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Abgemeldet

  • Autorenbild: Sophia A. Marten
    Sophia A. Marten
  • 15. Jan. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Jan. 2025

Wenn ich an meine Tante - die Schwester meines Vaters - denke, dann denke ich vor allem an eines: an richtig schöne Sommertage im kleinen Garten ihres Partners und lustige Wasserschlachten mit bunten Wasserbomben. Wir verbrachten viel Zeit zusammen im runden, frei stehenden Pool, spielten Verstecken im alten Schuppen, außerdem Karten- sowie Brettspiele und verbrachten sommerlich warme Grillabende gemeinsam. Bei kühleren Temperaturen verbrachten wir die Zeit im Wohn- und Essbereich des kleinen „Hexenhäuschens“, wie wir es gerne nannten weil es optisch an eines erinnerte, zockten gemeinsam an der PlayStation, zeichneten absichtlich fürchterliche Bilder mit Farben, die so gar nicht zusammen passen wollten, lachten und hatten eine unheimlich schöne Zeit an die ich mich gerne zurück erinnere. In der kleinen, verwinkelten Küche hing ein Lach-Sack an dessen Schnur wir gerne und häufig zogen und uns dann jedes Mal gruselten, weil der schon sehr alt war und entsprechend komisch klang. Gerne verbrachten wir auch unsere Zeit in der kleinen Wohnung meiner Tante. Es roch immer nach einer Mischung aus Zigarettenrauch und orientalischen Räucherstäbchen - ich würde diesen Geruch aus Tausenden wiedererkennen. Vor einigen Jahren haben mein Bruder und ich ein Gemälde bei einer Bekannten gekauft, um welches meine Mutter schon länger herum schlich und mit welchem wir sie an ihrem Geburtstag überraschen wollten, und einige Zeit darauf bei dieser zuhause abgeholt. „Sag mal, riechst du das auch?“ schaute ich meinen Bruder mit großen Augen an und reckte demonstrativ die Nase in die Luft. „Riecht nach unserer Tante, ne...“, erkannte dieser sofort. Wir waren kurz irritiert. Müssen wohl dieselben Duftstäbchen gewesen sein - und in der Wohnung geraucht wurde auch.


Meine Tante verbrachte einmal einige Monate in meinem Elternhaus - die genauen Gründe wurden mir nie mitgeteilt, ich fand das jedoch richtig toll. Sie hatte eine einzigartige Art, zu lachen. Es klang einfach ehrlich und frei raus. Wir haben gerne „Das Dschungelbuch“ angeschaut und Toast mit Butter und Zuckerrübensirup gegessen, was sie immer lachend „Es läuft, es läuft“ nannte weil uns dieser Sirup regelmäßig vom warmen Toast über die Hände gelaufen ist. Dazu gab es Frischmilch von Landliebe. Die im Glas. Ich liebte es, dass sie bei uns wohnte weil die allgemeine Stimmung dadurch irgendwie besser war und ich tatsächlich gerne nach Hause gegangen bin. Immer, wenn ich sie mit ihren knallbunt gefärbten Haaren von weitem schon sah, federte ich im Gang ein wenig höher und atmete etwas leichter.


„Ja, aber wo ist sie denn hin?“, fragte ich eines Tages meine Eltern, als ich von der Schule nach Hause kam, und meine Tante nicht mehr da war. „Woher soll ich das wissen, die macht doch was sie will“ war die genervte, knappe Antwort meines Vaters, gefolgt von einer wegwerfenden Handbewegung und ein Schnalzen mit der Zunge. Eigentlich konnte er seine Schwester nicht leiden und hat ihr nur einen Gefallen getan, indem er sie einige Zeit bei uns hat wohnen lassen. Welche genauen Gründe dahinter steckten, weiß ich bis heute nicht - wurde nicht drüber gesprochen. „Die soll bleiben, wo der Pfeffer wächst“ fügte er noch ergänzend hinzu, während er aus dem Zimmer stapfte. Er nannte sie auch nicht bei ihrem richtigen Namen, sondern nur abwertend „Selle“, was ungefähr so viel bedeutet wie „Die da, die andere“ - aber sehr negativ behaftet.


