Wie die Sau vom Trog
- Sophia A. Marten

- 2. Feb. 2025
- 9 Min. Lesezeit
„Ja, natürlich kannst du deine Sachen da lagern - da musst du doch nicht fragen!“ versicherte mir mein Vater großzügig mit Blick auf eine der beiden Garagen des Hauses meiner Großeltern väterlicherseits. Ich wollte vorher abgeklärt haben ob es in Ordnung wäre, vorübergehend einige Möbel dort zu verstauen. Alternativ hatte ich bereits recherchiert, was das Anmieten einer Garage kostet - wäre auch machbar gewesen. Trotz dass mein Vater und wir Kinder das Haus einmal erben sollten, wollte ich niemanden übergehen und für schlechte Stimmung sorgen.
Ich hatte einen Umzug in eine deutlich kleinere Wohnung geplant und aufgrund des geringen Platzes dort, konnte ich weder meine Wohnwand noch die kleine Zweisitzer-Couch mitnehmen. Da ich weder das eine, noch das andere entsorgen oder verkaufen wollte, blieb nur eine Möglichkeit: das Zeug irgendwo unterstellen bis ich wieder mehr Platz dafür hatte. Gesagt, getan. Die Möbel wurden am Umzugstag dort hingebracht und möglichst platzsparend verstaut. Dazu gesellten sich außerdem einige Kisten mit Büchern und Ordern. „Sitzt, passt, wackelt und hat Luft“ kommentierte ich unser Werk zufrieden und zog das Garagentor zu. Es sollten einige Jahre ins Land gehen, bis ich die Möbel wieder zu Gesicht bekam.
„Du kannst demnächst mal vorbei kommen und endlich deinen ganzen Kram aus meiner Garage raus räumen!“ verkündete mein Vater an einem warmen Sommertag in der Gaststätte, welche er mit meiner Mutter gemeinsam führte. Wir saßen gerade im Biergarten und einige Bekannte hatten sich ebenfalls an unseren Tisch gesellt. Seine Garage? Das Haus gehörte genauso mir wie ihm. Wir hatten das Haus zwischenzeitlich geerbt und er beherbergte zu dem Zeitpunkt außerdem mit meiner Mutter zusammen meine Wohnung in dem Haus, in welche ich eigentlich ziehen wollte - ohne Rücksprache nahm er sich das Recht heraus, sie mir wegzuschnappen - ich wurde vor vollendete Tatsachen gestellt und erfuhr nicht einmal von ihm davon, sondern rein zufällig von jemand anders. Und das, nachdem ich meinem kleinen Bruder einige Zeit zuvor die andere Wohnung überlassen hatte, in die ich originär hätte einziehen wollen. Das Haus hat zwei Wohnungen, welche mein Vater sowohl mir als auch meinem Bruder zugesprochen hatte. Aber davon wollte er nichts mehr wissen. „Das Zeug steht im Weg!“ ergänzte er, schnalzte mit der Zunge und die Bekannten schauten mich neugierig an. Ja, ich war mal wieder lästig weil ich einfach so „alles voll mülle“ - dass er mir dies einige Jahre zuvor „erlaubt“ hat, wusste er offenbar nicht mehr. Ich versuchte mich, an die Platzsituation innerhalb der Garage zu erinnern. Meine Möbel standen seitlich an der Wand und nahmen kaum Platz ein. „Kriegt ihr das Auto nicht daneben hin?“ fragte ich nachdenklich - ich hatte keine Ahnung, wo ich die Möbel hinbringen sollte; war ich erst kurze Zeit vorher zwar in eine etwas größere Wohnung gezogen, da in der jedoch bereits eine Wohnwand stand verzichtete ich - natürlich ebenfalls nach Absprache mit meinem Vater, ob es okay wäre, das Zeug stünde da noch etwas länger - darauf, meine alte Wohnwand aufwendig dort mit einziehen zu lassen. „Steht alles voll, wie soll das gehen - das Zeug muss raus“ beendete er das Gespräch.
