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Der Preis für meinen Frieden

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 24. März 2025
  • 14 Min. Lesezeit

Seitdem ich zu meiner Mutter keinen Kontakt mehr habe, stelle ich mir regelmäßig die immer gleich lautende Frage: „Bin ich an all dem Dilemma schuld?“ und das passt gut zu mir, denn mein erster Impuls wenn eine Situation aus dem Ruder gerät ist stets anzunehmen, es läge an mir. Und an mir allein. Mittlerweile und nach reiflicher Reflektion muss ich jedoch sagen - nein. Dieses Mal liegt es nicht an mir.


Vorletztes Jahr kam mein erstes Kind zur Welt – ein Ereignis, das mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat. Ich wurde zum ersten Mal und nach vielen Jahren Planung Mutter. Und obwohl ich selbstverständlich wusste, dass es herausfordernd werden würde, hatte ich doch insgeheim gehofft, auf meine eigene Mutter nicht nur als „die Oma vom Kind“, sondern vor allem als „meine Mama“ zählen zu können. Ich hatte mir Unterstützung erhofft. Wärme. Verständnis. Vielleicht sogar eine neue Nähe zwischen uns. Tja, stattdessen hagelte es Vorwürfe. Immer wieder. Kein Wort darüber, wie erschöpfend das Wochenbett war. Kein Verständnis für die Umstellung, die mit einem Neugeborenen einhergeht. Stattdessen Druck, Erwartungen. Und Enttäuschung, wenn ich nicht so funktionierte, wie sie es sich vorstellte.


Schon Tage nach der Geburt ging es los: Sie erreichte mich abends ausnahmsweise einmal nicht sofort telefonisch - weil ich gerade mit meinem Sohn beschäftigt war, der in den ersten Monaten seines Lebens mit schlimmen Säuglings-Choliken zu kämpfen hatte und den man im Volksmund als „Schrei-Baby“ bezeichnen würde. Ich ging also nicht ans Telefon und das bezog meine Mutter sofort auf sich selbst: „Meine Tochter ignoriert mich!“ Offenbar kam ihr nicht der Gedanke, dass ich einen Grund hatte, nicht ans Telefon zu gehen, der nichts mit ihr zu tun hatte. Also wurde wieder und wieder angerufen, schlussendlich erreichte sie meine Frau. Diese konnte meine Mutter zwar beruhigen, war danach aber merklich aufgekratzt und kam zu mir, um mir von dem Vorfall zu erzählen. Was wir beiden zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten war, dass das erst der Anfang war. In den kommenden Wochen und Monaten wurde alles noch viel schlimmer.


Meine Mutter sah das Enkelkind ja offenbar viel zu selten. „Ich erkenne dich ja gar nicht wieder!“ säuselte sie dem Kind stets honigsüß entgegen und warf mir dabei einen kurzen, verräterischen Blick von der Seite zu, der mir sagen sollte, dass ich allein Schuld daran sei, dass das Kind sie nicht erkenne. Die einzige Erklärung, die ihr hierfür in den Sinn kam war, dass wir ihn ihr natürlich absichtlich vorenthalten. Da wir mit meiner Schwiegermutter, also der Mutter meiner Frau - der „anderen Oma“ des Kindes, im selben Haus leben, sieht diese das Kind natürlich organisch häufiger, da dies unter anderem logistisch einfacher zu organisieren ist. Es schwang also von Anfang an auch eine Menge Eifersucht bei meiner Mutter mit - gepaart mit dem Drang, der anderen Oma zu zeigen, was sie doch für eine tolle Oma sei und wie wohl sich das Kind bei ihr fühle. Dass das Kind jedoch lieber bei der Mutter meiner Frau auf dem Arm war, weil es sie eben einfach besser kannte, steuerte nicht unbedingt zur Besserung der Laune meiner Mutter bei.