Okay, also wurde da nicht drüber gesprochen. Ich habe das Thema nie mehr aufgebracht. Irgendwann tauchte meine Tante dann wieder auf, wohnte jedoch fortan wieder in ihrer eigenen Wohnung. Der Kontakt war nach dieser Aktion jedoch nie mehr derselbe, weder gingen wir noch zu ihr, noch meldete sie sich bei uns. „Die müssen sich übel gezofft haben“ merkte ich bei meinem Bruder an, als wir gemeinsam Lego spielten und Kassetten hörten. „Voll komisch... schade, ich vermisse sie“ ergänzte ich. Mit meinem Bruder teilte ich eine Menge Informationen, die ich gewöhnlich für mich behielt. Mein Bruder schaute mich nur an und zuckte mit den Schultern „Ja, schon blöd“, war seine einzige Reaktion darauf. Ich glaube, niemand hat je wirklich verstanden, wie unfassbar weh es mir getan hat, dass ich sie nicht mehr um mich herum hatte. Sie hat mir stets gut getan, ich habe sie sehr gemocht. Aber irgendwann, vor allem weil es niemanden gab mit dem ich hätte darüber sprechen können, schluckte ich den Ärger und den Schmerz einfach herunter. „Komm mal klar, so toll war sie nun auch nicht“ versuchte ich, mir selbst Mut zuzusprechen. Aber doch, tief in mir drin wusste ich, sie war wirklich toll.


Der Sohn meiner Tante, zu dem weder sie noch wir besonders viel Kontakt hatten und der ein ziemlich kriminelles und drogenreiches Leben führte, ließ eines Tages die Bombe platzen: „Ich werde Papa“. Bei meiner Tante lief ein ganz besonderer Film ab - sie würde Oma werden. Schnell fing sie an, alle möglichen Babysachen online zu kaufen, schon bald häuften sich die Pakete vor ihrer Wohnungstür und als sie etwas später heraus fand, dass es ein Mädchen werden sollte, war alles zu spät. Sie war auf Wolke sieben. „Ein Mädchen!“, strahlte sie mit glänzenden Augen. Ich nahm die Information erst einmal unkommentiert hin und machte mir nicht allzu viele Gedanken darüber. Wir hatten ja ohnehin nicht mehr sehr viel Kontakt, das neue Baby-Mädchen konnte mir also eigentlich nichts weg nehmen, was ich nicht sowieso schon verloren hatte. Oder? Und doch fühlte es sich so an, als würde es genau das tun. Niemand schenkte dem Nachwuchs meines Cousins besonders viel Beachtung, nicht einmal meine Großeltern schienen sich sehr dafür zu interessieren. „Ist sowieso nicht seines“, war die einzige, knappe Bemerkung meines Großvaters zu dem neuen Familienmitglied. Er sollte recht behalten. Zu Gesicht bekamen wir das Mädchen ein einziges Mal. Einige Jahre später folgte ein Söhnchen, der nach eigener Recherche im Erwachsenenalter meinerseits tatsächlich sein Sohn zu sein schien - die frappierende Ähnlichkeit überzeugte schließlich jeden. Auch ihn bekamen wir nie zu Gesicht und nach dem Tod meines Cousins war das Thema sowieso endgültig vom Tisch. Meiner Tante muss das ganze sehr zugesetzt haben, hatte sie sich doch so sehr gewünscht, Oma sein zu können. Aber die leibliche Mutter der Kinder ließ dies partout nicht zu.


So sehr es mir auch für meine Tante leid tat, dass ihr Wunsch nach einer eigenen Familie nie erfüllt werden sollte - um meine kleine Seele tat es mir noch ein kleines bisschen mehr leid. Nach Bekanntwerden der Information, dass ein kleines Baby auf dem Weg ist, war ich komplett abgemeldet. Das bisschen Tante, was mir noch übrig blieb nachdem mein Vater sich mit ihr verstritten hatte, gehörte schnell der Vergangenheit an. War ich doch eigentlich immer ihre liebste Nichte gewesen? Plötzlich war von alldem nichts mehr übrig, es schien, als hätte ich mir alles nur eingebildet. „Ja, aber die war doch sowieso nicht so interessiert“, bemerkte eines Tages mein Bruder. Naja, das mag wohl auf ihn zutreffen, das mag sein. An mir schien sie jedoch immer sehr interessiert.