Der Tag X konnte nicht schnell genug kommen - die nächsten Tage hing er mir ständig in den Ohren. Schließlich entschied er, dass wir das Zeug an einem von ihm ausgewählten Tag Ende Juli raus räumen würden und wir zum helfen kommen sollten. Ob wir da Zeit hätten? Tja, wir hatten uns Zeit zu nehmen. Meine Frau arbeitete zu der Zeit immer mehrere Wochen am Stück in Bayern und in unserem Urlaub, der in diese Zeit fiel, wollten wir ein paar Tage weg fahren. Dass wir am nächsten Tag in den Urlaub fahren wollten, hatten wir klar kommuniziert - und gepackt werden musste auch noch, sprich: wir hatten an dem Tag nicht viel Zeit. „Anderthalb, zwei Stunden maximal“ erklärte ich und alle Beteiligten schauten genervt drein. Dass ich mir nicht mehr Zeit nahm, stieß auf völliges Unverständnis. Weshalb, wusste ich spätestens nachdem mein Vater das Garagentor öffnete. Die Garage war überfüllt mit Zeug. Ich wusste sofort: das wenigste davon ist von mir. Tatsächlich standen meine zwei, drei Sachen noch genauso an der Seite, wo ich sie einige Jahre zuvor hinterlassen hatte. Nahmen im Verhältnis schwindend wenig Platz ein. Sprachlos schaute ich das Chaos an. Mein Vater öffnete schwungvoll noch die zweite Garage - bis oben hin stapelten sich Kisten, Boxen und Möbel. „Was ist das denn alles?“ fragte ich völlig perplex. Plötzlich war mir klar, weshalb anderthalb, zwei Stunden hier nicht ausreichen konnten. Das hier zu entrümpeln war ein Kraftakt - und sowohl meine Frau als auch ich standen da wie vor den Kopf gestoßen. Hatte man die ganze Zeit so getan, als würde ich alles voll stellen; das ganze Gerümpel hatte absolut nichts mit mir zu tun. Ich war fassungslos.
Es stellte sich heraus, dass meine Familie beim Einzug in das Haus alle Möbel, die nicht erwünscht waren, einfach kurzerhand in die Garage gestellt hatten. Die zweite Garage wurde von Gerümpel eines ehemaligen Bekannten in Anspruch genommen - dieser hatte wohl angefragt, ob er sein Zeug dort zwischenlagern könnte, was man ihm großzügigerweise erlaubt hatte. Einige Zeit später verschwand dieser Bekannte jedoch offenbar auf Nimmer Wiedersehen und ließ sein ganzes Zeug dort stehen. Blöde Aktion, aber eigentlich absolut nicht mein Problem. Ich sichtete meine Boxen und nahm sie kurzerhand mit - meine kleine Couch hatte ich bereits kurz nachdem ich sie dort eingelagert hatte, entsorgt und somit stand nur noch meine Wohnwand dort. „Ich bestelle demnächst einen Container, da kann ich sie rein schmeißen“ sagte mein Vater. Auf meine Rückfrage, ob er dabei Hilfe benötige, winkte er ab. Das ganze war innerhalb einer halben Stunde erledigt. Trotzdem verbrachten wir fast drei Stunden dort um meiner Familie bei dem Aussortieren des ganzen anderen Krams zu helfen.