Trotz der unangenehmen Vorwürfe bei jedem Zusammenkommen, arrangierten meine Frau und ich alle paar Wochen gemeinsame Treffen mit meiner Familie - auch bereits kurz nach der Geburt während meines Wochenbetts und trotz einstündiger Fahrt in die Stadt, wo meine Familie lebt. Auch während der Schwangerschaft schon nahm ich häufig mehrfach wöchentlich die lange Fahrt im Auto auf mich, um meine Familie zu sehen. Irgendwann sah ich jedoch nicht mehr ein, die sehr einseitigen Treffen, bei denen stets ich den Aufwand erbringen musste und entweder damals hochschwanger oder später dann mit Neugeborenem Stunden im Auto verbringen musste, auf mich zu nehmen. Und ab diesem Moment wurde es schwierig. Mehrfach erklärte ich meiner Mutter und auch meinem Bruder - der uns ebenfalls ständig vorwurfsvoll in den Ohren lag - dass man mich doch gerne auch spontan unter der Woche besuchen könne. Immerhin war ich in Elternzeit und würde mich freuen, wenn ich Gesellschaft hätte. Gerade zu der Zeit setzte mir die dunkle Jahreszeit massiv zu und ich war häufig sehr deprimiert und fühlte mich einsam. Meine Mutter, die gerade einen neuen Job angefangen hatte und dort Teilzeit arbeitete, bekräftigte mir jedoch, dass sie unter der Woche keine Zeit habe. Mein Bruder, der zu der Zeit arbeitslos war, kam auf meine Einladungen hin auch nie vorbei, weil der Weg offenbar zu lang war. Es handelte sich um eine Zugfahrt von fünfunddreißig Minuten mit kurzem Umstieg, aber das war offenbar schon zu viel verlangt. So musste man die Besuche, welche die beiden alle paar Wochen dann doch gemeinsam ankündigten, zwangsläufig auf das Wochenende legen. Das Wochenende, welches bei uns in den meisten Fällen eigentlich nicht machbar war, weil wir zeitgleich noch eine Baustelle im Haus hatten, für welche wir nur an den Wochenenden Zeit hatten, weil meine Frau jeden Tag unter der Woche mindestens acht Stunden arbeiten ging. Besuche wären vielleicht besser möglich gewesen, wenn man uns in der Zeit auch bei der Arbeit auf der Baustelle geholfen hätte. Da meine Familie jedoch darauf bestand, stets 100% unserer und vor allem meiner Aufmerksamkeit zu haben, wurde das schwierig. Dennoch machten wir es meistens möglich. Wir schlugen ihnen, wenn wir eigentlich keine Zeit hatten, zum Beispiel auch mal ein gemeinsames Frühstück vor - was sie auch gerne annahmen und vorbei kamen. Später kam mir dann zu Ohren, dass sie sich auf der gesamten An- und Abfahrt abfällig darüber unterhalten hatten, dass wir sie ja nur „reinquetschen“ würden und eigentlich „überhaupt keinen Bock hatten, dass sie kämen“ weil uns ja „die Familie meiner Frau“ und „andere Dinge“ wichtiger seien.


Dass ich mich als frischgebackene und völlig überforderte Mutter, nach einer traumatischen Geburt, schlaflosen Nächten und der ständigen irrationalen, sicher durch die ganzen Hormone verursachten, Angst, meinem Sohn könne etwas zustoßen da er sich nun ja nicht mehr in mir befand, gerade körperlich und emotional in einer der intensivsten und verletzlichsten Phasen meines Lebens befand – das schien für meine Mutter völlig nebensächlich zu sein. Und das, obwohl ich mich direkt nach der Geburt anfänglich häufiger an sie gewendet habe, um ihr mein Herz auszuschütten: zum Beispiel, dass mich die Geburt unheimlich mitgenommen hatte und mir aufgrund der dortigen Geschehnisse schmerzlich klar wurde, wie wenig Handhabe man doch selbst über sein Leben hat und wie schnell es eigentlich auch vorbei sein könnte. Bei der Geburt hätten, wenn es durch diverse Komplikationen schlecht gelaufen wäre, sowohl mein Kind wie aber auch ich sterben können. Ich war zu der Zeit also sehr emotional und machte mir viele Gedanken. Auch war ab dem letzten Drittel der Schwangerschaft unklar, ob mein Sohn überhaupt gesund zur Welt kommen sollte, weil Auffälligkeiten festgestellt wurden. Die Unklarheit, ob tatsächlich alles in Ordnung ist, sollte uns noch monatelang beschäftigen. All dies geht nicht spurlos an einem vorbei.