In der Zeit, als sie bei uns lebte, stellte sie sich öfter als nur einmal vor mich, wenn meine Eltern mich einmal mehr schlecht behandelten. Sie lobte meinen Gesang, der in meiner Kindheit bei meinen Eltern häufig nur genervte Blicke hervorbrachte - an einem Tag, als ich (mal wieder) etwas zum besten gab, verdrehte mein Vater nur die Augen und ließ verlauten, dass das so toll ja auch nicht wäre und ich mich mal beruhigen soll. „Deine Tochter hat eine ganz schöne Stimme!“ erwiderte meine Tante energisch und, an mich gewandt, meinte sie nur augenzwinkernd: „Lass den schwätzen... der hat keine Ahnung“ Ich zwang mich zu einem Lächeln. Nach diesem Tag unterließ ich es tunlichst, zu singen. Es sollten Jahre ins Land gehen, bis ich mich wieder traute und erst nachdem auch andere, fremde Leute bemerkten, dass die Sophia ja eine richtig schöne Stimme hätte und eigentlich etwas daraus machen sollte, fing vor allem mein Vater an, etwas kleinlaut zu werden und irgendwann hieß es plötzlich, er habe schon immer gewusst, dass ich Talent hätte. Häufig war meine Tante auch der Grund, weshalb ich nicht auf das Zimmer geschickt wurde. Sie wusch meinen Eltern häufiger als nur einmal den Kopf: „Also hör mal, das war absolut nicht schlimm, wie sie reagiert hat!“ oder „Jetzt kriegt euch mal wieder ein!“ waren Sätze, die mir in Erinnerung blieben. Auch, dass mein Bruder kein Unschuldslamm war, wurde bemerkt. „Der übertreibt gerne, ne“, flüsterte sie mir grinsend zu als mein Bruder mal wieder geweint hatte, weil ich ihn ja so schlimm gestoßen hatte. Ich hob als Antwort nur seufzend die Schultern und begab mich, wie geheißen, auf mein Zimmer.


Nach dem Tod meines Großvaters und ihres Vaters verschwand meine Tante komplett von der Bildfläche und zog in eine andere Stadt. Das letzte Mal gesehen habe ich sie vor Gericht etwa zehn Jahre nach dem Tod ihres Vaters. Es kam zu einem Erbstreit nach dem Tod der Mutter, meiner Großmutter und wir waren alle anwesend. Ich erkannte sie nicht mehr, sie würdigte mich keines Blickes - ich war der Feind. Als die Verhandlung vorbei war, huschte sie als erste aus dem Gerichtssaal. Häufig habe ich darüber nachgedacht, sie zu suchen. Immer wieder ertappe ich mich dabei, online nach ihrem Namen zu forsten; stets in der Hoffnung, sie auf irgendeiner Plattform zu finden. Ich blieb bis zum Schluss erfolglos. Ich habe vor vielen Jahren eine der mir wichtigsten Bezugspersonen verloren - vom einen auf den anderen Tag hatte sie kein Interesse mehr an mir. Wenngleich ich kognitiv natürlich weiß, dass sie mental nicht ganz bei Sinnen war und ist und ziemlich sicher auch Alkohol und Drogen eine übergeordnete Rolle an ihrem Verhalten spielen, wurde ich das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein, nie aus dem System. Manchmal wünschte ich mir, sie würde mich heute kennen. Sie würde mein Kind kennen, mein Leben kennen. Wissen, was aus mir geworden ist. Dass sie das nie wird, macht mich sehr betroffen. Heute weiß ich nach einiger Recherchearbeit, dass sie vor zwei Jahren verstorben ist. Ich wünsche mir für sie, dass sie zum Schluss Frieden gefunden hat. Wie auch immer dieser ausgesehen hat.










 
 
 

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