Als wir uns dann verabschieden wollten, weil die meiste Zeit sowieso nur rumgestanden, geraucht und gemotzt wurde, gab man uns ein schlechtes Gewissen und zog die Augenbrauen hoch. War ja gar nicht cool, dass wir sie jetzt mit dem Zeug alleine ließen. Drücken uns ja vor der Arbeit. Zur Erinnerung: es wurde sich über Wochen hinweg bei mir beschwert, dass ich alles voll müllen würde - letztlich war dem nachweislich nicht so. Außerdem hätten wir an dem Tag eigentlich sowieso keine Zeit gehabt aber das interessierte ja auch niemanden. Meine Laune hätte schlechter nicht werden können, erinnerte ich mich an andere Situationen, über die ich bis heute nur den Kopf schütteln kann:
Als meine Eltern aus der Wohnung im Haus meiner Großeltern - in welcher sie gemeinsam nach ihrem erneuten „Liebes-Comeback“ lebten - auszogen, konnte dies offenbar nicht schnell genug gehen. Tatsächlich ging es so schnell, dass ich erst Wind davon bekam, als die Renovierungsarbeiten in der neuen Wohnung bereits in vollem Gang waren. Und das, obwohl ich praktisch nebenan wohnte. Innerhalb weniger Tage, gefühlt war es eher eine Nacht-und-Nebel-Aktion, kramten sie ihre Sachen zusammen und zogen in die kürzlich erst frei gewordene Wohnung im Haus, welches meinem Vater und uns Kindern gehört, ein. In meine Wohnung, wohlgemerkt. Ohne Absprache. Musste vielleicht auch deshalb so schnell gehen, damit ich da nicht noch Veto einlege - wenn ich es nicht wüsste und sie bereits drin wohnten... nun, dann konnte ich ja auch nichts mehr machen. Ganz schön durchtrieben, wie ich heute finde. „Moment mal, die sind jetzt schon ausgezogen?“ fragte ich meine Omi völlig verwirrt. „Ja, ging schnell“ bemerkte sie vielsagend und schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Dein Vater wollte hier raus“ meinte sie, als wir durch die leere Wohnung liefen und uns umschauten. Wobei „leer“ der völlige falsche Ausdruck dafür war, was ich da sah. Die Gardinen hingen allesamt noch, im Schlafzimmer lagen zwei alte Matratzen, auf den Fenstersims stand noch Deko die offenbar keiner mehr wollte, außerdem wurde darauf verzichtet, einmal grob zu fegen denn es lag überall noch Dreck herum: sprich, die beiden hatten die Wohnung verlassen wie die sprichwörtliche „Sau vom Trog“. „Ja und oben steht auch noch alles voll“ kommentierte meine Omi meinen Blick. „Wo?“ fragte ich. Oben? Wie oben? „Ja, dein Vater hatte oben eine Art Büro eingerichtet“ sie ging mit mir die Treppen hinauf und öffnete die Tür. Das technische Equipment wurde zwar mitgenommen, es standen jedoch noch der Schreibtisch und andere Möbel herum - außerdem hatte mein Vater Bilder aufgehangen, die er zwar ebenfalls mitgenommen hatte, die Nägel jedoch einfach in den Wänden gelassen. Es sah aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Meine Omi schaute sich unglücklich um und zuckte dann nur die Schultern. Ja, ich wusste auch nicht, was ich dazu sagen sollte.
Bemerkenswert war, dass diese Aktion nur einige Monate geschah, nachdem mir mein Vater unterstellt hatte, ich würde überall meinen Mist liegen und stehen lassen. Dort, wo er sein Büro eingerichtet hatte, befand sich ein Jahr zuvor mein Schlafzimmer - es war ein separates Zimmer, welches jedoch eigentlich zu einer Art Behelfs-Wohnung gehörte, die von diversen Familienmitgliedern, einschließlich mir, übergangsweise verwendet werden konnte. Nach meinem Auszug befand sich wohl noch das ein oder andere Überbleibsel in der Abstellkammer, was meinem Vater ziemlich sauer aufstieß. Nachdem meine Frau und ich daraufhin einmal dort hinein schauten, mussten wir überrascht feststellen, dass neunzig Prozent von dem Gerümpel dort drin nicht von mir waren. Wir klaubten die zwei, drei Dinge, die nachweislich meinen Namen trugen, zusammen und ließen den Rest stehen. Das waren zum Teil Relikte aus anderen Zeiten - ein uralter Kühlschrank sowie diverse prähistorische Bildschirme, welche wohl von meinem Großcousin stammten. Die Sachen nahmen tatsächlich viel Platz ein - meine zwei Boxen waren dagegen nicht der Rede wert. Bis heute wohnen jedoch auch die ganzen sperrigen Dinge meines Vaters in dem Abstellkämmerchen und stehen dort tatsächlich im Weg - Dinge, um die er sich bis heute nie mehr geschert hat.