Hinzu kamen ständige Grenzüberschreitungen von meiner Familie. Ich hatte klare Regeln zum Umgang mit unserem Kind aufgestellt - zum einem aus Liebe, aber auch aus Verantwortung und Sorge um das Wohl meines Babys. Doch diese wurden regelmäßig geflissentlich missachtet. Ob es um das Hochnehmen ohne zu fragen, das permanente Ablehnen von Hygienemaßnahmen oder das Ignorieren von Ruhezeiten meines Kindes ging - meine und auch seine Grenzen wurden einfach schulterzuckend übergangen. Und nicht nur das, wir wurden außerdem abwertend als „Über-Eltern“ oder „Helikopter-Eltern“ bezeichnet. Ein besonders prägendes Ereignis war ein Treffen bei meiner Mutter, als mein Kind gerade einmal ein paar wenige Monate alt war. Meine Mutter war zu dem Zeitpunkt krank - doch anstatt mir das offen zu sagen, verheimlichte sie es. Erst als wir ankamen, setzte sie plötzlich eine FFP2-Maske auf. Auf meine besorgte Nachfrage tat sie das Ganze als übertriebene Reaktion meinerseits ab. Für mich war das ganze jedoch ein massiver Vertrauensbruch. Mein Baby war noch so klein, sein Immunsystem völlig ungeschützt - und trotzdem wurde meine Fürsorge belächelt. Auch hier zählten wieder nicht die Bedürfnisse meines Kindes oder meine Sorgen als Mutter, sondern nur das Bedürfnis meiner Mutter nach Nähe. Koste es, was es wolle.


Immer wieder wurden seitens meiner Mutter meine und unsere Grenzen überschritten. Sie kommentierte alles negativ und nicht gerade wohlwollend. Unsere Erziehung, unsere Regeln die wir im Umgang mit unserem Kind auferlegt hatten, unseren Lebensstil. Und vor allem aber: meine Frau. Meine Mutter, und das musste ich dann auch schließlich einsehen obwohl ich lange Zeit nichts davon wissen wollte, akzeptiert sie einfach nicht – weil sie offenbar nicht ins Bild passt. Trotz all der Mühe, die meine Partnerin in die Beziehung zwischen ihr und meiner Familie investierte. Trotz mittlerweile zehn Jahren, die wir miteinander verbringen. Trotz gemeinsamem Kind. Sie war stets freundlich, offen, hat den Kontakt gesucht, Gespräche geführt, Einladungen ausgesprochen - sie war meiner Familie gegenüber um ein vielfaches freundlicher und offener als ich es jemals war. Doch nichts reichte. Für meine Mutter war und ist sie die, welche „die Familie zerstört“ und „einen Keil zwischen sie als meine Mutter und mich gestoßen hat“. Meine Frau, die über mich verfügt und mein Leben bestimmt. Weil sie so dominant und ich so unterwürfig sei. Vielleicht fühlt sich meine Mutter aber auch durch meine Frau bedroht - ich kann nur ahnen, was die tatsächlichen Gründe sind.


Die einigen wenigen Gespräche, die mit meiner Mutter möglich waren, drehten sich nicht um mein Wohl oder gar das des Kindes. Es ging um sie. Um ihre verletzten Gefühle. Darum, dass sie sich ausgeschlossen fühlt. Dass ich mich verändert hätte. Dass früher ja alles viel besser war. Ich sollte Verständnis für sie haben, für ihre Situation, für ihr Unglück, für ihre Wut. Verständnis für alles - während sie meines immer wieder mit Füßen trat. Immer wieder inszenierte sie sich als das alleinige Opfer in dieser Geschichte. Als diejenige, die ausgeschlossen wird; die sich bemüht und abgelehnt wird. Dass sie es war, die wiederholt verletzend, übergriffig und abwertend handelte, wurde dabei konsequent ausgeblendet. Ihre eigene Sicht war stets die einzig gültige.


