräch. Ein halbes Jahr darauf schrieb sie mir eine lange E-Mail. Sie vermisse mich und würde öfter an meinem Elternhaus vorbeifahren - nur um zu schauen, ob mein Auto da stand. Einmal habe sie mich auch gesehen, schrieb sie.


Luisa war heilfroh, als Dina endlich Geschichte war. „Alter, die war so abartig“ sagt sie auch heute noch. Und ich stimme ihr lachend zu. Heute kann ich das. Ja, Dina war echt abartig. Die Frau war Narzissmus in Reinform, absolut toxisch und hochgefährlich. Sie wollte mich besitzen und das hat sie auch eine Zeit lang getan. Auch heute habe ich immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich mich in der Nähe ihres Wohnortes aufhalte, was glücklicherweise nicht häufig vorkommt. Die Erinnerungen sind allerdings immer noch so real, als wäre es gestern gewesen.


Dina war meine Flucht nach vorne - und mitten ins Verderben. Ich suchte verzweifelt jemanden, der für mich da war wenn es sonst niemand war. Und fand sie. Dass sie mich über das halbe Jahr, in dem wir zusammen waren, so kaputt machen würde, war mir vorher natürlich nicht klar. Hätte ich das gewusst, wäre meine Entscheidung selbstverständlich eine andere gewesen. Ich wäre direkt am Anfang, als ich sie das erste Mal sah, wieder aus der Bahn ausgestiegen. Hätte meine Nummer gewechselt, direkt alle Türen und Tore geschlossen. Ich veränderte mich optisch, mein Wesen veränderte sich - ich wurde gebrochen. War ein völlig anderer Mensch. Es ist mir unbegreiflich, dass es niemanden gab, der das bemerkt hat und zum Anlass genommen hat, mich aus dieser Situation zu befreien. Oder zumindest das Gespräch mit mir zu suchen, zu fragen, wie es mir geht. Ich hatte um Hilfe gebeten - wenn auch nicht verbal. Dina war meine Lektion fürs Leben. Und was für eine.

 
 
 

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