Verwandt aber nicht verbunden
- Sophia A. Marten

- 27. März 2025
- 7 Min. Lesezeit
Lange Zeit habe ich überlegt, ob ich all dies überhaupt aussprechen oder gar öffentlich teilen sollte. Doch da ich meinem Vater vor vielen Jahren bereits einen sehr offenen Brief geschrieben habe in dem ich die ganzen Themen ausgepackt hatte, fühlt es sich für mich nicht so an, als wäre ich damit bisher schweigend durch mein Leben gegangen. Tatsächlich hat er auf diesen Brief nie reagiert, ich bekam wenn überhaupt eher Gegenwind: was mir einfalle, ihm dies alles zu schreiben. Abgetan wurde der Brief dann als „über dreißig Seiten Vorwürfe“, was jedoch ferner der Realität nicht sein könnte und es mich stellenweise daran zweifeln ließ, ob er den Brief überhaupt wirklich gelesen hat. Im Nachgang wird der verzweifelte Versuch meinerseits, Klarheit mit meinem Vater zu erhalten und auch gewissermaßen eine Art letzter Kontaktversuch meinerseits negativ ausgelegt. Mein Bruder, der den Brief nie selbst gelesen hat und daher auch nicht wissen kann, was drin steht, bezeichnete ihn als „scheiß verfickten Brief“ und machte eine wegwerfende Handbewegung. Er neigt leider dazu, deutlich zu locker auch mit Schimpfwörtern der richtig üblen Art umzugehen. Was sich auch auf unsere letzte Unterhaltung erstreckte, die vor allem deshalb nichts als verbrannte Erde zurückließ. Ich, die damals während dieses Prozesses des Briefeschreibens wochenlang damit beschäftigt war, die richtigen Worte zu treffen und viel Energie in diese Form der Kontaktaufnahme gesteckt hatte, war daraufhin sehr betroffen und auch gewissermaßen frustriert.
Manchmal braucht es einfach Worte, um das Unaussprechliche zu erfassen. Worte, um die eigene Geschichte, das eigene Gefühlsleben, nicht länger unter dem Teppich zu verstecken.
Mein Vater war nie der Held meiner Kindheit. Vielleicht hätte ich mir das zwar gewünscht, doch Realität und Wunschvorstellung lagen in meinem Leben häufig meilenweit voneinander entfernt. Schon früh war klar: ich bin nicht das Lieblingskind. Denn das war mein Bruder. Mein jüngerer Bruder stand als Stammhalter stets an erster Stelle, ob subtil oder ganz offen - ich war immer und ausnahmslos diejenige, die sich hinten anstellen musste, die übergangen wurde, schlecht behandelt, instrumentalisiert, diffamiert und herabgewürdigt wurde. Oft offen, manchmal auch ganz leise. Mit Blicken, Gesten, einem unterschwelligen Tonfall, der mir das Gefühl gab, nicht gut genug zu sein. Meine Gefühle wurden nie wirklich ernst genommen. Wenn ich verletzt war und das auch zeigte, wurde ich als hysterisch, übertrieben oder gar als „Furie“ hingestellt, die „herumgeifert“. Dabei wollte ich nur gehört werden. Gesehen werden. Als Mensch wahrgenommen werden. Doch statt Nähe und Verständnis gab es Abwertung und Kälte.
Ein Erlebnis hat sich bei mir bis heute besonders in die Gehirnrinde eingebrannt: ich war noch ein Kind, vielleicht acht Jahre alt, als er mich bei einem Streit einmal ganz direkt angeschaut und mich als „Schlampe“ beschimpft hat. Ich verstand damals nur halbwegs, was dies bedeuten könnte doch eines wusste ich - ich war definitiv keine. Ich spürte den Scham, die Kränkung, das Gewicht dieses Wortes, das sich wie ein Stempel auf meine Seele drückt. Meine Mutter ist damals ausgerastet und hat ihn angefangen, anzuschreien. Was ihm einfalle, seine Tochter als Schlampe zu bezeichnen. Mir war schon klar, dass das echt daneben gewesen sein musste. Doch war dies nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass er mich sprachlos zurückließ.