Meine Mutter suchte außerdem nicht das Gespräch mit mir, sondern ging zu ihrer besten Freundin, um sich dort über mich zu beschweren. Sie selbst hatte zu dem Zeitpunkt den Kontakt zu mir und dem Kind immer weiter eingedämmt, doch nach außen stellte sie es so dar, als würde ich ihr ihren Enkel vorenthalten. Es ging sogar so weit, dass sie wollte, dass mein bester Freund - gleichzeitig mein enger Vertrauter in Kindheitstagen und der Sohn ihrer besten Freundin - zwischen uns vermitteln solle. Eine Situation, die auch die Beziehung zwischen ihm und mir bis heute nachhaltig einfärbt. Sie warf mir vor, ich würde ihren Enkel von ihr fernhalten, auch weil ich ihr keinen speziellen „Enkel-Oma-Tag“ einmal pro Woche einräumte. So, wie ihre beste Freundin das bei ihrem Enkelkind ebenfalls zugesprochen bekommen hatte. Dabei ignorierte sie jedoch völlig, dass ich ihr einen solchen Tag nie aktiv verweigert hatte und auch nicht hätte - hätte sie danach gefragt, was jedoch nie geschehen ist. Statt offener Gespräche wählte sie Umwege, Unterstellungen und Vergleiche, die nur eines bewirkten: noch mehr Distanz.


Der endgültige Bruch kündigte sich bei einem unseren letzten Besuche bei meiner Familie an. Schon beim Eintreten war spürbar, dass die Stimmung meiner Mutter zum Zerreißen gespannt war. Meine Mutter war unterschwellig gereizt, ja geradezu provokant. Es brodelte in ihr, auch wenn sie zunächst versuchte, nach außen hin die Fassade zu wahren. Ich kannte sie mittlerweile besser. Als sie schließlich aus dem Raster trat, wies meine Frau sie ruhig aber bestimmt in ihre Schranken - kein Streit, kein lautes Wort. Immerhin war das Kind dabei. Einfach Klarheit, ein paar wenige Worte. Doch das bisschen Gegenwind genügte meiner Mutter bereits, um komplett zu eskalieren. In den kommenden Wochen wurde klar, dass meine Mutter das Verhalten meiner Frau als zutiefst verletzend und respektlos darstellte. Sie brach den Kontakt zu ihr komplett ab und begann, in ihrem Umfeld Stimmung gegen sie zu machen. Sie erzählte allen, die es hören wollte, meine Frau sei der Ursprung allen Übels, die Zerstörerin unserer Beziehung, diejenige, die sie von ihrem Enkelkind fern hält. Sie ging einige Wochen später telefonisch sogar so weit, mir zu befehlen, ich solle meine Frau „in den Griff bekommen“ - andernfalls würde es unschöne Konsequenzen geben. Für mich war das ein Schlag ins Gesicht. Es zeigte mir ganz eindrucksvoll, wie wenig es ihr um Verständnis oder Versöhnung ging - und wie weit sie bereit war zu gehen, um ihre Sichtweise durchzusetzen.