„Sagt mal, gehört euch dieser Ofen im Keller?“ fragte meine Frau an meine Eltern gewandt. Nachdem wir einige Zeit, nachdem meine Eltern aus der Wohnung ausgezogen waren, diese nun bewohnten, hatte sie sich die Mühe gemacht, den Keller aufzuräumen. Und dabei einige Dinge meiner Eltern gefunden - einige viele Dinge wohlgemerkt. Unter anderem auch den Ofen, der ziemlich im Weg stand und Platz einnahm. „Ne das ist eurer - damit haben wir nix am Hut“ entgegneten diese, sichtlich genervt dass meine Frau sich überhaupt das Recht heraus nahm, sie darauf anzusprechen. Da wir unseren Ofen in der Küche in Verwendung hatten, war dies jedoch ausgeschlossen. Nach einigem Hin- und Her, gepaart mit der Aussage unsererseits, wir würden ihn dann entsorgen wenn er ja uns gehöre, sahen sie dann schließlich ein, dass der Ofen nicht uns sondern ihnen zuzuordnen ist. Es sollte noch einiges an Energie und Überzeugungsarbeit ins Land gehen, bis sie sich dann aber auch dazu bereit erklärten, diesen abzuholen. Das geschah nicht ohne lautes Gemecker und Gemotze, die Stimmung war extrem angespannt und es war offensichtlich, dass sie nicht verstanden, weshalb sie jetzt auch noch den Aufwand damit haben sollten, ihr Zeug aus unserem Keller zu räumen. Es war furchtbar anstrengend.
Furchtbar anstrengend war auch, sich immer wieder anhören zu müssen, ich wäre ja so unglaublich rücksichtslos und würde anderen Leuten einfach ungefragt mein altes Zeug hinterlassen. Als ich von Zuhause ausgezogen bin, damals war ich neunzehn Jahre alt, hatte ich meinen Vater noch gefragt, ob ich meine alten Möbel aus meinem Kinderzimmer entsorgen solle. „Ach, Quatsch - die lässt du stehen“ versicherte er mir großzügig und ich zuckte die Schultern. Okay, lass ich eben alles stehen. „Brauchst du das Zimmer denn nicht?“ fragte ich noch, um auf Nummer sicher zu gehen. „Hab doch genug andere“ erwiderte er augenzwinkernd. Ein halbes Jahr später kam mir zu Ohren, dass er sich bei allen möglichen Leuten darüber beschwerte, dass seine Tochter ja einfach alles „hinterlässt wie die Sau vom Trog“ und sich gar keine Gedanken darüber macht, dass andere Leute Aufwand mit ihrem alten Zeug hätten. Und er jetzt alles entsorgen müsse.
Ich denke, ich kann zum Schluss kommen. Es ist unfassbar ermüdend, ständig zu hören, man wäre ja unmöglich und egoistisch - nur um dann immer wieder mitzubekommen, dass andere Leute noch viel schlimmer sind. Und mit den anderen Leute meine ich die Leute, die sich originär darüber aufregen. Ich frage mich, was die sich dabei denken - ich meine, das fällt doch irgendwann auf. Oder nicht? Machen die sich überhaupt Gedanken darüber? Ich bezweifle, nein.
Dennoch musste ich mir Zeit meines Lebens ständig ein schlechtes Gewissen einreden lassen. Dies führte unter anderem dazu, dass meine Frau und ich unsere Wohnung im Haus meiner Großeltern bei unserem Auszug so penibel sauber und astrein hinterließen, dass niemand auch nur den Hauch einer Kritik hätte ausüben können. Die Übergabe der Wohnung war perfekt. Außerdem verbrachten sowohl ich als aber auch vor allem meine Frau viele Stunden damit, den Keller (auch die Kellerabteile, die nicht zu uns gehörten) aufzuräumen und auszumüllen. Viele Male verbrachte meine Frau Stunden um Stunden mit meinen Großeltern auf dem Dachboden, im Abstellkämmerchen und im Keller, um sie bei dem Entsorgen des ganzen alten Gerümpels zu unterstützen - das kann sonst niemand von sich behaupten. Viele Male fuhren meine Frau und ich mit vollgepacktem Auto zum Wertstoffhof - und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass annähernd hundert Prozent von dem Zeug ihren Ursprung bei anderen Leuten hatten. Mit zweierlei Maß messen, das kann meine Familie gut. Konnten sie schon immer. Werden sie auch immer besser darin. Die Frage ist nur, ob man sich das gefallen lässt oder nicht - und ich für mich kann sagen: nein, das tue ich mir nicht mehr an.
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