Zwischen Entwurzelung und Neuanfang
- Sophia A. Marten

- 25. März 2025
- 7 Min. Lesezeit
Es gibt keine einfache Art, meine Geschichte zu erzählen. Es gibt kein klares Schwarz-Weiß, keine perfekt abgestimmte chronologische Abfolge. Es gibt nur eine ganze Menge an Gefühlen, Erinnerungen, Wunden und schlimmen aber wichtigen Entscheidungen. Und der verzweifelte Versuch, mich selbst in all dem wiederzufinden und nicht auf der Strecke zu bleiben.
Seitdem sich meine Familie dazu entschieden hat, keinen Kontakt mehr zu mir haben zu wollen, ist nichts mehr so wie es einmal war. Es ist fast so, als hätte jemand einen Teil meines Ursprungs mit einer alten, stumpfen Klinge brutal und viel zu langsam abgeschnitten und achtlos über die Schulter fortgeworfen - einen Teil, den ich nie vor hatte, zu verlieren aber von dem ich mich irgendwann zwangsläufig und schweren Herzens lösen musste. Es war wie ein stetig wuchernder, bösartiger Tumor, der entfernt werden musste. Es war kein plötzlicher Bruch, es war ein schleichender Prozess. Ein Prozess, der bereits in meiner Kindheit begann. Ich bin mit emotionaler Unsicherheit aufgewachsen. Schon als Kind lernte ich, meine eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken, um nicht anzuecken, um keinen Streit zu provozieren, um geliebt zu werden. Ich wurde manipuliert, klein gemacht, mein eigenes Erleben immer wieder infrage gestellt. Neudeutsch sagt man dazu „Gaslighting“ - und der war jahrelang mein engster Begleiter. Ich war das Problem, nicht das Opfer. Wenn ich Dinge ansprach, wurden diese verdreht, ich wurde lächerlich gemacht oder gar geleugnet. Ich begann langsam aber sicher, mir irgendwann selbst nicht mehr zu trauen, zweifelte an meiner Wahrnehmung, an meiner Realität.
Trotz all dem hatte ich mein gesamtes Leben die absurd starke Hoffnung, dass es irgendwann besser würde. Dass sich meine Familie ändert. Dass wir eines Tages als Familie zusammenfinden, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Ehrlich, liebevoll, unterstützend. Aber mit jedem Jahr wurde deutlicher, dass das nicht passieren wird. Die Muster wiederholten sich immer wieder. Und irgendwann musste ich mir eingestehen: Ich kann diese Beziehung nicht heilen, nicht retten. Ich kann nur mich selbst retten.
Das Jahr nach der Geburt meines ersten Kindes hätte das schönste meines Lebens werden können. Und gewissermaßen wurde es dies natürlich auch - ich wurde Mutter. Durfte zusehen, wie mein Kind die Welt entdeckt, wie es lacht, wächst, sich entfaltet. Doch all dies wurde überschattet von einem dunklen Gefühl, das sich wie ein schwerer Vorhang über alles gelegt hat. Es war, als ob meine inneren Schutzmauern plötzlich durchlässiger wurden. Ich war verletzlicher, ständig auf der Hut. Ständig war ich angespannt, ständig hatte ich Angst, etwas falsch zu machen. Ich spürte die Erwartungen meiner Herkunftsfamilie wie eine ständige Bedrohung, fühlte mich erpresst, kontrolliert, ausgeliefert. Die emotionale Manipulation, die ich bereits kannte, kam nun auch im Bezug auf mein Kind und wurde immer stärker. Jede Entscheidung, jede Äußerung, jeder Moment barg die Gefahr, mir im Nachhinein negativ ausgelegt zu werden. Ich begab mich selbst in die Position der Person, die sich emotional erpressbar machte. Ich war müde. Die ständige Angst, missverstanden zu werden saß mir ständig im Nacken. Und ich konnte nicht mehr. Ich wollte nicht zulassen, dass mein Kind mit denselben Gefühlen aufwächst, wie ich es musste.