Wie sehr Wahrnehmung und Realität auseinandergehen können, zeigt auch mein letzter Geburtstag sowie das letzte gemeinsame Familienfest einige Monate zuvor, zu dem ich sie eingeladen hatte. Anstatt den Tag mit uns zu verbringen, ignorierte sie fast alle Anwesenden, sprach kaum ein Wort und hielt sich demonstrativ zurück. Nahm beim Essen nicht einmal wie alle anderen am Tisch Platz, sondern saß einige Meter weiter mit meinem Kind auf dem Schoß auf der Couch. Kurz darauf behauptete sie, meine Schwiegerfamilie würde sie ablehnen. „Sie habe die Blicke ja gesehen“, sagte sie. Sie sei nicht willkommen gewesen, habe sich ausgeschlossen gefühlt. Dabei hat sie niemand schlecht behandelt - im Gegenteil. Meine Schwiegerfamilie begegnete ihr freundlich und offen, wie immer. Aber sie suchte nicht nach Kontakt, sondern schien von Anfang an nur eine Bestätigung für ihr eigenes Gefühl der Ablehnung zu wollen.


Ich habe lange Zeit versucht, Kompromisse zu finden, die Brücke zu halten und sowohl ihr als auch mir selbst gerecht zu werden. Habe Besuche arrangiert, obwohl ich müde war und am liebsten meine Ruhe gehabt hätte. Obwohl mir das alles zu viel wurde. Habe den Kontakt gehalten, obwohl er mich Kraft gekostet hat und mich ausgelaugt hat. Kräftezehrende Gespräche geführt, in der Hoffnung, sie würde endlich hören was ich sage. Ich habe mich erklärt, gerechtfertigt, vermittelt. Doch mit der Zeit wurde mir klar: Es geht hier nicht um Missverständnisse, es geht nicht um Familie. Es geht alleine um Macht. Um Kontrolle. Und darum, dass meine Mutter nicht akzeptieren kann, dass ich ein eigenes Leben führe. Und es nicht ausreicht, wenn der Wille zur Veränderung nur von einer Seite aus kommt.


Am Geburtstag meiner Mutter waren mein Kind und ich eingeladen. Ich hatte zugesagt und mich über den Besuch dort gefreut. Über Nacht wurde das Kind jedoch krank und bekam Fieber. Eines war klar: die lange Autofahrt und den Trubel vor Ort würde ich ihm nicht antun. Was es brauchte, war Ruhe. Für mich war das selbstverständlich, dass die Gesundheit meines Kindes vorgeht. Und so entschied ich mich, zum Wohle meines Kindes, gegen den Besuch bei meiner Mutter. Ich schrieb ihr eine feierliche Nachricht und schickte ein Bild vom Kind, wie es etwas wehleidig aber trotzdem ganz zufrieden auf der Spieldecke saß. Anschließend wurde mir unterstellt, ich hätte das nur als Vorwand genutzt und gar nicht ernsthaft vorgehabt, zu kommen. Am Muttertag besuchte ich meine Mutter nicht. Nicht etwa aus Trotz, sondern weil es die Umstände nur erschwert zugelassen hätten und - ein gewichtigerer Grund - die emotionale Distanz zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich spürbar war. Ich schickte jedoch einen schönen, bunten Blumenstrauß und meldete mich bei ihr, um ihr Glückwünsche auszurichten und Achtsamkeit auszudrücken - ein stilles Zeichen von Respekt, trotz allem, was im Raum stand. Zunächst sah es so aus, als würde sie sich über die Geste freuen. Später wurde mir aber auch diese Abwesenheit negativ ausgelegt. Als hätte jede Form von Bemühen nur dann Wert, wenn sie genau nach ihren Vorstellungen geschieht. Es ging schon lange nicht mehr um das Was sondern nur noch um das Wie und um die Kontrolle darüber. Zwei verpasste Anrufe von ihr hatte ich tatsächlich nicht erwidert - nicht aus Absicht, sondern schlicht aus Vergessen im alltäglichen Trubel. Doch auch das wurde mir negativ ausgelegt. Es ging nicht mehr darum, wie es mir oder dem Kind ging; sondern nur noch darum, wie meine Mutter sich durch mein Handeln abgelehnt fühlte. Wieder einmal wurde meine Realität angezweifelt, mein Wort hinterfragt und mir unterstellt, ich würde mich bewusst entziehen. Ob es nun der verpasste Geburtstag war, die unbeantworteten Anrufe oder der Muttertag, an dem ich nicht erschien - jedes dieser Ereignisse wurde nicht als das gesehen, was es war, sondern als persönliche Kränkung interpretiert. Ohne Raum für meine Realität, meine Sicht oder meine Gründe.