Quality Time mit dem Vater? Ein Fremdwort in meiner Familie. Er war nie wirklich präsent - außer, wenn es um Kontrolle ging oder um Dinge, die ihm selbst nützten. Die wenigen Urlaube, die wir unternahmen, liefen ausschließlich nach seinem Geschmack - ohne Rücksicht auf uns Kinder. Spaziergänge mit ihm? Fehlanzeige. Bei Ausflügen war er nicht dabei. Und wenn wir Zuhause waren, lag er einfach nur vor dem Fernseher. Gespräche - vor allem persönliche - fanden nicht statt. Schon beim Frühstück saß er da mit der Zeitung vor dem Gesicht, damit er nicht mit uns interagieren musste. Als wären wir nicht da. Auch im Auto wurde keine Rücksicht genommen: geraucht wurde grundsätzlich - egal, ob Kinder auf der Rückbank saßen oder nicht. Unsere Gesundheit, unser Befinden? Nicht der Rede wert. Es gab keine gemeinsamen Momente, keine echten Vater-Kind-Erinnerungen. Nur Leere, Schweigen und das Gefühl, stets unerwünscht zu sein, wenn man nicht gerade nützlich war.
Die einzige Konstante, die ich als lebhafte Erinnerung an meinen Vater mit mir trage ist Lärm. Ob es die ständigen, heftigen verbalen Auseinandersetzungen, die laut zufallenden Türen, die absichtlich viel zu laut aufgedrehte Musik aus seinem Büro oder aber der Papagei, der vor meiner Zimmertür tagelang kreischte - war. Es war ihm scheinbar egal, ob ich schlafen, lernen oder einfach nur zur Ruhe kommen wollte. Rücksicht? Fehlanzeige. Auch meine materiellen Dinge waren in seinen Augen nichts wert. Sie wurden nicht respektiert, sogar - und die Vermutung liegt nahe, weil es so häufig geschah - mutwillig beschädigt oder einfach ignoriert. Mein neuer Kleiderschrank lag wochenlang im Hof - im Regen, im Schmutz - bis er völlig verzogen war. Mein selbst gekauftes Bett wurde während des Aufbaus beschädigt. Ohne Entschuldigung, ohne Versuch der Wiedergutmachung. Ich solle mich nicht so anstellen. Es war, als wäre nichts, was mir gehörte, von irgendeinem Wert.
Mein Vater hatte immer große Pläne - allerdings nicht für mich, sondern mit mir. Er drängte mich dazu, eine Ausbildung bei seinem damaligen Arbeitgeber zu machen - nicht, weil es auf lange Sicht gut für mich gewesen wäre, sondern weil er mit meiner Anwesenheit glänzen wollte. Später stellte er mich in seinem Unternehmen ein. Aber auch hier nicht aus Fürsorge. Sondern, weil er nicht alleine sein und meine Unterstützung wollte. Und weil er wusste, dass ich „funktionieren“ würde. Eine faire Bezahlung? Fehlanzeige. Dafür aber jede Menge Verantwortung. Sogar als „Geschäftsführerin“ wurde ich online, ohne meines Wissens oder meine Einverständnis, gelistet - ein Titel, der mir später bei Bewerbungsgesprächen Probleme machte. Und das, obwohl ich das nie war.
Ich hatte damals dringend ein Auto gebraucht und wollte mir einen Kleinkredit bei meiner Hausbank holen. Nein, das käme nicht in Frage. Seine Lösung: ein „Privatdarlehen“ bei ihm - mit beidseitig unterschriebenem Vertrag und fixen Rückzahlungsraten. Er präsentierte sich als großzügigen Vater, als großen Unterstützer. Die Wahrheit? Das Geld kam von seiner Mutter, die im Pflegeheim war. Er hatte lediglich Zugriff auf Ihr Konto. Die monatlichen Beiträge, die ich ihm dann pflichtbewusst überwies, steckte er dann jedoch selbst ein. Noch absurder wurde es mit meiner damaligen Autoversicherung. Seine eigenen Unfälle und Schäden ließ es über meine Police laufen. Was natürlich zur Folge hatte, dass ich irgendwann von Seiten des Versicherungsgebers gekündigt wurde. Weil ich angeblich zu viele Schäden hatte. Er übernahm dafür keinerlei Verantwortung. Ein weiteres Kapitel der irrwitzigen Geschichte der Finanzen trägt den Namen „Meine Lebensversicherung“: sie wurde damals über „meinen Makler“ - also meinen Vater - abgeschlossen. Aber nicht zu meinem Vorteil. Die Versicherung war so schlecht gewählt, dass ich niemals einen Nutzen davon hätte haben sollen (unlautere Geschäftspraktiken). Sie war nicht kündbar, nicht auszahlbar und stellte lediglich eine stetig wachsende, monatliche Belastung dar. Warum man sie dann überhaupt abgeschlossen hat, fragst du dich? Weil mein Vater, als mein Makler, eine fette Provision dafür kassierte. Ist doch klar.