Als mein Bruder mich in einer ohnehin schon schwierigen Phase meines Lebens völlig aus dem Nichts angriff, brach für mich alles auseinander. Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich sah plötzlich ganz klar, wie er wirklich über mich, über uns, denkt. Wie wenig Verständnis da ist, wie wenig Verbindung; trotz all der netten Worte aus der Vergangenheit. Er war nie wirklich da. Jahrelang war ich der festen Überzeugung, wir verstünden einander, dass er zu mir steht. Dass er gewissermaßen eine Art Verbündeter für mich war. Dass stattdessen entschied er sich dafür, mich zu beleidigen, zu demütigen, mich klein zu machen. Anschließend war ich wochenlang wie betäubt. Und als wäre das nicht schon schwer genug, entschied sich wenig später auch meine Mutter für den Rückzug. Oder besser gesagt: sie entzog sich laut brüllend und um sich schlagend mit einem Hammerschlag, als ich mich abgrenzte und für mich einstand. Und plötzlich stand ich da. Entwurzelt, ausgestoßen, wie eine Fremde in meiner eigenen Herkunftsgeschichte. Doch zum ersten Mal auch in meiner eigenen Wahrheit.
Die ersten Wochen nach diesem doppelten Bruch waren wie ein Vakuum. Ich war neben der Spur, leer, orientierungslos. Ich konnte nichts mehr fühlen. Und gleichzeitig spürte ich aber etwas neues, etwas, was ich bisher noch nicht kannte: ich war frei. Ich hatte mich zum ersten Mal in meinem Leben für mich selbst entschieden. Nicht für Harmonie, nicht für den Schein einer heilen Welt, nicht für ein Bild, das andere von mir haben sollten. Sondern für mich, für mein Wohl, für meine Familie. Denn ich habe eine Familie. Ich habe meine Frau, die mich auffängt, die mit mir durchs Feuer geht, ohne zu zögern. Die alles für mich und unser Kind gibt. Die mich mit einer Liebe liebt, wie ich sie vorher nicht kannte. Die viel zu oft unter dem Verhalten meiner Herkunftsfamilie leiden musste. Es zerreißt mich manchmal, dass ich sie nicht immer schützen konnte, sondern eher sie mich schützen musste obwohl sie selbst keine Kraft mehr hatte. Weil ich keine Kraft mehr hatte. Weil ich selbst so tief mit drin hing - in alten Mustern, Schuldgefühlen, einem endlosen inneren Konflikt. Ich bin so dankbar, dass sie nach all dieser Zeit noch bei mir ist und geblieben ist. Dass sie uns trägt, auch wenn ich falle. Ich habe mein Kind, das mir zeigt, was wahre Liebe ist. Mein Herz macht einen Sprung, wenn es auf mich zu läuft und etwas tollpatschig in meinen Armen landet und laut lacht. Die Liebe, die ich für dieses kleine Wesen empfinde - ich hätte niemals für möglich gehalten, dass ich dazu in der Lage bin. Dass ich so lieben kann, so bedingungslos und rein. Und ich habe meine Schwiegerfamilie, die mich so annimmt, wie ich nun einmal bin. Die mich sieht. Mit allen Ecken und Kanten - ohne Bedingungen, ohne Manipulation, ohne Spielchen. Bei ihnen fühle ich mich zugehörig, wirklich und vollständig angenommen.
Und trotzdem... fehlt etwas. Es bleibt ein Loch tief in mir, das ich nicht mehr füllen kann.
Es gibt Momente, da sitze ich mit meinem Kind auf dem Schoß auf dem Boden und blättere in seinem Fotoalbum. Und da sehe ich all diese Gesichter - Menschen, die eigentlich eine signifikante Rolle in meinem und auch dem Leben meines Kindes spielen sollten. Und es wird mir plötzlich bewusst, dass der Tag kommen wird, an dem ich meinem Kind erklären muss, warum diese Gesichter für ihn keine Bedeutung haben. Warum er sie nicht kennt, es keinen Kontakt gibt. Und das tut weh. Ich wäre so gerne jemand, der seine Mutter anrufen kann, wenn er einen Rat benötigt. Ich hätte gerne einen Bruder, mit dem ich mich über den Alltag austauschen kann, er versteht, woher ich komme. Aber das habe ich nicht. Und manchmal überkommt mich eine innere, tiefe Leere. Eine Traurigkeit, die so schwer wiegt, dass ich sie kaum in Worte fassen kann.