Um Ostern herum traf meine Frau eine Entscheidung, die ich bis heute voll und ganz nachvollziehen kann: sie beschloss, meine Mutter nicht mehr an sich heranzulassen. Kein aktiver Streit, kein großes Drama - sondern ein klarer, innerer Schnitt. Aus Selbstschutz. Zu viele abwertende Blicke, zu viele unausgesprochene Spitzen, zu viel Ablehnung, die trotz aller Bemühungen immer im Raum stand. Sie zog sich zurück, sprach nicht mehr mit ihr, mied bewusst die Interaktion. Es war keine Entscheidung gegen die Familie - sondern eine Entscheidung für sich selbst. Für ihren inneren Frieden, für ihre Würde. Und letztlich auch für unser Kind, das in einem respektvollen Umfeld aufwachsen soll. Ausgelegt wurde dies von Seiten meiner Mutter allerdings fälschlicherweise als Ignoranz, Eingeschnapptheit und gekränktem Stolz.


Den ersten Geburtstag des Kindes feierten wir ganz bewusst in unserem Zuhause - in einer vertrauten Umgebung, die für uns als kleine Familie stimmig war. Zwei Wochen später besuchten wir dann meine Familie, auch meine Mutter. Die Woche dazwischen waren wir auf einem runden Geburtstag eines engen Familienmitglieds eingeladen gewesen - wir hatten also schlichtweg keine Zeit, früher zu kommen. Doch auch das wurde uns vorgeworfen. Der Abstand zwischen dem Geburtstag des Kindes und dem Besuch wäre „unverschämt“ gewesen. Es zeige, wie wenig uns die Beziehung zu ihr bedeute. Als wir schließlich dort eintrafen, konzentrierte sich meine Mutter ausschließlich auf das Kind. Auch mir gegenüber war sie distanziert, mied meinen Blick, das Gespräch, wich mir aus. Meine Frau interagierte nach wie vor nicht mit ihr, was mittlerweile aber auch keine große Sache mehr war - ging dies bereits ein halbes Jahr so. Später wurde das Ganze jedoch wieder einmal verdreht: angeblich sei es meine Frau gewesen, die alle ignoriert habe. Und das ausgerechnet in ihrer Wohnung. Was sie dabei ausließ: der Geburtstag sollte eigentlich nicht bei ihr, sondern meinen Großeltern stattfinden. Doch meine Mutter riss die Planung an sich und verlegte das Treffen kurzerhand in ihre Wohnung. Es war ein steifer, angespannter Besuch, durchzogen von unausgesprochenen Spannungen. Wir waren ehrlich erleichtert, als wir wieder im Auto saßen. Danach kam: nichts. Keine Nachricht, keine Nachfrage, gar nichts.


Am Ende war es dann meine Mutter, die den Kontakt abgebrochen hat. Und obwohl das zunächst natürlich unglaublich weh getan hat, brachte es auch viel Klarheit und Ruhe. Vielleicht dachte sie, sie könnte mich damit „zur Vernunft bringen“. Vielleicht glaubte sie, dass ich mich dann mehr anstrenge, dass ich mich erkläre, entschuldige, anpasse. Ich muss nicht alles aushalten, nur weil jemand mit mir verwandt ist. Ich darf und ich muss Grenzen ziehen, Schutzräume schaffen. Auffällig war auch das Verhalten meiner Mutter nach dem von ihr ausgesprochenen Kontaktabbruch über die sozialen Medien. Ich wurde sofort blockiert, nur um kurze Zeit darauf wieder freigegeben zu werden. Das wiederholte Wechseln von dem Eröffnen einer Kontaktmöglichkeit und Abgrenzung wirkt einerseits wie er Versuch, die Kontrolle zu behalten oder aber Reaktionen zu provozieren. Bringt aber vor allem eines: Unruhe und ein schlechtes Gefühl.