Dann war da noch sein Elternhaus - und damit der nächste Schachzug meines Vaters. Er überrumpelte mich und meinen Bruder mit einer Eigentumsüberschreibung. Angeblich zu gleichen Teilen. Die Wahrheit ist jedoch, dass er das Haus niemals alleine bekommen hätte, weil seine Mutter das nicht wollte. Es war also nur möglich, seine Schwester auszustechen und das Haus zu bekommen, indem er seine Kinder zu Miteigentümern machte. Zwei Wohnungen umfasste die Immobilie und diese beiden Wohnungen überließ er uns Kindern. Aber das, was als „gerechte Lösung“ verkauft wurde, war von Anfang an ein abgekartertes Spiel. Es ging hier nie um Fairness - es ging nur darum, seine Schwester zu umgehen und uns Kinder zu instrumentalisieren. Heute bewohnt er meine Wohnung selbst, ohne je einen Cent Miete gezahlt zu haben und ohne vorher mit mir darüber gesprochen zu haben - er nahm mir die Wohnung einfach weg, als wäre sie nie für mich vorgesehen gewesen. Da die andere Wohnung durch meinen Bruder blockiert ist, bleibt noch ein unausgebautes Dachgeschoss. Das Haus war von Anfang an ein einziges Ungleichgewicht. Nicht einmal einen Schlüssel besitze ich davon, obwohl es zu einem Drittel mir gehört. Auch darf ich natürlich keine privaten Gegenstände in die Garage stellen - das wird mir untersagt, obwohl ich Miteigentümerin bin.
Als mein Vater einige Jahre später eigenmächtig eine Grundschuld auf seinen Anteil des Hauses aufnahm - was er aus praktischen und moralischen Gründen (wegen möglicher negativer Folgen für die anderen Miteigentümer) eigentlich nicht ohne unsere Zustimmung hätte tun dürfen - geriet alles ins Wanken. Die Zahlungen konnte er irgendwann nicht mehr leisten und es drohte tatsächlich eine Zwangsvollstreckung der Immobilie. Das Risiko, das Haus zu verlieren das ich eigentlich nie wirklich besitzen durfte, war plötzlich real. Es gab jedoch eine Lösung: man musste ihn aus dem Eigentum herauskaufen. Meine Großeltern mütterlicherseits - ja die zwei Menschen, für die er jahrelang kein gutes Wort übrig hatte - sprangen finanziell ein und übernahmen seinen Anteil. Im Zuge dieser Umschreibung verzichtete ich dann auf meinen Teil den ich organisch dazu bekommen hätte, weil ich nicht noch weiter in die Sache mit hineingezogen werden wollte. Heute gehört das Haus nach wie vor zu einem Drittel mir - der Rest ist Eigentum meines Bruders. Was bleibt, ist eine grundsätzlich faire Lösung auf dem Papier. Aber keine, die sich für mich, die das Haus schon einige Male gerne verkauft hätte aber einfach geflissentlich ignoriert wurde, jemals fair angefühlt hätte.
Die Krönung? Öffentliche Sticheleien auf den sozialen Plattformen. Man hat sich über die Rechte gleichgeschlechtlicher Menschen aufgeregt. Und wenn man über die sozialen Medien nicht genügend Gehör erhielt, ging man eben zu Familienmitgliedern damit. So kam mir zu Ohren dass geäußert wurde, sollte mir etwas passieren, er lieber selbst mein Kind an sich nehmen würde, als es meiner Frau zu überlassen - als wäre ich ihm je wichtig gewesen, als hätte er sich je wirklich gekümmert. Und dann war da noch sein Buch. Ich half ihm beim Korrekturlesen - doch noch bevor ich fertig war, hatte er es längst veröffentlicht. Ganz typisch für ihn: ich war nur gut genug, wenn ich still funktionierte. Aber darüber sollte ich einen eigenen Blogeintrag verfassen.
Ich schreibe das nicht, um Mitleid zu bekommen. Das ganze Thema ist emotional bereits so weit von mir entfernt, so viele Jahre liegen zwischen dem Moment als mich diese Themen tatsächlich berührt hätten und jetzt - ich fühle gar nichts mehr. Eigentlich kann ich nur noch darüber lachen. Ich schreibe das, weil ich es satt habe, den Anschein zu wahren. Weil ich anderen Mut machen möchte, die sich in toxischen Familienstrukturen wiederfinden. Es ist nicht immer die laute Gewalt, die Narben hinterlässt. Manchmal ist es die ständige Entwertung, die leise Abnutzung, das unsichtbare Gift, das sich über Jahre in die Seele frisst. Ich arbeite jeden Tag daran, mich davon zu befreien. Und mit jedem Wort, das ich hier schreibe, wird es ein bisschen leichter.
Kommentare