Auch zu meinen Großeltern hätte ich gerne mehr Kontakt. Aber selbst dort spüre ich diesen Druck, diesen subtilen Versuch, mich wieder zurückzudrängen in ein System, das mich verletzt hat. Ein System, das mich gefressen, verdaut und ausgekotzt hat. Meine Omi bittet mich immer wieder, meiner Mutter noch eine Chance zu geben und mit ihr das Gespräch zu suchen. Dabei war es meine Mutter, die mich im entscheidenden Moment im Stich gelassen hat. Und was das Verhalten meines Bruders anbelangt - nun, das wird relativiert, kleingeredet. Sei ja nicht so schlimm gewesen, „kennst ja deinen Bruder“. Ich fühle mich nicht gesehen. Nicht verstanden.
Vor kurzem war ein Fest in meiner Familie. Wir waren eingeladen, aber sind nicht hingegangen - aus Selbstschutz. Ich wollte nicht auf Menschen treffen, die mich ignorieren, die über mich urteilen, die eine heile Welt mimen, wo keine ist. Ein Happy-Family-Schauspiel, das mich ausschließt. Ich hatte gedacht, dass viele andere der Eingeladenen wahrscheinlich auch nicht kommen würden - so wie früher. Es wurde nie ein Aufwand für andere Menschen betrieben, wieso sollte es dieses Mal anders sein? Doch dann sah ich die Fotos. Diese heile Welt. Diese fröhlichen Gesichter. Und ich? Ich fühle mich wie ein Geist, jemand der einfach aus den Bildern ausradiert oder abgeschnitten wurde. Und obwohl ich weiß, dass ich meinen Frieden woanders gefunden habe, tut es weh. Es ist wie ein Stich ins Herz. Jedes Mal.
Was das alles mit mir macht? Ich zweifle. An mir. An meinem Wert. Wenn jemand einen Tag nicht auf eine meiner Nachrichten antwortet, kreisen meine Gedanken sofort: „Was habe ich falsch gemacht?“ - ich fange an, alles auf mich zu beziehen. Vermute Ablehnung, wo vielleicht gar keine ist. Es ist, als hätte sich ein Muster in mein Denken eingebrannt, das ich einfach nicht abschütteln kann. Ich befinde mich in Therapie - ein Raum, in dem ich endlich ich sein darf. In dem ich lerne, meinen Gefühlen zu trauen. In dem ich begreife, was mir passiert ist. Und wie ich davon lösen kann. Schritt für Schritt, in meinem Tempo. Es ist keine schnelle Heilung. Aber sie ist echt.
Ich weiß, dass ich meinen eigenen Weg gehen werde. Dass ich Grenzen gezogen habe, um mich selbst und meine kleine Familie zu schützen. Aber manchmal wünsche ich mir einfach nur, dass es nicht so gekommen wäre. Dass ich nicht wählen musste zwischen dem, was war, und dem, was gut für mich ist. Ich fühle mich heute stabiler, klarer, aufrechter als jemals zuvor. Und trotzdem gibt es sie, diese Gedankenkarusselle. Was wäre, wenn sie sich doch eines Tages ändern würden? Wenn es doch noch möglich wäre, dass sie mich sehen, mich verstehen, mich lieben - so wie ich bin. Ich weiß, dass es wahrscheinlich nie so sein wird. Aber manchmal wünscht sich das verletzte, innere Kind in mir genau das.
Und doch: ich habe mich entschieden, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Für mich. Für meine Frau. Für unser Kind. Ich bin nicht mehr das Kind, das um Liebe bettelt. Ich bin eine Frau, die liebt, schützt und sich befreit.
Ich vermisse sie. Nicht so, wie sie sind - sondern so, wie ich mir immer gewünscht hätte, dass sie wären. Und auch, wenn sie mir fehlen. Ich wachse. Und ich gehe verdammt nochmal weiter.
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