Nach dem Kontaktabbruch meiner Mutter dachten wir, es würde erst einmal Ruhe einkehren. Kein Gespräch, keine Nachricht - einfach Stille. Bis Weihnachten kam. Wir besuchten wie jedes Jahr meine Großeltern - ein Ort, der für uns trotz allem eine gewisse Vertrautheit bedeutet. Dort angekommen, stand plötzlich ein Geschenk für uns unter dem Tannenbaum bereit. Von meiner Mutter. Sie wusste, dass wir zu Besuch kommen würden. Es war wahrlich kein einfacher Moment. Am Schluss haben wir uns bewusst dagegen entschieden, das Geschenk mitzunehmen. Nicht aus Trotz, nicht aus Härte. Sondern weil wir erkannt haben, dass sich echte Nähe nicht auf diese Art herstellen lässt und es keine Entschuldigung für das vorgefallene Dilemma ersetzt. Es fühlte sich nicht ehrlich an. Eher so, wie ein unausgesprochener Test: Ob wir anbeißen, reagieren und gar zurückrudern. Was folgte war, wenig überraschend, passiv-aggressive Postings auf den sozialen Plattformen. Alles verpackt in schwammige Andeutungen und scheinbar harmlose „nachdenkliche Zitate“. Umso mehr Gedanken ich mir darüber gemacht habe und noch immer mache, desto klarer wird mir: der Kontaktabbruch war nicht das Ende. Sondern der Beginn einer neuen Art emotionaler Erpressung. Aber diesmal lasse ich mich nicht mehr hineinziehen.


Das ganze Verhalten wirkt emotional impulsiv, grenzüberschreitend und wenig reflektiert. Das alles erschwerte von Anfang an eine klare und stabile Beziehungsdynamik und zerstörte sie am Schluss komplett. Die Beziehung zwischen mir und meiner Mutter war schon viele Jahre vor der Geburt meines Kindes geprägt von unausgesprochenen Erwartungen, mangelnder emotionaler Selbstreflexion seitens meiner Mutter sowie manipulativen Mustern und Rollenkonflikten. Es fehlte an echter, offener Kommunikation und gegenseitigem Respekt. In der jetzigen Situation ist der Kontaktabbruch, so schmerzhaft dieser auch ist, eine reine Schutzmaßnahme für mich und mein familiäres System. Und als genau dies versuche ich es, zu sehen. Meine Mutter hat mich im Stich gelassen, als ich sie am dringendsten gebraucht hätte. Und doch kann man sagen: auch wenn es hart ist, der richtige Weg wurde eingeschlagen.


Was ich in dem Jahr nach der Geburt meines Kindes gelernt habe ist, dass Familie ein sicherer Hafen und kein ständiger Kampfplatz sein sollte. Unterstützung sollte bedingungslos sein, nicht an Erwartungen geknüpft. Und Mutterschaft bedeutet auch, Grenzen zu setzen – für sich selbst und für das eigene Kind. Ich hätte mir gewünscht, meine Mutter würde meine neue Rolle als Mutter ehren. Stattdessen hat sie mir gezeigt, wie wichtig es ist, dass mein Kind in einem Umfeld aufwächst, in dem er willkommen ist – ohne Manipulation, ohne Schuldgefühle, ohne emotionale Erpressung. Es tut verdammt weh, ja. Aber es fühlt sich auch nach Freiheit an. Nach Klarheit. Und nach Schutz – für mich, meine Frau und unser gemeinsames Kind.


Ich habe heute ein sehr treffendes Zitat gelesen, welches ich an der Stelle abschließend einfügen möchte: „Don't be surprised when you start tripping over that rug that you keep sweeping shit under.“ (zu Deutsch: „Sei nicht überrascht, wenn du anfängst, über den Teppich zu stolpern unter den du die ganze Zeit deinen ganzen Scheiß kehrst.“


 
 
 

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